Lektion 11: Mikrobiologische und genetische Diagnostik – Wann sind Keimtests und IL-1-Tests indiziert?

A. Klinische Relevanz

 

Während die klinische und radiologische Untersuchung das Ausmaß des parodontalen Schadens beschreiben, können sie die spezifische bakterielle Ursache oder die individuelle Risikodisposition des Patienten nur vermuten lassen. Mikrobiologische und genetische Tests sind adjunktive (ergänzende) diagnostische Verfahren, die in ausgewählten Fällen wertvolle Zusatzinformationen liefern. Sie helfen, die Ätiologie einer besonders aggressiven Erkrankung zu klären, die Entscheidung für oder gegen eine unterstützende Antibiotikatherapie zu untermauern und Patienten mit einer genetisch bedingten “Hyper-Entzündungsreaktion” zu identifizieren. Diese Lektion definiert die klaren Indikationen für diese speziellen Tests und grenzt sie von der Routinediagnostik ab.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Mikrobiologische Diagnostik (“Parodontitis-Keimtest”)

  • Ziel: Identifikation und Quantifizierung von spezifischen, hoch-pathogenen parodontalen Bakterien im subgingivalen Biofilm. Die Hauptzielkeime sind:

    • Roter Komplex: Porphyromonas gingivalis (Pg), Tannerella forsythia (Tf), Treponema denticola (Td)

    • Aggregatibacter actinomycetemcomitans (Aa)

  • Methode (DNA-Sonden-Analyse):

    1. Probenentnahme: Nach Entfernung des supragingivalen Biofilms werden sterile Papierspitzen in die tiefsten und entzündlichsten Taschen für ca. 10-20 Sekunden eingebracht, um eine Probe des subgingivalen Biofilms zu sammeln.

    2. Laboranalyse: Im Labor wird die in der Probe enthaltene bakterielle DNA mittels spezifischer Sonden für die Zielkeime nachgewiesen und quantifiziert.

  • Interpretation: Das Ergebnis zeigt die absolute und relative Keimlast der nachgewiesenen Pathogene an. Hohe Konzentrationen, insbesondere von Aa oder Keimen des Roten Komplexes, deuten auf ein hohes parodontales Risiko hin.

  • Limitationen: Der Nachweis eines Keims allein bedeutet nicht zwangsläufig Krankheitsaktivität. Es ist ein Puzzleteil, das immer im Kontext des klinischen Gesamtbildes bewertet werden muss.

2. Genetische Risikobestimmung (IL-1-Polymorphismus-Test)

  • Ziel: Identifikation von Patienten mit einer genetischen Veranlagung zu einer überschießenden Entzündungsreaktion.

  • Biologischer Hintergrund: Interleukin-1 (IL-1) ist ein zentrales pro-inflammatorisches Zytokin, das den Knochenabbau (über den RANKL-Weg) stark fördert. Einige Menschen (~30% der europäischen Bevölkerung) weisen eine genetische Variation (Polymorphismus) im IL-1-Gencluster auf. Bei Kontakt mit bakteriellen Toxinen (LPS) produzieren diese “Hyper-Responder”-Patienten ein Vielfaches an IL-1 im Vergleich zu genotyp-negativen Personen.

  • Methode: Ein einfacher, nicht-invasiver Test mittels eines Wangenabstrichs oder einer Mundspülprobe.

  • Interpretation:

    • IL-1-Genotyp positiv: Der Patient hat ein genetisch erhöhtes Risiko, auf einen bakteriellen Reiz mit einer exzessiven, destruktiven Entzündung zu reagieren. Bei Vorhandensein von Parodontitis ist die Progression oft schneller und schwerwiegender.

  • Limitation: Ein positiver Test ist keine Diagnose, sondern ein unveränderlicher Risikofaktor. Ein genotyp-positiver Patient kann bei perfekter Mundhygiene ein Leben lang parodontal gesund bleiben.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Die entscheidende Frage: Wann testen? Diese Tests sind keine Routineverfahren für jeden Parodontitis-Patienten. Ihre Indikation beschränkt sich auf spezifische klinische Fragestellungen.

  • Indikationen für einen Mikrobiologischen Test:

    • Schwere, schnell fortschreitende Parodontitis (z.B. Grad C), insbesondere bei jungen Patienten (< 35 Jahre), zur Abklärung einer möglichen Aa-Infektion.

    • Therapierefraktäre Parodontitis: Fälle, die auf eine adäquate mechanische Therapie nicht wie erwartet ansprechen.

    • Als Entscheidungsgrundlage für die Auswahl einer gezielten adjuvanten systemischen Antibiotikatherapie.

  • Indikationen für einen Genetischen Test:

    • Zur Abklärung bei Patienten, deren schwerer Krankheitsverlauf in starkem Missverhältnis zur Menge des sichtbaren Biofilms steht.

    • Als starkes Motivations- und Aufklärungsinstrument, um einem Hochrisikopatienten die absolute Notwendigkeit einer lebenslangen, engmaschigen unterstützenden Parodontitis-Therapie (UPT) zu verdeutlichen.

Fallbeispiel:

  • Szenario: Eine 25-jährige, gesunde Nichtraucherin mit sehr guter Mundhygiene wird überwiesen. Klinisch und radiologisch zeigt sich eine schwere, lokalisierte Form der Parodontitis mit bis zu 10 mm tiefen vertikalen Knocheneinbrüchen an den ersten Molaren und den Inzisivi.

  • Analyse: Das klinische Bild (“molares-inzisales Muster”), das junge Alter und die Diskrepanz zwischen geringer Plaque und massiver Zerstörung sind hochverdächtig für eine aggressive Verlaufsform.

  • Klinische Konsequenz & Diagnostischer Workflow:

    1. Standarddiagnostik: Ein vollständiger Parodontalstatus wird erhoben. Diagnose: Lokalisierte Parodontitis, Stadium III, Grad C.

    2. Zusatzdiagnostik: Aufgrund des Verdachtsbefundes sind weiterführende Tests indiziert. Es wird ein mikrobiologischer und ein genetischer Test durchgeführt.

    3. Ergebnisse: Der Keimtest ergibt eine massive Belastung mit Aggregatibacter actinomycetemcomitans (Aa). Der genetische Test ist positiv für den IL-1-Polymorphismus.

  • Therapieplan & Schlussfolgerung: Die Zusatzdiagnostik hat das klinische Bild bestätigt und leitet direkt die Therapie:

    • Antibiotika: Aufgrund des Nachweises von Aa wird die mechanische Therapie (Full-Mouth-Disinfection) mit einer adjuvanten systemischen Antibiose (klassischerweise Amoxicillin & Metronidazol) kombiniert, um den invasiven Keim auch im Gewebe zu bekämpfen.

    • Langzeitbetreuung: Aufgrund des positiven IL-1-Tests wird die Patientin als lebenslange Hochrisikopatientin eingestuft. Sie wird in ein sehr engmaschiges UPT-Programm (alle 3 Monate) aufgenommen, um jegliche Re-Entzündung sofort zu kontrollieren.