Lektion 11: Tumoren des Pharynx und Larynx – Früherkennung und zahnärztliche Rolle

A. Klinische Relevanz

 

Maligne Tumoren des Rachens (Pharynx) und des Kehlkopfes (Larynx) sind ernste Erkrankungen, deren Prognose entscheidend von einer frühzeitigen Diagnose abhängt. Ihre Frühsymptome sind oft unspezifisch und subtil – eine hartnäckige Heiserkeit, ein einseitiges Halskratzen oder ein schmerzloser Knoten am Hals. Der Zahnarzt, der den Kopf-Hals-Bereich routinemäßig inspiziert und eine detaillierte Anamnese erhebt, ist in einer Schlüsselposition, um diese Alarmzeichen als Erster zu erkennen und den Patienten der entscheidenden fachärztlichen Diagnostik zuzuführen. Insbesondere das Verständnis der veränderten Ätiologie des Oropharynxkarzinoms (Rachenkrebs) durch Humane Papillomviren (HPV) ist für die moderne zahnärztliche Praxis essenziell.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Das Oropharynxkarzinom (Rachenkrebs)

  • Lokalisation: Betrifft den mittleren Rachenabschnitt, am häufigsten die Gaumenmandeln (Tonsillen) und den Zungengrund.

  • Ätiologie – Der Paradigmenwechsel:

    • Klassisch (früher): Assoziiert mit den Hauptrisikofaktoren Rauchen und Alkohol.

    • Modern (heute): In westlichen Ländern werden heute über 70% der Oropharynxkarzinome durch eine persistierende Infektion mit Hochrisiko-Typen des Humanen Papillomvirus (HPV), insbesondere HPV-16, verursacht.

  • Das Patientenprofil (HPV-assoziiert): Oft jünger (40-60 Jahre), Nichtraucher, ohne übermäßigen Alkoholkonsum.

  • Klinik (oft sehr unauffällig):

    • Das häufigste Erstsymptom: Eine persistierende, schmerzlose, derbe Schwellung eines Halslymphknotens. Der Primärtumor in der Mandel kann winzig und klinisch stumm sein.

    • Weitere Symptome: Anhaltende einseitige Halsschmerzen, Fremdkörpergefühl (“Kloß im Hals”), in die Ohren ausstrahlende Schmerzen (Otalgie).

2. Das Larynxkarzinom (Kehlkopfkrebs)

  • Lokalisation: Meist direkt an den Stimmlippen.

  • Ätiologie: Die mit Abstand wichtigste Ursache ist das Rauchen. Alkohol wirkt als Co-Faktor. HPV spielt hier eine untergeordnete Rolle.

  • Klinik:

    • Das Leitsymptom: Jede persistierende Heiserkeit, die länger als 3-4 Wochen andauert, ist hochgradig verdächtig.

    • Spätsymptome: Räusperzwang, Schmerzen, Atemnot (Stridor).

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Die Rolle des Zahnarztes: Aktives Screening

  1. Anamnese: Gezielt nach anhaltender Heiserkeit, einseitigen Halsschmerzen oder Schluckbeschwerden fragen.

  2. Inspektion: Bei jeder Untersuchung den sichtbaren Oropharynx (Gaumenbögen, Tonsillen) auf Asymmetrien, Rötungen oder Schwellungen inspizieren.

  3. Palpation: Die Halslymphknoten systematisch auf vergrößerte, verhärtete oder unverschieblich Knoten abtasten.

Prävention: Die HPV-Impfung Die HPV-Impfung, die für Mädchen und Jungen empfohlen wird, ist eine hochwirksame Präventionsmaßnahme gegen die Entstehung von HPV-assoziierten Karzinomen, einschließlich des Oropharynxkarzinoms. Das zahnärztliche Team kann hier eine wichtige aufklärende Rolle spielen.

Fallbeispiel:

  • Szenario: Ein 58-jähriger, gesunder Nichtraucher erwähnt bei seiner zahnärztlichen Kontrolle beiläufig einen “Knoten am Hals”, den er seit einigen Wochen ertastet und der nicht schmerzt.

  • Analyse:

    • Alarmzeichen: Eine persistierende, schmerzlose, derbe zervikale Lymphknotenschwellung bei einem Erwachsenen ist bis zum Beweis des Gegenteils als Metastase eines Karzinoms im Kopf-Hals-Bereich anzusehen.

    • Differenzialdiagnose: Aufgrund des Nichtraucher-Status und des Alters ist ein HPV-assoziiertes Oropharynxkarzinom mit einer kleinen, okkulten Primärläsion eine der Hauptverdachtsdiagnosen.

  • Klinische Konsequenz:

    1. Klinische Untersuchung: Der Zahnarzt palpiert einen ca. 2 cm großen, harten, unverschieblichen Lymphknoten am linken Hals. Die intraorale Inspektion des Rachens ist unauffällig.

    2. Dringende Überweisung: Der Zahnarzt erklärt dem Patienten den ernsten Verdacht. “Ein Knoten am Hals, der nicht weggeht, muss immer von einem Spezialisten untersucht werden. Die häufigste Ursache dafür ist eine Entzündung, aber man muss eine bösartige Erkrankung ausschließen.” Er stellt eine dringende Überweisung an einen HNO-Arzt aus.

  • Weiterer Verlauf: Der HNO-Arzt führt eine Endoskopie des gesamten Rachenraums durch und entdeckt einen kleinen, verdächtigen Bezirk am Zungengrund, der biopsiert wird. Die Histologie bestätigt ein HPV-positives Plattenepithelkarzinom.

  • Ergebnis: Die aufmerksame Anamnese und die korrekte Interpretation des scheinbar “nicht-zahnärztlichen” Symptoms durch den Zahnarzt waren der entscheidende erste Schritt zur Diagnose einer schweren Erkrankung in einem potenziell noch heilbaren Stadium.