Lektion 13: Die Adhäsivbrücke (Marylandbrücke) – Minimalinvasiver Lückenschluss im Frontzahnbereich
A. Klinische Relevanz
Die Adhäsivbrücke, oft auch als Marylandbrücke bezeichnet, ist die eleganteste und substanzschonendste Methode, um eine einzelne Zahnlücke im Frontzahnbereich festsitzend zu versorgen. Im Gegensatz zur konventionellen Brücke, die ein massives Beschleifen der oft gesunden Nachbarzähne erfordert, beruht der Halt der Adhäsivbrücke ausschließlich auf einem starken Klebeverbund an den minimal präparierten palatinalen/lingualen Flächen der Pfeilerzähne. Sie stellt bei strenger Indikationsstellung eine exzellente, langlebige und ästhetische Alternative zum Einzelzahn-Implantat dar, insbesondere bei jungen Patienten oder bei ungünstigen Knochenverhältnissen.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Konzept und Evolution
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Klassische Marylandbrücke (historisch): Ein Metallgerüst mit perforierten oder sandgestrahlten Klebeflügeln. Hauptproblem war die unzuverlässige Haftung am Metall, was zu hohen Debonding-Raten führte.
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Moderne Adhäsivbrücke (heutiger Standard):
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Material: Das Gerüst wird aus einer hochfesten Keramik, meist Zirkonoxid, gefräst (CAD/CAM).
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Vorteil: Die adhäsive Befestigung von Zirkonoxid an Schmelz ist heute, dank spezieller Konditionierungs- und Zementprotokolle, sehr zuverlässig und langlebig.
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2. Biomechanik und Design: Das Ein-Flügel-Prinzip
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Zwei-Flügel-Design (veraltet): Verklebung an beiden Nachbarzähnen.
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Problem: Die Pfeilerzähne haben eine geringfügige, aber unterschiedliche physiologische Beweglichkeit. Dies erzeugt permanente Scherkräfte auf die Klebefugen, was typischerweise zum unbemerkten Debonding eines Flügels führt. In den entstandenen Spalt dringt Karies ein.
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Ein-Flügel-Design (moderner Goldstandard):
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Prinzip: Die Brücke wird als Freiend- (Cantilever-) Brücke gestaltet und nur an einem Pfeilerzahn befestigt.
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Vorteil: Pfeilerzahn und Brückenglied können sich als eine Einheit physiologisch bewegen. Die schädlichen Scherkräfte entfallen. Klinische Langzeitstudien zeigen eine signifikant höhere Erfolgsrate für das Ein-Flügel-Design.
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Pfeilerwahl: Es wird der Zahn mit der größeren Klebefläche und der besseren parodontalen Verankerung gewählt (z.B. der zentrale Schneidezahn als Pfeiler für den seitlichen).
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3. Strenge Indikationen
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Einzelzahnlücke im Frontzahnbereich (ideal: Ersatz eines seitlichen Schneidezahnes oder eines unteren Schneidezahnes).
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Absolut karies- und füllungsfreie Pfeilerzähne mit ausreichend Schmelz für eine sichere Verklebung.
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Günstige Okklusion ohne tiefe Bisse oder Knirschgewohnheiten, die das Brückenglied stark belasten.
4. Das klinische Vorgehen (Ein-Flügel-Zirkonoxid-Brücke)
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Präparation: Extrem minimalinvasiv. Auf der Palatinal-/Lingualfläche des Pfeilerzahns wird eine kleine, ca. 0,7 mm tiefe Auflagefläche (“Box”) präpariert. Dies dient der definierten Positionierung und verhindert ein Abscheren der Brücke.
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Abformung: Präzisionsabformung oder digitaler Scan.
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Adhäsive Befestigung (ENTSCHEIDENDER SCHRITT):
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Kofferdam: Absolute Trockenlegung ist obligatorisch.
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Konditionierung der Brücke: Die Klebefläche des Zirkonoxid-Flügels wird mit Aluminiumoxid (50 µm) sandgestrahlt. Anschließend wird ein spezieller Zirkonoxid-Primer (enthält das Haftmonomer MDP) aufgetragen.
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Konditionierung des Zahnes: Der Schmelz wird mit Phosphorsäure geätzt und mit einem Adhäsiv (Bonding) benetzt.
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Zementierung: Die Brücke wird mit einem adhäsiven Kompositzement eingesetzt.
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C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Adhäsivbrücke vs. Implantat in der Frontzahnlücke: Ein Implantat ist oft der Goldstandard, hat aber Nachteile (chirurgischer Eingriff, Kosten, unvorhersehbare Papillen-Ästhetik). Die Adhäsivbrücke ist eine exzellente Alternative, wenn:
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der Patient sehr jung ist und das Kieferwachstum noch nicht abgeschlossen ist.
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das Knochenangebot für ein Implantat unzureichend ist.
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der Patient einen schnellen, weniger invasiven Lückenschluss wünscht.
Fallbeispiel:
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Szenario: Eine 18-jährige Patientin hat eine Nichtanlage des Zahnes 22. Die Lücke wurde kieferorthopädisch ideal eingestellt. Die Nachbarzähne 21 und 23 sind völlig gesund und füllungsfrei.
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Analyse:
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Konventionelle Brücke: Wäre ein Kunstfehler, da zwei gesunde Zähne massiv beschliffen werden müssten.
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Implantat: Eine sehr gute Option, aber die Patientin ist noch sehr jung und scheut den chirurgischen Eingriff.
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Adhäsivbrücke: Die ideale, minimalinvasive Lösung für diese Situation.
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Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Eine ein-flügelige Zirkonoxid-Adhäsivbrücke, die am zentralen Schneidezahn (21) verankert wird.
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Präparation: In Zahn 21 wird eine minimale palatinale Box präpariert.
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Herstellung: Eine CAD/CAM-gefertigte Brücke aus hochtransluzentem Zirkonoxid wird hergestellt.
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Eingliederung: Die Brücke wird unter Kofferdam streng adhäsiv nach dem oben beschriebenen Protokoll befestigt.
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Ergebnis: Die Lücke ist ästhetisch und funktionell perfekt geschlossen. Der Substanzopfer an den Pfeilerzähnen ist vernachlässigbar gering. Sollte die Brücke in 15-20 Jahren erneuert werden müssen oder die Patientin sich dann ein Implantat wünschen, ist der Pfeilerzahn nahezu unversehrt.