Lektion 10: Arthralgie, Arthritis und Arthrose des Kiefergelenks: Differenzialdiagnose und Therapie

A. Klinische Relevanz
Schmerzen im Kiefergelenk können verschiedene Ursachen haben, die von einer einfachen Überlastung bis zu systemischen Entzündungserkrankungen reichen. Die Begriffe Arthralgie, Arthritis und Arthrose beschreiben dabei unterschiedliche pathophysiologische Prozesse. Die korrekte Differenzierung ist entscheidend, da sich die Therapie grundlegend unterscheidet: Während bei einer Arthritis die systemische Entzündungshemmung im Vordergrund steht, zielt die Arthrose-Therapie auf Funktionsverbesserung und Schmerzlinderung ab.

B. Detailliertes Fachwissen
1. Definition und Abgrenzung

 
 
Begriff Definition & Pathophysiologie Klinische Leitsymptome
Arthralgie Schmerzhaftes Gelenk ohne Entzündungszeichen. Ursache: Überlastung, Trauma, degenerative Veränderungen (Frühstadium). • Schmerz bei Belastung und Bewegung.
• Keine Rötung, Überwärmung oder Schwellung.
• Eingeschränkte Mundöffnung möglich.
Arthritis Entzündliche Gelenkerkrankung. Ursache: Autoimmun (rheumatoid), infektiös (bakteriell), metabolisch (Gicht). • Ruheschmerz und Nachtschmerz.
• Schwellung, Überwärmung, Rötung präaurikulär.
• Morgensteifigkeit.
• Systemische Zeichen (Fieber, Abgeschlagenheit).
Arthrose Degenerative (“verschleißbedingte”) Gelenkerkrankung mit Knorpelabbau und knöchernen Anpassungen. • Belastungsschmerz.
• Reibe- und Knackgeräusche (Krepitation).
• Einschränkung der Mundöffnung.
• Keine Entzündungszeichen (außer bei aktivierter Arthrose).

2. Differenzialdiagnose der Arthritis

 
 
Typ Ursache & Pathogenese Besonderheiten im Kiefergelenk
Rheumatoide Arthritis (RA) Autoimmunerkrankung, die die Synovialmembran befällt (Synovitis). Befällt oft beide Kiefergelenke. Führt zu Knochendestruktion, Kondylusresorption und sekundärer Ankylose. Okklusionsstörung durch Kondylenschwund.
Psoriasis-Arthritis Assoziiert mit Psoriasis (Schuppenflecht). Kann zu einer Arthritis mutilans mit starker Gelenkzerstörung führen.
Infektiöse Arthritis Bakterielle Besiedlung des Gelenks (hämatogen oder fortgeleitet). Notfall! Starke Schmerzen, Schwellung, Fieber. Erfordert sofortige Antibiotika-Gabe und ggf. Gelenkdrainage.
Arthritis urica (Gicht) Ablagerung von Harnsäurekristallen im Gelenk. Extrem starke, akute Schmerzen (“Verbranntes Gefühl”). Selten im Kiefergelenk.

3. Therapieprinzipien im Überblick

 
 
Erkrankung Therapieziel Therapiemaßnahmen
Arthralgie Schmerzlinderung, Entlastung, Funktionsverbesserung. • Schiene (DPS)
• Physiotherapie
• NSAR bei Schmerz
• Behandlung der Ursache (z.B. Bruxismus)
Arthritis Entzündungshemmung, Erhalt der Gelenkfunktion, Behandlung der Grunderkrankung. • Rheuma-Basistherapie (vom Rheumatologen)
• NSAR/Cortison (akut)
• Schiene zur Gelenkentlastung
• Physiotherapie
Arthrose Schmerzlinderung, Funktionserhalt, Verlangsamung der Progression. • Schiene (DPS)
• Physiotherapie
• NSAR bei Schüben
• Gelenkinfiltration (z.B. mit Hyaluronsäure)
• Patientenedukation

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

Fallbeispiel 1: Die akute Arthralgie nach Überlastung

Szenario: Ein Patient klagt über seit 2 Tagen bestehende Schmerzen im rechten Kiefergelenk nach einem langen Tag mit viel Kaugummikauen. Die Gelenkpalpation ist schmerzhaft, eine Schwellung ist nicht sichtbar.

Analyse: Klinik einer akuten Arthralgie durch Überlastung.

Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl:

  1. Therapie: Verordnung eines NSAR (z.B. Ibuprofen) für 3-5 Tage.

  2. Schonung: Empfehlung weicher Kost und Vermeidung weiterer Überlastung.

  3. Verlauf: Die Beschwerden klingen in der Regel innerhalb weniger Tage ab. Eine Schiene ist in diesem akuten Fall nicht zwingend notwendig.

Fallbeispiel 2: Der Verdacht auf rheumatoide Arthritis

Szenario: Eine 45-jährige Patientin stellt sich mit beidseitigen Kiefergelenkschmerzen, Morgensteifigkeit und einer zunehmenden Schwierigkeit beim Öffnen des Mundes vor. Sie berichtet von schmerzenden und geschwollenen Fingergelenken.

Analyse: Die Kombination aus symmetrischem Gelenkbefall, Morgensteifigkeit und Beteiligung der kleinen Gelenke ist hochverdächtig auf eine rheumatoide Arthritis.

Klinische Konsequenz & Überweisungsmanagement:

  1. Überweisung: Dringende Überweisung zum Rheumatologen zur Diagnosesicherung (Blutuntersuchung, Bildgebung) und Einleitung einer Basistherapie.

  2. Zahnärztliche Begleittherapie: Parallel wird eine weiche, entlastende Aufbissschiene angefertigt, um die Gelenke zu schützen und die Schmerzen zu lindern.

  3. Prognose: Unbehandelt führt die RA zur Zerstörung der Kiefergelenke mit schweren Okklusionsstörungen.

Fallbeispiel 3: Die aktivierte Arthrose

Szenario: Ein Patient mit bekannter Kiefergelenksarthrose (mit Krepitation) stellt sich mit einer plötzlichen Verschlechterung ein: starke Schmerzen, Schwellung und Überwärmung vor dem Ohr.

Analyse: Es liegt eine aktivierte Arthrose vor. Auf den degenerativen Dauerzustand ist eine akute Entzündung (“Schub”) aufgesetzt.

Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl:

  1. Akuttherapie: Zur Unterdrückung der Entzündung wird eine orale Cortison-Stoßtherapie (z.B. Prednisolon) oder eine intraartikulaire Cortison-Injektion durch den Facharzt erwogen.

  2. Supportiv: Hochdosierte NSAR und konsequente Gelenkentlastung durch die Schiene.

  3. Langfristig: Nach Abklingen des Schubs wird die Therapie auf die Basistherapie der Arthrose zurückgefahren.