Lektion 13: Alternative restaurative Techniken (ART) und die Hall-Technik
A. Klinische Relevanz
Die konventionelle Kariestherapie (“Bohren und Füllen”) ist bei kooperativen Kindern sehr erfolgreich, stößt aber bei sehr jungen, ängstlichen oder unkooperativen Patienten an ihre Grenzen. Alternative restaurative Techniken bieten in diesen schwierigen Situationen bahnbrechende, evidenzbasierte Lösungen. Sie verfolgen einen radikal anderen Ansatz: Statt die Karies vollständig zu entfernen, zielen sie darauf ab, die Läsion biologisch zu inaktivieren, indem sie vom Nährstoffnachschub aus der Mundhöhle abgeschnitten wird. Diese minimal- oder sogar non-invasiven Verfahren sind oft ohne Bohrer und ohne Lokalanästhesie durchführbar, was sie zu unschätzbar wertvollen Werkzeugen für eine atraumatische und kindgerechte Behandlung macht.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Atraumatic Restorative Treatment (ART)
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Konzept: Eine minimalinvasive Methode, die primär für den Einsatz in Regionen mit limitierter zahnärztlicher Infrastruktur (ohne Strom/Wasser) entwickelt wurde, sich aber auch in der modernen Praxis etabliert hat.
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Prinzip:
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Exkavation nur mit Handinstrumenten: Nach der Öffnung der Kavität (falls nötig) wird ausschließlich das weiche, infizierte Dentin mit einem Löffel-Exkavator entfernt. Es wird bewusst kein Bohrer verwendet. Hartes, demineralisiertes (“affected”) Dentin wird belassen.
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Restauration mit hochviskosem Glasionomerzement (GIZ): Die Kavität wird dann mit einem speziellen, hochfesten GIZ gefüllt.
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Wirkmechanismus: Der dichte GIZ-Verschluss versiegelt die verbliebenen Bakterien und schneidet sie von der Zufuhr von Kohlenhydraten ab, wodurch die Läsion arretiert wird. Zusätzlich wirkt die hohe Fluoridfreisetzung des GIZ remineralisierend auf die umgebende Zahnhartsubstanz.
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Indikation: Kleine bis mittelgroße, gut zugängliche Kavitäten (Klasse I) bei sehr ängstlichen Patienten, bei denen auf den Bohrer verzichtet werden soll.
2. Die Hall-Technik
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Konzept: Eine non-invasive Technik zur Behandlung von kariösen Milchmolaren durch das Zementieren einer konfektionierten Stahlkrone ohne Kariesentfernung, ohne Präparation und ohne Lokalanästhesie.
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Biologisches Prinzip (Biofilm-Versiegelung): Die Karies wird nicht entfernt, sondern hermetisch unter der Krone versiegelt. Die Bakterien werden von ihrer Nahrungsquelle isoliert, ihr Stoffwechsel kommt zum Erliegen, und die Läsion wird arretiert.
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Strenge Indikationen:
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Ausschließlich für Milchmolaren.
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Approximale oder okklusale Kavitäten (Kl. I oder II).
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Der Zahn muss asymptomatisch sein. Es dürfen keine klinischen oder radiologischen Anzeichen einer irreversiblen Pulpitis oder apikalen Pathologie vorliegen (keine Spontanschmerzen, keine Fistel, keine periapikale Aufhellung).
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Klinisches Vorgehen:
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Diagnostik & Selektion: Ein Röntgenbild ist obligatorisch, um eine Pulpa-Beteiligung auszuschließen.
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Separation (optional, aber empfohlen): Einige Tage vor dem eigentlichen Termin werden orthodontische Gummis approximal platziert, um minimalen Platz für die Krone zu schaffen.
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Kronenauswahl: Eine passende Stahlkrone wird ausgewählt.
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Zementierung: Die Krone wird großzügig mit Glasionomerzement gefüllt und mit festem, konstantem Druck über den unpräparierten, trockenen Zahn geschoben. Der Patient wird oft gebeten, auf einen Watteroll oder Beißstab zu beißen, um die Krone vollständig zu platzieren.
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Vorteile: Extrem schnell (der eigentliche Vorgang dauert < 5 Minuten), erfordert keine Anästhesie und keinen Bohrer, ist für das Kind kaum belastend und hat in Studien exzellente, oft den konventionellen Füllungen überlegene Langzeit-Erfolgsraten gezeigt.
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Kommunikation mit den Eltern: Das Konzept, Karies “einzuschließen” anstatt zu entfernen, ist für Eltern oft kontraintuitiv und erfordert eine sorgfältige Aufklärung.
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Analogie: “Wir setzen dem Zahn eine feste Ritter-Rüstung auf. Diese Rüstung schließt die Bakterien luftdicht ein und hungert sie aus, sodass sie keinen Schaden mehr anrichten können. Das ist eine sehr moderne und schonende Methode, die Ihrem Kind den Bohrer und die Spritze erspart.”
Fallbeispiel:
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Szenario: Ein 4-jähriges, sehr ängstliches Kind (Frankl 2) hat eine moderate, approximale Karies an Zahn 74. Das Kind weigert sich, den Mund für eine Untersuchung zu öffnen, und schreit bei dem Gedanken an eine Behandlung. Eine konventionelle Füllung wäre nur unter Sedierung oder Narkose möglich.
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Analyse:
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Verhalten: Das Kind ist prä-kooperativ und phobisch. Eine invasive Behandlung ist nicht möglich.
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Diagnose: Ein Röntgenbild (das mit Mühe gemacht werden konnte) zeigt eine Dentinläsion ohne Anzeichen einer periapikalen Pathologie. Der Zahn ist asymptomatisch.
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Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Die Hall-Technik ist hier die ideale, atraumatische Management-Option.
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Vorbereitung: Den Eltern wird das Konzept erklärt. Orthodontische Separatoren werden platziert.
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Behandlungstermin: Die Behandlung selbst dauert nur wenige Minuten. Dem Kind wird erklärt, dass es eine “glänzende Kappe für seinen Zahn” bekommt und es nur einmal fest zubeißen muss.
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Eine passende Stahlkrone wird ausgewählt, mit GIZ gefüllt und auf den Zahn gedrückt, während der Zahnarzt das Kind ermutigt, fest zuzubeißen.
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Überschüssiger Zement wird entfernt. Fertig.
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Ergebnis: Der kariöse Zahn wurde erfolgreich und langfristig stabil versorgt, ohne Anästhesie, ohne Bohren und ohne das Kind zu traumatisieren. Die Notwendigkeit einer Narkosebehandlung wurde vermieden.