Lektion 12: Weitere maligne Tumoren der Mundhöhle (Melanome, Lymphome, Sarkome)
A. Klinische Relevanz
Obwohl das Plattenepithelkarzinom über 90% der malignen Tumoren in der Mundhöhle ausmacht, muss der Zahnarzt auch die klinischen Anzeichen seltenerer, aber oft hochaggressiver Malignome kennen. Melanome, Lymphome und Sarkome können sich in der Mundhöhle manifestieren, manchmal sogar als erstes Anzeichen einer systemischen Erkrankung. Ihre klinische Erscheinung ist oft untypisch und kann gutartige Läsionen oder odontogene Infektionen imitieren. Ein hoher Grad an klinischem Verdacht (“Index of Suspicion”) und die Fähigkeit, über die alltäglichen Diagnosen hinauszudenken, sind entscheidend für die frühzeitige Erkennung dieser potenziell lebensbedrohlichen Erkrankungen.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Das Maligne Melanom der Mundschleimhaut
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Definition: Ein hochaggressiver, maligner Tumor der Melanozyten (Pigmentzellen).
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Häufigkeit: Sehr selten in der Mundhöhle (<1% aller Melanome), aber mit einer deutlich schlechteren Prognose als das Hautmelanom.
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Klinik:
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ABCDE-Regel (adaptiert):
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Asymmetrie: Unregelmäßige Form.
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Begrenzung: Unscharf, verwaschen.
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Color (Farbe): Vielfarbig (braun, schwarz, blau, rot, weiß).
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Durchmesser: Oft > 6 mm.
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Erhabenheit/Entwicklung: Schnelles Wachstum, Knotenbildung, Ulzeration.
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Amelanotisches Melanom: Ein signifikanter Anteil (~30%) ist nicht pigmentiert und erscheint als unspezifische rötliche oder fleischfarbene Schwellung, was die Diagnose extrem erschwert.
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Lokalisation: Bevorzugt am harten Gaumen und an der Gingiva des Oberkiefers.
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Prognose: Sehr schlecht, da sie oft erst spät diagnostiziert werden und eine starke Tendenz zur frühen, aggressiven Metastasierung haben.
2. Orale Lymphome
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Definition: Maligne Neoplasien des lymphatischen Gewebes. In der Mundhöhle handelt es sich fast ausschließlich um Non-Hodgkin-Lymphome (NHL).
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Klinik:
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Die orale Läsion kann das erste Anzeichen einer systemischen Lymphomerkrankung sein.
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Typisches Erscheinungsbild ist eine schnell wachsende, schmerzlose, teigig-elastische oder derbe Schwellung. Die Farbe ist oft rötlich bis bläulich-livide.
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Lokalisation: Häufig in lymphgewebsreichen Arealen (Waldeyerscher Rachenring, Gaumen), aber auch an der Gingiva.
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Diagnostischer Hinweis: Eine Schwellung, die einem Abszess ähnelt, bei der die zugehörigen Zähne aber vital und parodontal gesund sind, ist hochverdächtig.
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3. Sarkome
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Definition: Seltene, maligne Tumoren des mesenchymalen Gewebes (Binde-, Knochen-, Muskelgewebe).
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Beispiele mit oraler Relevanz:
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Osteosarkom des Kiefers: Ein maligner Knochentumor. Ein radiologisches Frühzeichen kann eine symmetrische, unerklärliche Verbreiterung des Parodontalspaltes an einem oder mehreren Zähnen sein. Klassisch, aber selten ist das “Sonnenstrahlen”-Aspekt (sunburst appearance).
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Kaposi-Sarkom: Ein maligner Tumor der Endothelzellen, der stark mit einer HIV-Infektion (AIDS) assoziiert ist.
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Klinik: Erscheint als einzelne oder multiple, rötlich-bläuliche bis braune Flecken (Makulae) oder Knoten.
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Lokalisation: Die häufigste Lokalisation in der Mundhöhle ist der harte Gaumen. Der Nachweis eines Kaposi-Sarkoms ist eine AIDS-definierende Erkrankung.
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C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Leitsatz: Wenn ein Befund nicht ins Bild passt, an seltene Pathologien denken! Eine Schwellung ohne odontogene Ursache, eine pigmentierte Läsion, die sich verändert, oder ein Ulcus, das nicht heilt, erfordern immer eine weiterführende Abklärung.
Fallbeispiel 1: Das orale Melanoma
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Szenario: Eine 68-jährige Patientin stellt eine seit einigen Monaten wachsende, unregelmäßig bräunlich-schwarze Verfärbung am Gaumen fest.
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Analyse: Eine neu aufgetretene, asymmetrische, mehrfarbige pigmentierte Läsion an einer Hochrisiko-Stelle (Gaumen) ist ein absolutes Alarmzeichen und hochgradig verdächtig auf ein malignes Melanom.
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Klinische Konsequenz: Kein Abwarten. Sofortige Überweisung an einen MKG-Chirurgen zur Biopsie.
Fallbeispiel 2: Das orale Lymphom
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Szenario: Ein 65-jähriger Patient bemerkt eine seit 4 Wochen schnell wachsende, schmerzlose Schwellung am Zahnfleisch im Oberkiefer-Seitenzahnbereich. Eine vom Hausarzt verordnete Antibiotika-Kur war wirkungslos. Die Zähne in der Region sind vital und fest.
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Analyse: Die Diskrepanz zwischen der massiven, schnell wachsenden Schwellung und dem unauffälligen Zustand der Zähne schließt eine dentale Ursache praktisch aus. Die Anamnese und der klinische Befund sind sehr typisch für ein orales Lymphom.
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Klinische Konsequenz:
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Röntgen: Ein Röntgenbild zeigt einen diffusen, “mottenfraßartigen” Knochenabbau unter der Schwellung.
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Biopsie & Überweisung: Eine Inzisionsbiopsie wird umgehend durchgeführt, und der Patient wird sofort an einen Hämatologen/Onkologen überwiesen.
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Ergebnis: Die Biopsie bestätigt ein Non-Hodgkin-Lymphom. Die orale Läsion war die Erstmanifestation der systemischen Erkrankung. Die Fähigkeit des Zahnarztes, den “nicht-dentalen” Charakter der Schwellung zu erkennen, war entscheidend für die prompte und korrekte Diagnose.