Lektion 1: Grundlagen der Notfallversorgung in der Praxis: Ablauf, Ausstattung des Notfallkoffers und lebensrettende Sofortmaßnahmen (BLS/AED)

A. Klinische Relevanz
Ein medizinischer Notfall kann in jeder Zahnarztpraxis und zu jeder Zeit auftreten – sei es bei einem Patienten, einer Begleitperson oder einem Mitarbeiter. Panik und Unwissenheit können in dieser Situation lebensbedrohlich sein. Ein standardisiertes Vorgehen, eine vorbereitete Notfallausrüstung und geschultes Personal sind die Grundpfeiler, um einen Notfall sicher zu erkennen, erste Maßnahmen einzuleiten und den Patienten bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes zu stabilisieren.

B. Detailliertes Fachwissen
1. Der Notfallalgorithmus: Das “4-Schema”-Modell

Jeder Notfall sollte nach einem einfachen, einprägsamen Schema abgearbeitet werden.

  1. SICHERHEIT & EIGENSCHUTZ: Zuerst immer an die eigene Sicherheit und die des Teams denken (z.B. bei Bewusstlosigkeit: Umgebung checken).

  2. STIMULIEREN & SPRECHEN: Bewusstseinsstatus prüfen. Patient ansprechen, an der Schulter rütteln. “Hallo, hören Sie mich?”

  3. SITUATION ERFASSEN & HILFE RUFEN:

    • Bei Bewusstlosigkeit oder lebensbedrohlicher Situation: SOFORT den Rettungsdienst alarmieren (112). Ein Teammitglied hat nur diese Aufgabe.

    • Laut und deutlich “Notarzt, Praxis [Adresse]” durchgeben.

  4. SOFORTMASSNAHMEN EINLEITEN: Basismaßnahmen je nach Situation beginnen (siehe BLS unten).

2. Der Notfallkoffer (DIN 13232) – Ein Überblick über essenzielle Inhalte

Der Koffer muss regelmäßig auf Verfallsdaten überprüft werden und griffbereit sein.

 
 
Medikament / Material Konzentration / Art Wichtige Indikation(en)
Sauerstoff Flasche mit Druckminderer und Maske Bei jeder Bewusstlosigkeit, Atemnot, Zyanose.
Adrenalin (Autoinjektor oder Ampulle) 1:1000 (1 mg/ml) Anaphylaxie, Herz-Kreislauf-Stillstand.
Antihistaminikum (z.B. Clemastin / Tavegil®) i.v./i.m. Allergische Reaktion.
Kortison (z.B. Prednisolon / Solu-Decortin H®) i.v./i.m. Schwere allergische Reaktion, Asthma.
Salbutamol-Spray (z.B. Salbuhexal®) Dosieraerosol Asthmaanfall.
Glukose (z.B. G40 Paste / Hypofit®) Orale Gabe Hypoglykämie (Unterzuckerung).
Aspirin (ASS) 500 mg, gekaut Verdacht auf Herzinfarkt.
Notfall-Beatmungsbeutel (Ambu-Beutel) Mit Masken in verschiedenen Größen Atemstillstand.

3. Lebensrettende Sofortmaßnahmen (BLS = Basic Life Support)

Das Einmaleins der Notfallmedizin für Patienten ohne Lebenszeichen.

  • Prüfen:

    • Bewusstsein? (Ansprechen, Rütteln)

    • Atmung? („Hören-Sehen-Fühlen“ max. 10 Sekunden). Schnappatmung gilt als keine normale Atmung!

  • Rufen: 112 (Alarmieren)

  • Drücken:

    • Herzdruckmassage: Mitte des Brustkorbs, 5-6 cm tief, Frequenz 100-120/Minute (“Staying Alive”).

    • Verhältnis: 30x Drücken : 2x Beatmen.

    • Beatmen: Mit Beatmungshilfe (Taschenmaske) für den Eigenschutz. Falls nicht vorhanden: Nur Drücken.

  • AED (Automatisierter Externer Defibrillator):

    • Gerät holen, einschalten, Anweisungen folgen.

    • Elektroden kleben, Schockabgabe, wenn angeordnet.

    • Unmittelbar nach dem Schock: Weiter mit der Herzdruckmassage!

C. Praktische Umsetzung & Fallbeispiele

Fallbeispiel 1: Die vasovagale Synkope

Szenario: Ein junger Patient wird bei der Anästhesie-Injektion plötzlich blass, schwitzt und wird ohnmächtig.

Analyse & Korrektes Vorgehen:

  1. Sicherheit: Stuhl in Rückenlage bringen, ggf. vom Behandlungsstuhl heben.

  2. Stimulieren & Sprechen: Bewusstsein prüfen. Patient ist bewusstlos.

  3. Situation & Hilfe: 112 anrufen. Situation schildern: “Junger Patient, ohnmächtig nach Spritze, atmet.”

  4. Sofortmaßnahmen:

    • Stabile Seitenlage, da Atmung vorhanden.

    • Beine hochlagern, um die Durchblutung des Gehirns zu verbessern.

    • Engende Kleidung lockern.

    • Vitalzeichen kontrollieren (Atmung, Puls) bis der Rettungsdienst eintrifft.

Fallbeispiel 2: Der anaphylaktische Schock

Szenario: Kurz nach Gabe eines Lokalanästhetikums entwickelt der Patient eine generalisierte Urtikaria (Nesselsucht), Juckreiz, Atemnot und einen raschen Blutdruckabfall.

Analyse: Schwere allergische Reaktion (Anaphylaxie). Absoluter Notfall!

Korrektes Vorgehen:

  1. Sofortmaßnahme: SOFORT 112 anrufen! “Verdacht auf anaphylaktischen Schock!”

  2. Notfallkoffer holen.

  3. Medikamentöse Ersttherapie:

    • Adrenalin i.m. in den Oberschenkel (Dosis nach Herstellerangabe des Autoinjektors oder 0,3-0,5 mg für Erwachsene).

    • Sauerstoffgabe über Maske mit hohem Fluss (10-15 l/min).

    • Antihistaminikum (z.B. Clemastin) i.v./i.m.

    • Kortison (z.B. Prednisolon) i.v./i.m.

  4. Lagerung: Patienten flach lagern, Beine hoch.

Fallbeispiel 3: Der hypoglykämische Schock

Szenario: Ein diabetischer Patient wird unruhig, verwirrt, schwitzt und zittrig.

Analyse: Verdacht auf Unterzuckerung.

Korrektes Vorgehen:

  1. Bei erhaltenem Bewusstsein: Orale Gabe von schnell resorbierbaren Kohlenhydraten.

    • Traubenzucker, zuckerhaltige Limonade (KEINE Light-Getränke!), G40-Paste.

  2. Bei Bewusstseinsstörung oder Krampfanfall:

    • 112 anrufen.

    • Nichts mehr einflößen (Aspirationsgefahr!).

    • Stabile Seitenlage, Vitalzeichenkontrolle.

    • In der Klinik kann dann Glukose i.v. gegeben werden.