Lektion 3: Intraorale Einzelzahnaufnahmen: Paralleling-Technik, Bissflügelaufnahmen & Okklusalaufnahmen – Techniken, Indikationen und strahlenarme Anwendung
A. Klinische Relevanz
Intraorale Einzelzahnaufnahmen sind das hochauflösende Rückgrat der zahnärztlichen Diagnostik. Während das OPG einen Überblick bietet, liefern diese Aufnahmen die notwendige Detailgenauigkeit für die Beurteilung von Karies, parodontalen Knochentaschen, Wurzelkanalsystemen und apikalen Läsionen. Die Beherrschung der verschiedenen Techniken und ihrer spezifischen Indikationen ist eine Kernkompetenz des Zahnarztes und ermöglicht eine präzise Diagnose bei minimaler Strahlenbelastung.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Die Paralleling-Technik (Rechtwinkeltechnik)
Dies ist die technisch einzig korrekte und reproduzierbare Methode für periapikale Aufnahmen, da sie geometrische Verzerrungen minimiert.
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Prinzip: Der Sensor wird parallel zur Zahnlängsachse positioniert. Die Zentralstrahlung des Röntgengeräts wird senkrecht (im rechten Winkel) auf Sensor und Zahn ausgerichtet.
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Hilfsmittel: Sensorhalterungen mit Ring- oder Stabblende sind zwingend erforderlich, um dieses Prinzip einzuhalten und die Strahlenbelastung durch ein kleines Strahlenfeld zu reduzieren.
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Vorteile:
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Geringe Verzerrung → metrische Beurteilung von Längen (z.B. Wurzelkanäle) möglich.
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Reproduzierbare Aufnahmen für Verlaufskontrollen.
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Darstellung des gesamten periodontalen Spalts und der apikalen Strukturen.
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2. Die Bissflügelaufnahme (BW)
Diese Aufnahme erfasst die Kronen der Ober- und Unterkieferzähne sowie den koronalen Anteil des Alveolarknochens einer Seite.
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Prinzip: Der Patient beißt auf einen kleinen Flügel, an dem der Sensor befestigt ist. Die Aufnahme erfolgt mit schräg einfallender Strahlung.
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Hauptindikation:
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Kariesdiagnostik, insbesondere approximaler Karies im Seitenzahnbereich, der im OPG leicht übersehen werden kann.
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Beurteilung des knöchernen parodontalen Stützgewebes im koronalen Bereich.
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Beurteilung von Füllungs- und Kronenrändern.
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3. Die Okklusalaufnahme
Eine großformatige Aufnahme, die einen größeren Kieferabschnitt (meist den gesamten Frontzahnbereich oder einen Gaumen/Halbseite) abbildet.
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Prinzip: Der Sensor wird in die Okklusionsebene gelegt. Die Strahlung tritt von bukkal (obere Zahnreihe) oder von okklusal (untere Zahnreihe) ein.
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Indikationen:
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Suche nach retinierte oder überzähligen Zähnen im Frontzahnbereich.
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Beurteilung von Frakturen im Frontzahnbereich des Ober- oder Unterkiefers.
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Darstellung von Zysten oder anderen pathologischen Prozessen im Gaumen oder Mundboden.
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Lokalisation von Fremdkörpern in den Weichteilen.
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C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Fallbeispiel 1: Kariesdiagnostik und Verlaufskontrolle
Szenario: Bei einer recall-Patientin zeigt sich klinisch und im OPG der Verdacht auf eine initiale approximal Karies zwischen Zahn 25 und 26.
Analyse: Das OPG ist für die sichere Beurteilung einer beginnenden Karies ungeeignet. Eine detaillierte Aufnahme ist notwendig.
Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl:
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Aufnahmetechnik: Es werden zwei Bissflügelaufnahmen der rechten Seite (eine für Prämolaren, eine für Molaren) angefertigt.
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Befundung: Die Aufnahmen zeigen eine eindeutige, auf das Dentin reichende Karies an Zahn 25 mesial, die im OPG nicht sicher beurteilbar war.
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Therapie & Verlauf: Die Karies wird versorgt. In 1-2 Jahren wird eine erneute Bissflügelaufnahme zur Kontrolle der benachbarten Kontaktpunkte angefertigt – eine strahlenarme und hochpräzise Verlaufskontrolle.
Fallbeispiel 2: Endodontische Behandlung
Szenario: Ein Patient stellt sich mit einer akuten apikalen Parodontitis an Zahn 11 vor. Der Zahn ist devital.
Analyse: Für die Wurzelkanalbehandlung ist die exakte Länge, Form und Anzahl der Kanäle sowie der Zustand des periapikalen Knochens entscheidend.
Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl:
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Erstaufnahme: Eine periapikale Aufnahme mit der Paralleling-Technik wird angefertigt. Sie zeigt die Wurzellänge und eine apikale Aufhellung.
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Bestimmung der Arbeitslänge: Mit einer Arbeitslängenaufnahme (Röntgenbild mit eingeführten Feilen) wird die exakte Länge des Kanals bestimmt. Nur die Paralleling-Technik liefert hierfür eine verzerrungsfreie Metrik.
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Kontrolle: Das Masteraufnahme (mit dem endgültigen Wurzelfüllmaterial) dokumentiert die vollständige und dichte Obliteration des Kanalsystems.
Fallbeispiel 3: Das Trauma im Frontzahnbereich
Szenario: Ein Kind stürzt und schlägt sich die Frontzähne an. Klinisch ist Zahn 21 stark gelockert und nach palatinal verlagert.
Analyse: Es besteht der Verdacht auf eine Wurzelfraktur oder eine alveoläre Fraktur.
Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl:
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Erstdiagnostik: Ein OPG wird zum groben Frakturausschluss im gesamten Kiefer angefertigt.
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Detaillierte Darstellung: Da der Frontzahnbereich im OPG häufig überlagert ist, wird zusätzlich eine obere Okklusalaufnahme durchgeführt.
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Befund: Die Okklusalaufnahme zeigt klar eine horizontale Wurzelfraktur im mittleren Drittel der Wurzel von Zahn 21, die im OPG nicht sicher zu erkennen war.
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Therapie: Die Diagnose bestimmt die Therapie (Ruhigstellung mittels Schiene).