Lektion 11: Kariesrisikobestimmung und individualprophylaktische Konzepte

A. Klinische Relevanz

 

Die Kariesrisikobestimmung ist der intellektuelle Kern der modernen präventiven Zahnheilkunde. Sie markiert den Übergang von einem reaktiven “Reparatur-Modell” zu einer proaktiven, personalisierten Gesundheitsstrategie. Anstatt alle Patienten nach einem starren Schema zu behandeln, ermöglicht eine systematische Risikoanalyse, die individuellen Krankheitsfaktoren zu identifizieren und die präventiven Maßnahmen exakt auf den jeweiligen Patienten zuzuschneiden. Dies verhindert Untertherapie bei Hochrisikopatienten und Übertherapie bei Patienten mit geringem Risiko. Die Fähigkeit, das Kariesrisiko valide einzuschätzen und daraus einen logischen, individualprophylaktischen Plan abzuleiten, ist eine der wichtigsten Kompetenzen für den langfristigen Erfolg in der Zahnerhaltung.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Das Karies-Balance-Modell (nach Featherstone) Dieses Modell visualisiert die Karies als das Ergebnis einer aus dem Gleichgewicht geratenen Waage zwischen krankheitsverursachenden und schützenden Faktoren.

  • Pathologische Faktoren (treiben die Waage in Richtung Karies):

    • Kariogene Bakterien: Eine hohe Belastung mit azidogenen/azidurischen Keimen.

    • Verminderter Speichelfluss: Reduzierte Pufferkapazität und Clearance (z.B. durch Medikamente).

    • Häufige Kohlenhydrataufnahme: Ständige Bereitstellung von Substrat für die Säureproduktion.

  • Protektive Faktoren (treiben die Waage in Richtung Gesundheit):

    • Speichel & Versiegler: Ausreichender Speichelfluss und intakte Fissurenversiegelungen.

    • Antimikrobielle Substanzen: Gezielter Einsatz von z.B. CHX oder Xylitol.

    • Fluoride: Ständige Verfügbarkeit von Fluoriden zur Förderung der Remineralisation.

    • Effektive Ernährung: Geringe Frequenz von Zuckerkonsum.

Die klinische Kariesrisikobestimmung ist im Wesentlichen der Prozess, die Waagschalen für einen individuellen Patienten zu bewerten.

2. Systematische Erhebung der Risikofaktoren Eine umfassende Risikobewertung basiert auf der Analyse mehrerer Bereiche:

  • 1. Medizinische und zahnmedizinische Anamnese:

    • Vergangene Karieserfahrung: Der stärkste Einzelprädiktor für zukünftige Karies. Ein hoher DMFT/DMFS-Index (Decayed, Missing, Filled Teeth/Surfaces), insbesondere neue Läsionen in den letzten 1-3 Jahren, signalisiert ein hohes Risiko.

    • Allgemeinerkrankungen: Sjögren-Syndrom, Diabetes, Essstörungen.

    • Medikation: >500 Medikamente haben xerostome Nebenwirkungen (Antidepressiva, Antihypertensiva etc.).

    • Kopf-Hals-Bestrahlung: Führt oft zu schwerer und permanenter Xerostomie.

    • Fluoridanamnese: Regelmäßige Verwendung von fluoridierter Zahnpasta?

  • 2. Ernährungsanalyse:

    • Frequenzanalyse: Ein 3-Tage-Ernährungsprotokoll zur Analyse der Häufigkeit von Zucker- und Säureexpositionen zwischen den Hauptmahlzeiten.

  • 3. Klinische Untersuchung:

    • Mundhygienestatus: Sichtbarer Biofilm (z.B. Plaque-Index > 20%).

    • Klinische Kariesaktivität: Vorhandensein von aktiven White Spot Läsionen oder kavitierten Läsionen.

    • Speichelfunktion: Klinische Anzeichen von Hyposalivation (z.B. an den Lippen klebender Spiegel).

    • Retentionsfaktoren: Kieferorthopädische Apparaturen, schlecht sitzender Zahnersatz, freiliegende Wurzeloberflächen.

  • 4. Zusätzliche diagnostische Tests (bei Bedarf):

    • Sialometrie: Messung der stimulierten und unstimulierten Speichelfließrate.

    • Pufferkapazitätstest: Bestimmung der Fähigkeit des Speichels, Säuren zu neutralisieren.

    • Mikrobiologische Tests: Quantitative Bestimmung von Mutans-Streptokokken und Laktobazillen im Speichel.

3. Risikoklassifikation und individualprophylaktisches Management Basierend auf der Synthese aller Befunde wird der Patient einer Risikogruppe zugeordnet, woraus sich direkt ein spezifischer Betreuungsplan ergibt.

Risikogruppe Kriterien (Beispiele) Recall-Intervall Professionelle Prophylaxe Häusliche Prophylaxe (Empfehlung)
Niedrig Keine neuen Läsionen in 3 J., keine Risikofaktoren, gute MH 12 (-24) Monate PZR nach Bedarf, Fluoridlack 1x/Jahr Standard-Fluoridzahnpasta (1450 ppm)
Moderat 1-2 neue Läsionen in 3 J., einige Risikofaktoren (z.B. KFO) 6 Monate PZR 2x/Jahr, Fluoridlack 2-4x/Jahr Wie niedrig + konsequente Interdentalreinigung
Hoch >2 neue Läsionen/Jahr, aktive Läsionen, Xerostomie 3-4 Monate PZR 3-4x/Jahr, Fluoridlack 4x/Jahr, ggf. CHX-Therapie Hochkonzentrierte Fluoridzahnpasta (5000 ppm, rezeptpflichtig), Fluoridspülung, Ernährungsberatung, ggf. Xylitol

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Der individualprophylaktische Plan: Die Ergebnisse der Risikobestimmung werden mit dem Patienten besprochen und in einem schriftlichen, verständlichen Plan festgehalten. Dies erhöht die Transparenz und die Compliance des Patienten. Die Risikoeinstufung ist nicht statisch und muss regelmäßig (mind. 1x jährlich) neu bewertet werden.

Fallbeispiel:

  • Szenario: Ein 15-jähriger Patient befindet sich seit 6 Monaten in kieferorthopädischer Behandlung mit einer festsitzenden Multibracket-Apparatur.

  • Risiko-Analyse:

    • Anamnese: Keine neuen Füllungen vor der KFO-Behandlung (niedriges Risiko).

    • Klinischer Befund: Deutliche Plaque-Akkumulation um die Brackets. Multiple aktive White Spot Läsionen (ICDAS 2) an den Glattflächen von Zahn 12, 13, 22, 23. Mäßige Gingivitis.

    • Ernährungsanamnese: Gibt an, nach der Schule regelmäßig Eistee zu trinken.

    • Synthese: Der Patient war ursprünglich in einer niedrigen Risikogruppe, ist aber durch das Einsetzen der Retentionsnischen (Brackets) und die mangelnde Anpassung von Hygiene und Ernährung in eine hohe Risikogruppe gerutscht. Die aktiven White Spots sind ein alarmierendes klinisches Zeichen.

  • Klinische Konsequenz & Individualprophylaktischer Plan:

    1. Recall-Intervall: Sofortige Verkürzung auf 3 Monate.

    2. Professionelle Maßnahmen: Umgehende PZR. Instruktion in speziellen Reinigungstechniken (Ortho-Bürstchen, Superfloss). Applikation von hochkonzentriertem Fluoridlack, insbesondere um die Brackets.

    3. Häusliche Maßnahmen: Verordnung einer hochkonzentrierten Fluoridzahnpasta (5000 ppm) für die Dauer der KFO-Behandlung. Empfehlung einer zusätzlichen täglichen Fluorid-Mundspülung.

    4. Ernährungslenkung: Dringende Aufklärung über die Kariogenität des Eistees und die Notwendigkeit, zuckerhaltige Getränke auf die Hauptmahlzeiten zu beschränken.

  • Rationale: Ein Standard-Recall würde bei diesem Patienten zu multiplen kavitierten Läsionen bis zum Ende der KFO-Behandlung führen. Nur ein sofortiges, intensiviertes und individualisiertes Prophylaxeprogramm kann das hohe situative Risiko kompensieren und den Patienten ohne bleibende Schäden durch die Behandlung bringen.