Lektion 10: Zusätzliche diagnostische Verfahren (Laserfluoreszenz, Translumination, elektrische Widerstandsmessung)

A. Klinische Relevanz

 

Während die visuell-taktile und radiologische Untersuchung die Grundpfeiler der Kariesdiagnostik darstellen, stoßen sie in bestimmten Situationen an ihre Grenzen – insbesondere bei der Beurteilung von Fissuren mit unklarer Verfärbung oder bei der Detektion frühester Approximalläsionen. Zusätzliche (adjunktive) diagnostische Verfahren dienen hier als wertvolle “Second Opinion”-Werkzeuge. Sie erhöhen die diagnostische Sicherheit, helfen bei der Differenzierung zwischen aktiven und arretierten Läsionen und unterstützen das Ziel der minimalinvasiven Zahnheilkunde, indem sie unnötige explorative Präparationen vermeiden, aber auch versteckte Läsionen (“hidden caries”) aufdecken. Ihre korrekte Anwendung und die Kenntnis ihrer Limitationen sind Kennzeichen einer modernen, evidenzbasierten Diagnostik.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Laserfluoreszenz-Messung (z.B. DIAGNOdent) Dieses Verfahren misst die Stoffwechselprodukte von Bakterien, nicht den Mineralverlust selbst.

  • Physikalisches Prinzip:

    1. Ein Laser im Gerät emittiert rotes Licht einer definierten Wellenlänge (655 nm).

    2. Dieses Licht wird in die Fissur oder auf die Glattfläche geleitet.

    3. Trifft das Licht auf Porphyrine – Stoffwechselprodukte, die von kariogenen Bakterien (insbesondere gramnegativen Anaerobiern) im Biofilm und im infizierten Dentin produziert werden –, werden diese zur Fluoreszenz angeregt.

    4. Die Porphyrine emittieren daraufhin Licht einer längeren Wellenlänge (im Infrarotbereich).

    5. Ein Sensor im Handstück misst die Intensität dieses Fluoreszenzlichts und wandelt sie in einen numerischen Wert (typischerweise 0-99) und ein akustisches Signal um.

  • Interpretation der Werte (Beispiel klinischer Richtwerte):

    • 0-13: Gesunde Zahnsubstanz. Präventive Maßnahmen.

    • 14-20: Beginnde Schmelzdemineralisation. Intensive Prophylaxe (Fluoridierung).

    • 21-29: Fortgeschrittene Schmelzdemineralisation. Mikro-invasive Therapie (z.B. Kariesinfiltration) kann erwogen werden.

    • >30: Hohe Wahrscheinlichkeit für eine Dentinläsion. Restaurative Therapie ist meist indiziert.

  • Limitationen und Störfaktoren: Die Methode ist anfällig für falsch-positive Ergebnisse. Folgende Substanzen können ebenfalls fluoreszieren und den Messwert verfälschen:

    • Plaque und Zahnstein

    • Nahrungsreste

    • Blut oder Sulkusfluid

    • Bestimmte Füllungsmaterialien (Prophylaxepasten, Fissurenversiegler)

    • Exogene Verfärbungen (z.B. durch Tee, Kaffee)

    • Wichtig: Eine gründliche Reinigung der Fissur vor der Messung ist daher zwingend erforderlich.

2. Faseroptische Transillumination (FOTI & DIFOTI) Dieses Verfahren nutzt die unterschiedlichen Lichtleiteigenschaften von gesundem und kariösem Zahngewebe.

  • Physikalisches Prinzip:

    • Ein intensiver Lichtstrahl (meist von einer Hochleistungs-LED oder Faseroptik) wird durch den Zahn geleitet, typischerweise von bukkal oder palatinal/lingual.

    • Gesunder Schmelz und Dentin sind relativ homogen und transluzent; sie leiten das Licht gut.

    • Kariöses Gewebe weist durch die Demineralisation eine hohe Porosität auf. An diesen unzähligen Mikroporen wird das Licht gestreut und absorbiert, anstatt es zu transmittieren.

    • Ergebnis: Die kariöse Läsion erscheint als dunkler Schatten innerhalb des hell durchleuchteten, gesunden Zahnes.

  • Anwendung und Vorteile:

    • Approximalkaries: Exzellent zur Detektion früher, nicht-kavitierter Schmelzläsionen, die im Röntgenbild oft noch nicht sichtbar sind.

    • Okklusalkaries: Kann die Ausdehnung einer Dentinläsion unter einem intakten Schmelzdeckel visualisieren.

    • Risse und Frakturen: Macht Infraktionen und Sprünge in der Zahnhartsubstanz sichtbar.

    • Vorteil: Völlig strahlenfrei, daher ideal für die Frequenzanwendung bei Kindern, Schwangeren und strahlensensiblen Patienten. DIFOTI (Digitale Faseroptische Transillumination) zeichnet das Bild zusätzlich mit einer CCD-Kamera auf.

3. Elektrische Widerstandsmessung (ECM – Electrical Conductance Measurement) Dieses Verfahren basiert auf der unterschiedlichen elektrischen Leitfähigkeit von gesundem und kariösem Schmelz.

  • Physikalisches Prinzip:

    • Gesunder Schmelz: Ist hochmineralisiert und hat einen sehr hohen elektrischen Widerstand (ist ein guter Isolator).

    • Kariöser Schmelz: Ist porös. Die Poren sind mit ionenhaltigem Speichel gefüllt, was die elektrische Leitfähigkeit signifikant erhöht (der Widerstand sinkt).

    • Messung: Eine Sonde im Fissurengrund und eine Gegenelektrode (z.B. am Handstück) legen eine minimale, nicht spürbare Wechselspannung an und messen den elektrischen Widerstand des Zahnes. Ein niedriger Widerstandswert korreliert mit einer fortgeschrittenen Läsion.

  • Anwendung: Hauptsächlich zur Quantifizierung von Fissurenläsionen. Gilt als sehr sensitiv, wird in der Praxis aber seltener eingesetzt als die Laserfluoreszenz.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Die Rolle als “entscheidungsunterstützendes System”: Diese Verfahren ersetzen nicht die klinische Untersuchung und das Röntgenbild, sondern ergänzen sie in Fällen diagnostischer Unsicherheit. Sie sind am wertvollsten, wenn der Befund uneindeutig ist (“Ist diese Fissurenverfärbung aktiv oder arretiert?”).

Monitoring von Läsionen: Laserfluoreszenz ist ideal, um verdächtige, nicht-kavitierte Läsionen über die Zeit zu monitoren. Ein stabiler Messwert über mehrere Kontrollsitzungen spricht für eine arretierte Läsion. Ein ansteigender Wert ist ein klares Zeichen für Progression und eine Indikation zum Handeln.

Fallbeispiel:

  • Szenario: Ein 13-jähriger Patient mit hohem Kariesrisiko (schlechte Mundhygiene) stellt sich vor. Der Zahn 36 weist eine tief zerklüftete Fissur mit einer intensiven, dunklen Verfärbung auf. Die klinische Untersuchung mit der stumpfen Sonde ergibt eine harte Oberfläche ohne Kavitation. Die Bissflügelaufnahme ist unauffällig.

  • Diagnostisches Dilemma: Handelt es sich um eine harmlose, inaktive Verfärbung oder um eine aktive, unterminierende Fissurenkaries (“hidden caries”)?

  • Einsatz zusätzlicher Verfahren:

    1. Die Fissur wird mittels Pulverstrahlgerät gründlich gereinigt und getrocknet.

    2. Die Laserfluoreszenzmessung (DIAGNOdent) wird durchgeführt und zeigt wiederholt einen Wert von 42.

  • Analyse: Der klinische Verdacht wird durch einen hohen numerischen Wert, der stark auf eine Dentinbeteiligung hindeutet, objektiviert und bestätigt.

  • Klinische Schlussfolgerung: Die Kombination der Befunde rechtfertigt die minimalinvasive Eröffnung der Fissur zur weiteren Diagnostik und Therapie. In diesem Fall wird man mit hoher Wahrscheinlichkeit auf eine darunterliegende Dentinläsion stoßen. Die Entscheidung zur Restauration ist nun evidenzbasiert und nicht mehr nur eine Vermutung.