Lektion 10: Hauttumoren im Gesichtsbereich II – Das Plattenepithelkarzinom der Haut und die Aktinische Keratose
A. Klinische Relevanz
Das Plattenepithelkarzinom (SCC), auch spinozelluläres Karzinom oder Spinaliom genannt, ist der zweithäufigste Hautkrebs. Im Gegensatz zum Basalzellkarzinom besitzt das SCC ein signifikantes, wenn auch geringes, Potenzial zur Metastasierung, was es biologisch aggressiver macht. Es entwickelt sich fast immer auf chronisch sonnengeschädigter Haut, oft aus einer Vorstufe, der aktinischen Keratose. Für den Zahnarzt ist die Kenntnis beider Läsionen entscheidend, da sie sich bevorzugt im Kopf-Hals-Bereich manifestieren. Die frühzeitige Erkennung einer rauen, schuppigen aktinischen Keratose oder eines beginnenden Plattenepithelkarzinoms, insbesondere an der Hochrisiko-Lokalisation Lippe, ist eine essenzielle Aufgabe der zahnärztlichen Krebsvorsorge.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Die Präkanzerose: Die Aktinische Keratose (AK)
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Definition: Eine sehr häufige, intraepidermale Präkanzerose (ein Carcinoma in situ), die durch langjährige UV-Exposition entsteht.
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Klinik:
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Erscheinungsbild: Meist eine kleine, scharf begrenzte, rötliche oder hautfarbene raue Stelle mit einer fest haftenden, gelblich-bräunlichen Schuppung oder Kruste.
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Tastbefund: Fühlt sich oft an wie “Schleifpapier”. Manchmal ist die Läsion besser zu tasten als zu sehen.
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Lokalisation: Ausschließlich an chronisch lichtexponierten Arealen (“Sonnenterrassen”): Stirn, unbehaarte Kopfhaut, Nase, Wangen, Ohren, Handrücken.
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Prognose: Das Risiko der Transformation einer einzelnen AK in ein invasives SCC ist gering (ca. 0,1 – 0,5% pro Jahr). Patienten mit multiplen AKs (“Feldkanzerisierung”) haben jedoch ein deutlich erhöhtes Lebenszeitrisiko, ein SCC zu entwickeln.
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Therapie: Muss durch einen Dermatologen behandelt werden (z.B. mittels Kryotherapie, topischen Cremes oder photodynamischer Therapie).
2. Das Plattenepithelkarzinom der Haut (kutanes SCC)
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Definition: Ein maligner Tumor der Keratinozyten der Epidermis, der die Basalmembran durchbrochen hat und invasiv in die Dermis wächst.
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Ätiologie: Hauptursache ist die chronische UV-Exposition. Ein SCC kann sich de novo entwickeln oder aus einer vorbestehenden aktinischen Keratose entstehen.
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Klinisches Erscheinungsbild: Oft variabel.
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Typisches Bild: Ein hautfarbener bis rötlicher, fester Knoten (Nodus) oder eine verhärtete Platte (Plaque) mit einer schuppenden, krustösen oder ulzerierten Oberfläche. Wächst in der Regel schneller als ein Basaliom.
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Biologisches Verhalten:
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Lokal invasiv und destruktiv.
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Metastasierungs-Potenzial: Besitzt ein definitives, wenn auch insgesamt geringes Metastasierungsrisiko (ca. 2-5%), primär in die regionalen Lymphknoten. Das Risiko ist jedoch an bestimmten Hochrisiko-Lokalisationen wie der Lippe und dem Ohr signifikant höher.
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C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Differenzialdiagnose: Basalzellkarzinom (BCC) vs. Plattenepithelkarzinom (SCC)
Fallbeispiel:
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Szenario: Ein 75-jähriger ehemaliger Landwirt wird zur prothetischen Planung vorgestellt. Bei der extraoralen Inspektion fällt am Rand seiner Unterlippe eine ca. 1 cm große, verkrustete und nicht heilende Wunde auf.
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Anamnese: Der Patient berichtet, er habe dort seit fast einem Jahr eine “raue Stelle”, die immer wieder aufreißt und verkrustet, aber nicht schmerzt.
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Analyse:
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Patient: Hochrisikoprofil (Alter, chronische Sonnenexposition durch Beruf).
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Lokalisation: Hochrisiko-Areal Unterlippe. Das Lippenrot-Karzinom hat ein deutlich höheres Metastasierungsrisiko.
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Klinik: Eine chronische, nicht heilende, krustöse und verhärtete Läsion.
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Verdachtsdiagnose: Dies ist der klassische Befund eines Plattenepithelkarzinoms der Lippe.
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Klinische Konsequenz:
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Dringender Verdacht: Der Zahnarzt erkennt die hohe Gefahr, die von dieser Läsion ausgeht.
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Sofortiges Handeln: Der Patient wird über den ernsten Verdacht aufgeklärt. Eine umgehende Überweisung an einen MKG-Chirurgen zur Biopsie und weiteren Therapie wird ausgestellt.
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Weiterer Verlauf: Die Biopsie bestätigt ein invasives SCC. Der Patient erhält eine chirurgische Entfernung des Tumors (z.B. Keilexzision) und eine Kontrolle der regionalen Halslymphknoten.
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Ergebnis: Die routinemäßige zahnärztliche Untersuchung hat zur Entdeckung einer malignen Erkrankung mit Metastasierungspotenzial geführt. Die frühzeitige Diagnose und Überweisung sind entscheidend für die Prognose des Patienten.