Lektion 10: Die konfektionierte Stahlkrone – Die langlebigste Restauration für den Milchmolaren
A. Klinische Relevanz
Die konfektionierte (vorgefertigte) Stahlkrone (Stainless Steel Crown, SSC) ist in der Kinderzahnheilkunde oft die biologisch und mechanisch überlegene Versorgung für stark zerstörte Milchmolaren. Während Füllungen nur einen Teil des Zahnes ersetzen, schützt die Stahlkrone den Zahn vollständig wie ein Helm und versiegelt ihn vor weiteren Kariesattacken. Obwohl die Ästhetik ein Kompromiss ist, ist die Erfolgs- und Überlebensrate von Stahlkronen der von mehrflächigen Füllungen, insbesondere bei Hochrisikokindern, weit überlegen. Die Kenntnis ihrer Indikation und der effizienten klinischen Technik ist entscheidend, um Milchzähne mit großer Zerstörung vorhersagbar bis zum natürlichen Zahnwechsel zu erhalten und wiederholte Behandlungen zu vermeiden.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Definition und Vorteile
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Definition: Eine vorgefertigte, anatomisch geformte Krone aus einer Edelstahllegierung, die auf einen minimal beschliffenen Milchmolaren adaptiert und zementiert wird.
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Vorteile:
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Überlegene Langlebigkeit: Deutlich höhere Erfolgsraten als mehrflächige Füllungen.
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Vollständiger Schutz: Umfasst den gesamten Zahn und schützt die geschwächten Höcker vor Frakturen.
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Geringe Techniksensitivität: Die Zementierung (meist mit GIZ) ist sehr feuchtigkeitstolerant.
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Effizienz: Die Präparation und Eingliederung sind sehr schnell durchführbar.
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2. Klare Indikationen Die Stahlkrone ist indiziert bei:
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Großen, mehrflächigen kariösen Läsionen (insbesondere bei Beteiligung von drei oder mehr Flächen).
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Zähnen nach einer Pulpotomie oder Pulpektomie, da diese Zähne spröde und frakturgefährdet sind.
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Patienten mit sehr hohem Kariesrisiko (ECC), bei denen auch an initial kariesfreien Flächen ein hohes Neubefallsrisiko besteht.
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Zähnen mit Schmelz- oder Dentin-Entwicklungsstörungen (z.B. Amelogenesis/Dentinogenesis imperfecta).
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Starkem Bruxismus, der zu massivem Substanzverlust führt.
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Als Pfeiler für einen Lückenhalter.
3. Das klinische Vorgehen Schritt für Schritt Die Präparation für eine Stahlkrone ist minimalinvasiv und unterscheidet sich grundlegend von der für eine Krone im bleibenden Gebiss.
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Anästhesie und Trockenlegung (Kofferdam ist ideal).
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Okklusale Reduktion: Mit einem diamantierten Bohrer wird die Kaufläche um ca. 1,5 mm reduziert, wobei der anatomischen Höcker-Fissuren-Morphologie gefolgt wird.
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Approximale Separation: Mit einem dünnen, spitzen Diamanten werden die mesialen und distalen Kontaktpunkte zum Nachbarzahn durchtrennt (“Slicing”). Es wird eine auslaufende Präparation (“feather edge”) ohne Stufe oder Hohlkehle angestrebt.
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Abrunden aller Kanten: Alle scharfen Übergänge werden abgerundet. Eine nennenswerte bukkale oder linguale Reduktion ist in der Regel nicht notwendig, da die Retention der Krone durch das “Einschnappen” über die natürliche bukkale und linguale Wölbung des Milchmolaren erzielt wird.
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Kronenauswahl und Adaptation:
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Die passende Kronengröße wird ausgewählt. Sie sollte den Zahn vollständig bedecken und mit einem deutlichen “Klick” oder “Schnappen” über den Zahnäquator gleiten (“Snap Fit”).
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Die Länge wird kontrolliert. Der Kronenrand sollte ca. 1 mm in den Sulkus ragen. Zu lange Ränder werden mit einer speziellen Schere gekürzt.
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Der zervikale Rand der Krone wird mit einer speziellen Zange (Crimping-Zange) leicht nach innen gebogen (krimpen), um einen dichten Randschluss zu gewährleisten.
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Zementierung: Die Krone wird vollständig mit einem Zement gefüllt (Glasionomerzement ist wegen seiner Fluoridabgabe und chemischen Haftung das Material der Wahl) und auf den trockenen Zahn aufgesetzt. Überschüsse werden nach dem Aushärten entfernt.
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Kommunikation mit den Eltern (“Marketing für die Silberkrone”): Der ästhetische Nachteil muss proaktiv und positiv adressiert werden. Begriffe wie “Ritterzahn”, “Prinzessinnenkrone” oder “Weltraum-Kappe” helfen dem Kind bei der Akzeptanz.
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Rationale für die Eltern: “Für ein so großes Loch ist eine normale weiße Füllung nicht stabil genug und würde wahrscheinlich bald wieder kaputt gehen. Diese Schutzkappe ist die stärkste und haltbarste Lösung, um sicherzustellen, dass wir den Zahn nicht noch einmal behandeln müssen, bis der neue Zahn kommt.”
Fallbeispiel:
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Szenario: Ein 4-jähriges Kind mit hohem Kariesrisiko hat eine tiefe, mehrflächige Karies an Zahn 85. Nach der Kariesentfernung muss eine Pulpotomie (Teilentfernung des Nervs) durchgeführt werden.
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Analyse:
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Substanzverlust: Groß, eine Füllung wäre nicht retentiv und würde die geschwächten Höcker nicht schützen.
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Endodontische Vorbehandlung: Ein pulpotomierter Zahn ist spröde und hochgradig frakturgefährdet.
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Kariesrisiko: Hoch, Sekundärkaries an Füllungsrändern wäre wahrscheinlich.
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Klinische Konsequenz: Dies ist die absolute Indikation für eine konfektionierte Stahlkrone. Jede andere Versorgung wäre kurzlebig und würde mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem frühzeitigen Zahnverlust führen.
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Vorgehen: Im Anschluss an die Pulpotomie wird der Zahn wie oben beschrieben minimal präpariert. Eine passende Stahlkrone wird ausgewählt, adaptiert und mit Glasionomerzement definitiv eingesetzt.
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Ergebnis: Der Zahn ist bis zu seinem natürlichen Ausfallen in ca. 6-7 Jahren sicher, stabil und funktionell versorgt. Wiederholte Behandlungen, Schmerzen oder die Notwendigkeit eines Lückenhalters wurden vermieden. Die Stahlkrone war in diesem Fall die biologisch und ökonomisch sinnvollste Therapie.