Lektion 10: Skelettale Diagnostik I: Die sagittale Lagebeziehung (SNA, SNB, ANB, Wits-Analyse)
A. Klinische Relevanz
Die Beurteilung der sagittalen Lagebeziehung der Kiefer zueinander ist eine der Kernaufgaben der kephalometrischen Analyse. Sie beantwortet die Frage: “Liegt eine skelettale Klasse II oder III vor und wie stark ist sie ausgeprägt?” Die Kenntnis der zugrundeliegenden skeletalen Diagnose ist entscheidend, da sie die Behandlungsstrategie maßgeblich bestimmt. Eine rein dentale Klasse II erfordert eine andere Herangehensweise als eine skelettale Klasse II mit retrognathem Unterkiefer. Die wichtigsten Instrumente hierfür sind die Winkel SNA, SNB und ANB sowie die Wits-Analyse.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Die Winkel SNA, SNB und ANB
Diese Winkel beziehen die Kiefer auf die stabile vordere Schädelbasis (Sella-Nasion-Ebene).
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SNA-Winkel (Sella-Nasion-A-Punkt):
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Definition: Der Winkel zwischen der Schädelbasis (S-N) und der Linie zum Punkt A.
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Aussage: Beschreibt die sagittale Lage des Oberkiefers zur Schädelbasis.
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Normwert (ca.): 81° ± 3°
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Erhöht (>84°): Protraktion/Prognathie des Oberkiefers.
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Erniedrigt (<78°): Retraktion/Retrognathie des Oberkiefers.
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SNB-Winkel (Sella-Nasion-B-Punkt):
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Definition: Der Winkel zwischen der Schädelbasis (S-N) und der Linie zum Punkt B.
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Aussage: Beschreibt die sagittale Lage des Unterkiefers zur Schädelbasis.
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Normwert (ca.): 79° ± 3°
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Erhöht (>82°): Protraktion/Prognathie des Unterkiefers (Progenie-Tendenz).
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Erniedrigt (<76°): Retraktion/Retrognathie des Unterkiefers.
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ANB-Winkel (A-Punkt-Nasion-B-Punkt):
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Definition: Der Winkel zwischen den Punkten A, Nasion und B. Er ergibt sich aus SNA minus SNB.
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Aussage: Beschreibt die sagittale Relation zwischen Ober- und Unterkiefer zueinander.
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Normwert (ca.): 2° ± 2°
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Erhöht (>4°): Skelettale Klasse II (Distalbisslage).
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Erniedrigt (<0°): Skelettale Klasse III (Mesialbisslage/Progenie).
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2. Die Wits-Analyse (Auswertung nach Jacobson)
Die Wits-Analyse (“Wits” steht für “Witwatersrand”, die Universität, an der sie entwickelt wurde) ist eine rein okklusale Messung, die unabhängig von der Schädelbasis ist. Sie dient als wichtige Ergänzung zur ANB-Messung, besonders bei vertikalen Schädelbasanomalien.
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Durchführung:
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Die Okklusalebene wird zwischen den ersten Prämolaren und ersten Molaren eingezeichnet.
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Von Punkt A und Punkt B werden Senkrechte (Lot) auf diese Okklusalebene gefällt.
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Gemessen wird der Abstand zwischen den beiden Fußpunkten AO und BO.
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Normwert:
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Männer: AO liegt 1 mm vor BO.
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Frauen: AO und BO fallen zusammen (Abstand = 0 mm).
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Interpretation:
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Vergrößerter Abstand (AO deutlich vor BO): Bestätigt eine skelettale Klasse II.
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Verringerter/negativer Abstand (BO vor AO): Bestätigt eine skelettale Klasse III.
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3. Grenzen und Interpretation
Die folgende Tabelle zeigt, wie die verschiedenen Messungen zusammen interpretiert werden:
| Klinischer Eindruck | SNA | SNB | ANB | Wits | Skelettale Diagnose |
|---|---|---|---|---|---|
| Distalbiss | Normal | Erniedrigt | Erhöht | Erhöht | Skelettale Klasse II durch retrognathen Unterkiefer. |
| Distalbiss | Erhöht | Normal | Erhöht | Erhöht | Skelettale Klasse II durch prognathen Oberkiefer. |
| Distalbiss | Erniedrigt | Stark erniedrigt | Normal | Erhöht | Pseudoklasse II: Beide Kiefer retral, aber Unterkiefer stärker. Wits zeigt das wahre Ausmaß. |
| Progenie | Normal | Erhöht | Erniedrigt | Erniedrigt | Skelettale Klasse III durch prognathen Unterkiefer. |
| Progenie | Erniedrigt | Normal | Erniedrigt | Erniedrigt | Skelettale Klasse III durch retrognathen Oberkiefer. |
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Fallbeispiel 1: Der 10-jährige Patient mit ausgeprägtem Überbiss
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Szenario: Ein Junge hat eine große sagittale Stufe und ein fliehendes Kinn. Die kephalometrische Analyse ergibt: SNA: 80°, SNB: 74°, ANB: 6°.
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Analyse: Der SNB-Winkel ist mit 74° deutlich erniedrigt, der ANB-Winkel mit 6° deutlich erhöht. Die Wits-Analyse bestätigt dies mit einem großen Abstand (AO weit vor BO). Die Diagnose lautet: Skelettale Klasse II auf der Basis eines retrognathen Unterkiefers.
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Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Da der Patient sich im Wachstum befindet, ist das Ziel das Wachstum des Unterkiefers zu stimulieren. Dies ist die ideale Indikation für eine funktionskieferorthopädische Apparatur (z.B. einen Aktivator oder Bionator). Diese Geräte halten den Oberkiefer zurück und zwingen den Unterkiefer in eine vordere Position, was sein Wachstum anregt und die skeletale Diskrepanz korrigiert.
Fallbeispiel 2: Die 16-jährige Patientin mit Progenie und asymmetrischer Schädelbasis
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Szenario: Eine Patientin mit Mesialbiss. Im FRS ist die Sella-Nasion-Ebene ungewöhnlich steil. Die kephalometrische Analyse ergibt: SNA: 85°, SNB: 84°, ANB: 1°.
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Analyse: Der ANB-Winkel von 1° liegt knapp im unteren Normbereich und würde eine nur leichte skeletale Klasse III suggerieren. Klinisch ist die Progenie jedoch deutlich sichtbar. Die Wits-Analyse bringt Klarheit: Sie zeigt, dass BO 4 mm vor AO liegt – ein klarer Hinweis auf eine skelettale Klasse III. Die steile SN-Ebene hat den ANB-Winkel verfälscht.
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Klinische Konsequenz: Die Wits-Analyse bestätigt den klinischen Eindruck. Da das Wachstum weitgehend abgeschlossen ist, ist eine reine kieferorthopädische Kompensation schwierig. Die Patientin muss über die Möglichkeit einer kombiniert kieferorthopädisch-kieferchirurgischen Behandlung aufgeklärt werden, bei der die Kiefer chirurgisch in die korrekte Position gestellt werden.