Lektion 13: Das Qualitätsmanagement (QM) in der Zahnarztpraxis

A. Klinische Relevanz
Qualitätsmanagement (QM) ist heute weit mehr als eine freiwillige Maßnahme zur Praxisoptimierung. Es ist eine berufsrechtliche Pflicht (§ 135c SGB V) für alle Vertragszahnärzte und stellt ein systematisches Instrument dar, um Behandlungsqualität, Patientensicherheit und Prozesseffizienz kontinuierlich zu verbessern. Ein gelebtes QM-System reduziert Fehlerquellen, senkt das Haftungsrisiko, steigert die Patientenzufriedenheit und sichert langfristig den wirtschaftlichen Erfolg der Praxis. Es ist die Grundlage für eine moderne, professionelle Praxisstruktur.

B. Detailliertes Fachwissen
1. Definition und Ziele des QM

  • Definition: QM umfasst alle koordinierten Tätigkeiten zum Leiten und Lenken einer Praxis im Hinblick auf die Qualität. Es ist ein kontinuierlicher Prozess (PDCA-Zyklus: Plan-Do-Check-Act).

  • Ziele:

    • Patientensicherheit und -zufriedenheit steigern.

    • Behandlungs- und Prozessqualität standardisieren und verbessern.

    • Rechtssicherheit erhöhen (Dokumentation, Hygiene).

    • Wirtschaftlichkeit optimieren.

2. Die vier Kernbereiche des QM nach DIN EN ISO 9001:2015 (übertragen auf die Zahnarztpraxis)

a) Patientenorientierung
* Fokus auf die Bedürfnisse und Erwartungen der Patienten.
* Umsetzung durch: Transparente Kommunikation, Einbeziehung in Entscheidungen, Beschwerdemanagement.

b) Verantwortung der Führung (Praxisinhaber)
* Der Praxisinhaber trägt die Gesamtverantwortung für das QM-System.
* Umsetzung durch: Festlegung der Qualitätspolitik, Bereitstellung von Ressourcen, regelmäßige Managementbewertungen.

c) Einbeziehung der Mitarbeiter
* Qualifizierte und motivierte Mitarbeiter sind der Schlüssel zum Erfolg.
* Umsetzung durch: Regelmäßige Teambesprechungen, Fortbildungen, klare Aufgabenbeschreibungen, Delegation.

d) Prozessorientierter Ansatz
* Alle Abläufe in der Praxis werden als miteinander verknüpfte Prozesse verstanden und optimiert.
* Umsetzung durch: Definition und Dokumentation von Schlüsselprozessen (z.B. Patientenanmeldung, Abrechnung, Sterilisation).

3. Konkrete QM-Maßnahmen und -Instrumente in der Praxis

  • QM-Handbuch: Die zentrale Dokumentation des gesamten QM-Systems.

  • Interne Audits: Systematische, interne Überprüfung der Praxisabläufe auf Einhaltung der QM-Vorgaben.

  • Fehler- und Risikomanagement: Erfassung und Analyse von Beinahe-Fehlern und tatsächlichen Fehlern, um daraus zu lernen (Critical Incident Reporting System – CIRS).

  • Patientenbefragungen: Systematische Erhebung der Patientenzufriedenheit.

  • Fortbildungsplanung: Dokumentierte und bedarfsgerechte Planung der Fortbildungen für alle Teammitglieder.

  • Maßnahmen zur Qualitätssicherung: z.B. regelmäßige Röntgen- und Sterilisationsprüfungen.

4. Der QM-Pflichtkatalog nach § 135c SGB V (Auszug)

Für Vertragszahnärzte sind folgende Maßnahmen verpflichtend:

 
 
QM-Bereich Konkrete Verpflichtung (Auszug)
Fortbildung Dokumentierte, regelmäßige Fortbildung für Zahnarzt und Personal.
Qualitätszirkel Regelmäßige, dokumentierte Teilnahme an Qualitätszirkeln.
Patienteninformation & Einwilligung Sicherstellung der ordnungsgemäßen Aufklärung.
Hygienemanagement Einhalten der Anforderungen des Medizinproduktegesetzes (MPG) und der Hygiene-Richtlinien.
Dokumentation Sicherstellung der vollständigen und ordnungsgemäßen Patienten-Dokumentation.
Arzneimitteltherapie Sicherstellung der Therapiesicherheit bei der Verordnung (z.B. Allergien, Wechselwirkungen).
Notfallmanagement Vorhalten und regelmäßige Überprüfung von Notfallausrüstung und -medikamenten; Schulung des Teams.

In Google Sheets exportieren

5. Der PDCA-Zyklus als Grundprinzip

  • Plan (Planen): Zielsetzung und Planung einer Verbesserungsmaßnahme (z.B.: “Wir wollen die Wartezeiten für unsere Patienten reduzieren.”).

  • Do (Umsetzen): Durchführung der geplanten Maßnahme (z.B.: Einführung eines Online-Terminbuchungssystems).

  • Check (Überprüfen): Überprüfung der Wirksamkeit (z.B.: Auswertung der Wartezeiten und Patientenbefragung nach 3 Monaten).

  • Act (Handeln): Standardisierung der erfolgreichen Maßnahme oder Neuplanung bei Misserfolg.

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Fallbeispiel: Die vergessene Prophylaxe-Unterweisung

Szenario: In einer Praxis ohne etabliertes QM-System erhält ein neuer Patient nach einer Parodontitis-Behandlung eine individuelle Prophylaxe-Unterweisung (IPU) von einer ZFA. Die Durchführung und der Inhalt der Unterweisung werden nicht einheitlich dokumentiert. Ein halbes Jahr später stellt sich der Patient mit einem Rezidiv der Parodontitis vor. Er bestreitet, jemals eine ausführliche Unterweisung erhalten zu haben. In der Akte findet sich kein Nachweis.

Analyse: Es liegt ein QM-Fehler vor, konkret ein Dokumentations- und Prozessmangel. Der Prozess “Durchführung und Dokumentation der IPU” ist nicht standardisiert, was zu Lücken und Beweisschwierigkeiten führt.

Klinische Konsequenz & Rechtliche Folgen:

  • Der Patient könnte argumentieren, dass das Rezidiv auf die unterlassene/unzureichende Unterweisung zurückzuführen ist.

  • Da die Dokumentation fehlt, tritt eine Beweislastumkehr ein. Der Zahnarzt kann nicht beweisen, dass die IPU durchgeführt wurde.

  • Es droht ein Haftungsfall mit Schadensersatzansprüchen.

  • Bei einer Prüfung durch die KZV oder die Zahnärztekammer wegen des fehlenden QM-Nachweises können Regresse oder berufsrechtliche Maßnahmen folgen.

Das korrekte Vorgehen im QM-System:

  1. Plan: Im QM-Handbuch wird ein standardisierter Ablauf und ein Dokumentationsbogen für die IPU festgelegt.

  2. Do: Alle Teammitglieder werden im standardisi Verfahren geschult und wenden den Dokumentationsbogen an.

  3. Check: In internen Audits wird stichprobenartig überprüft, ob die IPU korrekt dokumentiert wird.

  4. Act: Der Prozess wird bei Abweichungen nachjustiert und schließlich als Standard etabliert.

Ergebnis: Die IPU wird immer einheitlich durchgeführt und lückenlos dokumentiert. Im Falle eines Rezidivs ist der Nachweis der erfolgten Unterweisung erbracht, was die Haftungssituation entschärft und die Therapietreue des Patienten fördert.