Lektion 12: Die Anwendung von Silberdiaminfluorid (SDF) zur Kariesarretierung

A. Klinische Relevanz

 

Silberdiaminfluorid (SDF) ist eine hochwirksame, topische Lösung, die die moderne, minimalinvasive Kinderzahnheilkunde revolutioniert hat. Es ermöglicht, kariöse Läsionen ohne Bohren und ohne Füllung zu stoppen (arretieren). Dieses non-invasive Verfahren ist ein unschätzbares Werkzeug für das Management von Karies bei sehr jungen, ängstlichen oder medizinisch kompromittierten Patienten, bei denen eine konventionelle Behandlung nicht oder nur unter Sedierung/Narkose möglich wäre. Die entscheidende Kehrseite ist die intensive, permanente Schwarzfärbung der behandelten Läsion, die eine umfassende Aufklärung und ein informiertes Einverständnis der Eltern zwingend erforderlich macht.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Zusammensetzung und kombinierter Wirkmechanismus SDF ist eine wässrige Lösung, die ihre hohe Effektivität aus der synergistischen Wirkung ihrer drei Hauptkomponenten bezieht:

  • Silber (Ag⁺): Wirkt stark antimikrobiell. Silberionen zerstören die Zellmembranen von Bakterien, denaturieren ihre Proteine und hemmen ihre DNA-Replikation.

  • Fluorid (F⁻): Fördert die Remineralisation der Zahnhartsubstanz durch die Bildung von säureresistentem Fluorapatit und wirkt als Fluorid-Depot.

  • Diamin [Ag(NH₃)₂⁺]: Der Ammoniak-Komplex stabilisiert die Lösung in einer hohen Konzentration und bei einem basischen pH-Wert.

Der kombinierte Effekt:

  1. Biofilm-Eliminierung: SDF tötet die Bakterien im kariösen Dentin effektiv ab.

  2. Bildung einer arretierenden Schicht: Es reagiert mit der organischen Matrix des kariösen Dentins und fällt als Silberproteinat aus. Es bildet sich eine harte, abriebfeste, schwarze Oberflächenschicht, die resistent gegen weitere Säureangriffe und bakteriellen Abbau ist.

  3. Hemmung von Kollagenasen: SDF hemmt körpereigene Enzyme (Matrix-Metalloproteinasen), die das Kollagen im Dentin abbauen würden.

2. Strenge Indikationen SDF ist keine universelle Kariestherapie, sondern eine Lösung für spezifische Problemfälle:

  • Management von Karies bei prä-kooperativen oder extrem ängstlichen Kindern, um eine Behandlung unter Narkose aufzuschieben oder ganz zu vermeiden.

  • Karieskontrolle bei Kindern mit schweren Allgemeinerkrankungen oder Behinderungen, bei denen eine konventionelle Behandlung zu belastend wäre.

  • Arretierung von schwer zugänglichen Läsionen.

  • Als “intermediäre Therapie”, um aktive Läsionen zu stoppen und Zeit zu gewinnen, bis das Kind kooperativer für eine definitive Füllung ist.

3. Absolute Kontraindikationen

  • Zähne mit Anzeichen einer irreversiblen Pulpitis oder Pulpanekrose. SDF behandelt nur die Hartsubstanz, keine Pulpainfektion.

  • Nachgewiesene Silber-Allergie.

  • Ästhetisch anspruchsvolle Bereiche (OK-Frontzähne), es sei denn, die Eltern stimmen der Schwarzfärbung nachdrücklich zu.

4. Das klinische Vorgehen

  1. Vorbereitung und Schutz: SDF verfärbt Haut, Schleimhaut (temporär braun), Kleidung und Oberflächen (permanent schwarz)! Schutzbrillen für alle, Abdeckung des Patienten, Applikation von Vaseline auf die Lippen und die umgebende Gingiva sind obligatorisch.

  2. Isolation und Trocknung: Relative Trockenlegung mit Watterollen. Die kariöse Läsion wird von groben Speiseresten befreit und gründlich mit Luft getrocknet.

  3. Applikation: Ein Mikrobrush wird in eine minimale Menge SDF getaucht. Die Lösung wird für ca. 1 Minute auf die Läsion aufgetragen und sanft einmassiert.

  4. Trocknung/Fixierung: Überschüsse werden abgetupft, und die Oberfläche wird sanft mit Luft getrocknet.

  5. Nachkontrolle: Die Applikation wird oft nach einigen Wochen und dann in 6-monatigen Intervallen wiederholt, um die Arretierung zu sichern.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Die entscheidende Aufklärung: “It will turn black!” Der Erfolg der Behandlung steht und fällt mit der Akzeptanz der Eltern.

  • Visualisierung: Den Eltern müssen vor der Behandlung klinische Bilder von mit SDF behandelten Zähnen gezeigt werden.

  • Informiertes Einverständnis (Informed Consent): Die Eltern müssen schriftlich bestätigen, dass sie über die permanente Schwarzfärbung der Karies aufgeklärt wurden.

  • Kommunikationsstrategie: “Wir haben eine Art ‘Zauberflüssigkeit’, die die Karies zum Einschlafen bringen kann, ganz ohne zu bohren. Sie funktioniert hervorragend, aber die Stelle, wo der Zahn krank war, wird danach schwarz. Das ist das Zeichen dafür, dass die Flüssigkeit wirkt und die Karies gestoppt ist. Die Alternative wäre eine Behandlung in Narkose.”

Die SMART-Technik (Silver Modified Atraumatic Restorative Treatment) Eine Kombinationstechnik: Zuerst wird die Läsion mit SDF arretiert. Bei einem späteren Termin, wenn die Kooperation besser ist, kann die unästhetische schwarze, aber nun harte und sterile Läsion mit einem zahnfarbenen Glasionomerzement abgedeckt werden.

Fallbeispiel:

  • Szenario: Ein 2-jähriges Kind mit ausgeprägter frühkindlicher Karies (ECC) an allen vier Oberkiefer-Schneidezähnen. Die Läsionen sind aktiv (“gelblich-weich”), aber der Kältetest (soweit durchführbar) deutet auf Vitalität hin. Das Kind ist extrem unkooperativ (Frankl 1).

  • Analyse: Eine konventionelle Füllungstherapie ist am wachen Kind unmöglich. Die einzige Alternative wäre eine Sanierung in Allgemeinanästhesie.

  • Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Silberdiaminfluorid (SDF), um die Narkose zu vermeiden oder zumindest aufzuschieben.

    1. Aufklärung: Den Eltern wird das Dilemma erklärt und die Option SDF mit Bildern der zu erwartenden Schwarzfärbung vorgestellt. Sie stimmen nach Abwägung zu.

    2. Behandlung: In einer sehr kurzen Schoßuntersuchung werden die Zähne trockengelegt und die Läsionen wie beschrieben mit SDF bepinselt. Die gesamte Applikation dauert nur wenige Minuten.

  • Ergebnis: Bei der Kontrolle nach 4 Wochen sind die Läsionen hart und schwarz. Die Kariesprogression ist gestoppt. Dem Kind wurde eine Narkose erspart. Es wurde wertvolle Zeit gewonnen, in der das Kind reifen kann. Zu einem späteren Zeitpunkt (z.B. mit 4-5 Jahren) kann dann entschieden werden, ob die schwarzen, aber gesunden Zähne aus ästhetischen Gründen mit Komposit-Kronen versorgt werden sollen, was dann eventuell mit Lachgas oder am wachen Stuhl möglich ist.