Lektion 10: Der Stift-Stumpf-Aufbau – Das Fundament für die stark zerstörte Krone

A. Klinische Relevanz

 

Diese Lektion schlägt die entscheidende Brücke zwischen der Endodontie und der Prothetik. Wenn ein wurzelkanalbehandelter Zahn so stark zerstört ist, dass die verbliebene Zahnkrone keinen ausreichenden Halt mehr für einen Aufbau bietet, wird ein Wurzelstift notwendig. Es ist von fundamentaler Wichtigkeit, das größte Missverständnis bezüglich Wurzelstiften auszuräumen: Ein Stift verstärkt niemals den Zahn! Seine einzige Funktion ist die Verankerung (Retention) des Aufbaumaterials in der Wurzel. Die unsachgemäße Indikation oder Platzierung eines Stiftes schwächt den Zahn und ist eine häufige Ursache für irreparable Wurzelfrakturen.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Die Indikation: Wann ist ein Stift notwendig? Ein Stift ist nur dann indiziert, wenn nicht mehr genügend koronale Zahnhartsubstanz vorhanden ist, um einen adhäsiven Aufbau (Core build-up) retentiv zu verankern.

  • Kein Stift erforderlich (Regelfall bei Molaren): Wenn nach der endodontischen Behandlung noch 3-4 Kavitätenwände stehen, bietet die Pulpakammer selbst genügend Retention für einen adhäsiven Komposit-Aufbau.

  • Stift erforderlich (häufig bei Frontzähnen/Prämolaren): Wenn weniger als zwei Wände stehen oder die Zahnkrone fast vollständig fehlt.

  • Der Ferrule-Effekt ist wichtiger als der Stift: Die Frakturresistenz des Zahnes wird primär durch eine zirkuläre Fassung von mind. 1,5-2 mm gesunder Zahnsubstanz durch die spätere Krone (Ferrule) gewährleistet, nicht durch den Stift.

2. Moderne vs. Klassische Stiftsysteme

Stift-Typ Material E-Modul (Steifigkeit) Vorteile Nachteile
Glasfaserstift (Moderner Standard) Glasfasern in Kompositmatrix Niedrig (dentinähnlich) “Isoelastisch”, günstige Stressverteilung, adhäsiv, ästhetisch, reversibel Geringere Biegefestigkeit als Metall
Gegossener Stiftaufbau (Klassisch) Metalllegierung (Gold/NEM) Sehr hoch (sehr steif) Präzise Passung Maximal invasiv, hohes Frakturrisiko (Keilwirkung), mehrere Sitzungen, heute weitgehend obsolet

Der moderne Goldstandard ist der adhäsiv befestigte Glasfaserstift. Sein dentinähnliches Elastizitätsmodul sorgt für eine gleichmäßigere Kraftverteilung. Im Falle einer Überlastung versagt eher der adhäsive Verbund, was eine Reparatur ermöglicht, anstatt dass die Wurzel frakturiert.

3. Das klinische Protokoll für den adhäsiven Glasfaserstift-Aufbau

  1. Voraussetzung prüfen: Die Wurzelfüllung ist adäquat, und es verbleiben mindestens 4-5 mm der apikalen Guttapercha-Füllung unangetastet, um das apikale Siegel zu sichern.

  2. Stiftbett-Präparation: Mit kalibrierten Bohrern (z.B. Peeso-Bohrer) wird die Guttapercha auf die gewünschte Tiefe entfernt. Das Stiftbett wird so präpariert, dass der Stift passiv hineinpasst.

  3. Stiftanprobe: Der Glasfaserstift wird eingepasst, auf die korrekte Länge gekürzt und anschließend konditioniert (z.B. Silanisierung).

  4. Adhäsive Befestigung: Dies ist ein hochsensibler Schritt.

    • Der Wurzelkanal wird mit einem Adhäsivsystem vorbereitet.

    • Ein dual-härtender Kompositzement wird in den Kanal appliziert.

    • Der Stift wird eingesetzt und das System lichtgehärtet. Die chemische Nachhärtung sichert die Polymerisation in der Tiefe des Kanals.

  5. Koronaler Aufbau: Mit einem Aufbaukomposit (Core build-up material) wird um den aus dem Kanal ragenden Stiftkopf der neue Zahnstumpf modelliert.

  6. Finale Präparation: Der ausgehärtete Stift-Stumpf-Aufbau wird wie ein natürlicher Zahn für die Aufnahme der definitiven Krone präpariert.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Fallbeispiel: Stark zerstörter Frontzahn

  • Szenario: Ein wurzelkanalbehandelter oberer Schneidezahn (Zahn 11) ist bis auf die Höhe des Zahnfleisches zerstört. Es sind keine koronalen Wände mehr zur Verankerung eines Aufbaus vorhanden.

  • Analyse:

    • Ein adhäsiver Aufbau allein hätte keine Retention. -> Ein Stift ist zwingend indiziert.

    • Es sind noch ca. 2 mm gesunde Zirkumferenz des Zahnes oberhalb des Knochens vorhanden. -> Ein Ferrule-Effekt ist realisierbar. Der Zahn ist erhaltungswürdig.

  • Klinische Konsequenz & Vorgehen: Ein adhäsiver Glasfaserstift-Stumpf-Aufbau wird angefertigt.

    1. Das Stiftbett wird präpariert, wobei 5 mm Guttapercha apikal belassen werden.

    2. Ein Glasfaserstift wird mit einem dual-härtenden Kompositzement adhäsiv eingesetzt.

    3. Der Stumpf wird mit Aufbaukomposit aufgebaut.

    4. Der fertige Aufbau wird für eine Vollkeramikkrone präpariert. Der Kronenrand wird dabei so gelegt, dass er die verbliebenen 2 mm gesunde Zahnsubstanz (den Ferrule) vollständig umfasst.

  • Ergebnis: Der Stift hat seine einzige Funktion – die Retention des Aufbaus – erfüllt. Der adhäsive Verbund und der entscheidende Ferrule-Effekt schützen die Wurzel vor Frakturen. Auf diesem stabilen Fundament kann nun eine langlebige und ästhetische Krone befestigt werden.