Lektion 11: Skelettale Diagnostik II: Die vertikale Dimension (NL-NSL, ML-NSL, ML-NL, Y-Achse, Gesichtshöhenindex)

A. Klinische Relevanz
Neben der sagittalen Ebene ist die vertikale Dimension des Gesichtsschädels von entscheidender Bedeutung für die Diagnostik und Therapieplanung. Sie bestimmt maßgeblich den Gesichtstyp (kurz/lang) und ist direkt mit Anomalien wie dem offenen Biss und dem tiefen Biss assoziiert. Die vertikale Dimension gilt als die “schwierigste” Ebene in der Kieferorthopädie, da sie therapeutisch nur begrenzt beeinflussbar ist. Ihre genaue Analyse ist daher fundamental, um realistische Behandlungsziele zu setzen und instabile Ergebnisse (Rekurrenz) zu vermeiden.

B. Detailliertes Fachwissen
1. Wichtige Winkel in der vertikalen Diagnostik

Diese Winkel beschreiben die Neigung der Kieferbasen zueinander und zur Schädelbasis.

  • NL-NSL (Maxillarkippung):

    • Definition: Winkel zwischen der Palatinalebene (NL) und der Schädelbasis (NSL).

    • Aussage: Beschreibt die Neigung des Oberkiefers im Verhältnis zur Schädelbasis.

    • Normwert (ca.): 8° ± 3°

    • Erhöht: Oberkiefer ist nach anterior abgekippt (oft bei dolichofazialem Typ mit offenem Biss).

    • Erniedrigt: Oberkiefer ist horizontaler (oft bei brachyfazialem Typ mit tiefem Biss).

  • ML-NSL (Mandibularkippung):

    • Definition: Winkel zwischen der Mandibularebene (ML) und der Schädelbasis (NSL).

    • Aussage: Beschreibt die Neigung des Unterkiefers und ist der sensitivste Indikator für die vertikale Dimension.

    • Normwert (ca.): 32° ± 5°

    • Erhöht (>37°): Steiler Unterkiefer, dolichofazialer Typ (langes Gesicht, offener Biss).

    • Erniedrigt (<27°): Flacher Unterkiefer, brachyfazialer Typ (kurzes Gesicht, tiefer Biss).

  • ML-NL (Interbasenwinkel):

    • Definition: Winkel zwischen der Mandibularebene (ML) und der Palatinalebene (NL).

    • Aussage: Beschreibt die Kieferbasenrelation in der Vertikalen zueinander.

    • Normwert (ca.): 25° ± 5°

    • Erhöht: Kieferbasen divergieren (Kieferwinkel ist offen) → offener Biss.

    • Erniedrigt: Kieferbasen konvergieren (Kieferwinkel ist geschlossen) → tiefer Biss.

2. Weitere wichtige Parameter

  • Y-Achse (nach Downs):

    • Definition: Winkel zwischen der Schädelbasis (S-N) und der Linie Sella-Gnathion (S-Gn).

    • Aussage: Beschreibt die Richtung des Unterkieferwachstums.

    • Normwert (ca.): 59° ± 4°

    • Erhöht: Vertikales/rotierendes Wachstum (dolichofazial).

    • Erniedrigt: Horizontales/antirotierendes Wachstum (brachyfazial).

  • Gesichtshöhenindex (Jarabak-Verhältnis):

    • Definition: Verhältnis der hinteren Gesichtshöhe (S-Go) zur vorderen Gesichtshöhe (N-Me), ausgedrückt in Prozent: (S-Go / N-Me) * 100.

    • Aussage: Beurteilung des vertikalen Gesichtsproportions. Sehr aussagekräftiger Parameter.

    • Normwert (ca.): 62% – 65%

    • Erniedrigt (<62%): Die vordere Gesichtshöhe ist überproportional groß → dolichofazialer Typ.

    • Erhöht (>65%): Die hintere Gesichtshöhe ist überproportional groß → brachyfazialer Typ.

3. Interpretation: Die drei Gesichtstypen

 
 
Gesichtstyp Klinisches Erscheinungsbild Charakteristische kephalometrische Werte
Brachyfazial Kurzes, quadratisches Gesicht, tiefe Biss, starke Kaumuskulatur.  ML-NSL,  ML-NL,  Y-Achse,  Gesichtshöhenindex
Mesofazial Ausgeglichene Proportionen, normale Bisslage. Alle Werte im Normbereich.
Dolichofazial Langes, schmales Gesicht, inkompetenter Lippenschluss, offener Biss, schlanke Muskulatur.  ML-NSL,  ML-NL,  Y-Achse,  Gesichtshöhenindex

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

Fallbeispiel 1: Der 14-jährige Patient mit langem Gesicht und frontal offenem Biss

  • Szenario: Ein schlanker Junge hat ein langes, schmales Gesicht, seine Lippen schließen nicht ohne Anspannung. Klinisch besteht ein frontal offener Biss.

  • Analyse: Die kephalometrische Analyse bestätigt den Verdacht eines dolichofazialen Typs: ML-NSL: 42°, ML-NL: 32°, Gesichtshöhenindex: 58%. Die Kieferbasen divergieren stark, was den offenen Biss erklärt.

  • Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Dieser Fall ist therapeutisch anspruchsvoll. Das oberste Ziel ist die Kontrolle der vertikalen Dimension. Jede Maßnahme, die die Backenzähne extrudieren würde (z.B. bestimmte Klassen-Gummizüge), ist streng kontraindiziert, da sie den offenen Biss verschlimmern würde. Die Therapie zielt auf intrusion der Molaren und Retrusion der Front ab. Apparaturen wie ein High-Pull Headgear oder ein Bionator mit Schildchen zur Zungenkontrolle können eingesetzt werden. Die Prognose für eine alleinige kieferorthopädische Lösung ist oft limitiert; bei ausgeprägten Fällen ist eine kieferchirurgische Impaktion des Oberkiefers die kausale Therapie.

Fallbeispiel 2: Die 11-jährige Patientin mit tiefem Biss und kurzem Gesicht

  • Szenario: Ein Mädchen hat ein kurzes, rundliches Gesicht und einen tiefen Biss, bei dem die unteren Frontzähne fast den Gaumen berühren.

  • Analyse: Die kephalometrische Analyse zeigt das Bild eines brachyfazialen Typs: ML-NSL: 24°, ML-NL: 18°, Gesichtshöhenindex: 68%. Die Kieferbasen konvergieren, der Unterkiefer ist flach.

  • Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Im Gegensatz zum dolichofazialen Typ ist hier eine Vertikalisierung erwünscht. Die Therapie kann darauf abzielen, die Molaren leicht zu extrudieren, um den Biss zu öffnen und Platz für die Frontzähne zu schaffen. Eine Funktionskieferorthopädische Apparatur (z.B. ein Aktivator) mit entsprechenden Aufbissen im Seitenzahnbereich kann dies unterstützen. Bei dieser Konstellation ist die Prognose für eine stabile Korrektur des tiefen Bisses in der Regel günstiger.