Lektion 2: Die Panoramaschichtaufnahme (OPG/DPT): Indikationen, Durchführung, normale Anatomie und systematische Befundung

A. Klinische Relevanz
Die Panoramaschichtaufnahme (OPG), auch Digitale Volumentomographie (DPT) genannt, ist die häufigste radiologische Übersichtsaufnahme in der Zahnmedizin. Sie bietet einen ausgezeichneten ersten Überblick über die Kiefer, die Zähne und ihre umgebenden Strukturen. Eine systematische Befundung ist entscheidend, um pathologische Veränderungen nicht zu übersehen. Jeder Zahnarzt muss die korrekten Indikationen, die technischen Limitationen und die normale Anatomie im OPG sicher beherrschen.

B. Detailliertes Fachwissen
1. Indikationen und Grenzen des OPG

 
 
Indikationen Limitationen & Fehlerquellen
• Überblick über den Zahnstatus (Zahl, Lage, Durchbruchsstörungen).
• Beurteilung der Weisheitszähne.
• Diagnostik von großen kariösen Läsionen, parodontalen Knochenabbau.
• Erste Einschätzung von apikalen Parodontitiden.
• Traumatologie (Frakturausschluss).
• Beurteilung von Zysten, Tumoren und anderen knöchernen Veränderungen.
• Verlaufskontrolle.
• Überlagerungen: Die dreidimensionale Anatomie wird auf eine Ebene projiziert. Strukturen überlagern sich (Wirbelsäule, Gaumen).
• Verzerrungen und Unschärfen: Schichtdicke begrenzt, außerhalb der Fokusschärfeebene wird es unscharf.
• Keine Beurteilung der Knochenqualität/-dichte für Implantate möglich.
• Kleiner Kariesbefund kann übersehen werden (fehlende Detailschärfe).

2. Durchführung und korrekte Lagerung des Patienten

Eine schlechte Lagerung führt zu Artefakten und erschwert die Diagnostik.

  • Kopfposition: Die Frankfurter Horizontalebeite (Verbindung Orbitaunterrand – Oberkante Gehörgang) muss waagerecht sein.

  • Sagittale Ebene: Die Mittellinie des Kopfes muss senkrecht stehen.

  • Bisslage: Die Zähne sollten in der habituellen Okklusion auf den Bissblock aufbeißen. Die Zunge muss während der Aufnahme den Gaumen berühren, um einen dunklen Schatten im Bereich des harten Gaumens zu vermeiden.

  • Entfernung von störenden Gegenständen: Brille, Ohrringe, Hörgeräte, herausnehmbarer Zahnersatz.

3. Systematische Befundung der normalen Anatomie („OPG-Checkliste“)

Um nichts zu übersehen, sollte die Befundung immer in der gleichen Reihenfolge erfolgen.

 
 
Region Wichtige normale anatomische Strukturen Was ist pathologisch?
Kondylen & Gelenke Form der Kondylen, Gelenkspalt. Abflachungen, Osteophyten (Arthrose), Destruktionen.
Aufsteigende Unterkieferäste Gleichmäßige Knochendichte. Aufhellungen (Zysten), Verdichtungen (Sklerosen), Unterbrechungen (Frakturen).
Unterkieferkörper Unterrand, Canalis mandibulae („Tram-Linie“). Unterbrechung des Nervenkanals, Resorptionen, periostale Reaktionen.
Zähne & Alveolarknochen Kronen, Wurzeln, Lamina dura, Periodontalspalt. Karies, apikale Aufhellungen, parodontaler Knochenabbau, Wurzelresorptionen.
Kieferhöhlen Strahlendurchlässiger (dunkler) Hohlraum mit klaren Begrenzungen. Verschattung (Entzündung, Schleimhautverdickung), Unterbrechung des Bodens.
Nasenhöhle & Septum Nasenseptum, untere Nasenmuscheln. Deviation, Fraktur.
Jochbeine Klare Kontur der Jochbeine und -bögen. Stufenbildung (Fraktur).
Weichteilschatten Weicher Gaumen, Zungenrand, Ohrläppchen. Verkalkungen (Lymphknoten, Atherome), Fremdkörper.

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

Fallbeispiel 1: Der unklare dentogene Schmerz

Szenario: Ein Patient klagt über dumpfe Schmerzen im rechten Oberkiefer. Die klinische Untersuchung ist unauffällig, alle Zähne sind vital.

Analyse: Bei unklaren Schmerzen im Kieferbereich ist ein OPG eine geeignete erste Übersichtsaufnahme.

Klinische Konsequenz & Befundung:

  1. Ein OPG wird angefertigt.

  2. Systematische Befundung: Beim Abarbeiten der Checkliste fällt im Bereich von Zahn 17 eine kleine, scharf begrenzte, rundliche Aufhellung an der Wurzelspitze auf.

  3. Diagnose: Verdacht auf eine radikuläre Zyste an Zahn 17, der klinisch nicht zugänglich war.

  4. Weiteres Vorgehen: Es wird eine gezielte Einzelzahnaufnahme oder ein DVT zur Bestätigung und Größenbestimmung veranlasst.

Fallbeispiel 2: Die fehlgeschlagene Weisheitszahn-Beurteilung

Szenario: Im OPG eines Patienten zur Weisheitszahnbeurteilung scheint der Nervenkanal im Unterkiefer klar getrennt von den Wurzeln von Zahn 38 zu verlaufen.

Analyse: Das OPG ist eine Projektion. Es kann eine enge räumliche Beziehung zwischen Wurzel und Nerv vorliegen, die im OPG nicht sichtbar ist.

Klinische Konsequenz & Korrekte Vorgehensweise:

  1. Risikobewertung: Liegt die Wurzelspitze im OPG im Projektionsbereich des Kanals („darkening of the root“), besteht der Verdacht auf einen engen Kontakt.

  2. 3D-Bildgebung: In diesem Fall ist eine DVT-Untersuchung indiziert, um die räumliche Beziehung exakt zu klären und das Risiko einer Nervschädigung bei der Extraktion einzuschätzen.

  3. Folge: Das DVT zeigt, dass die Wurzel den Nervenkanal tatsächlich von bukkal umgreift. Die OP-Planung (ggf. Coronektomie) wird entsprechend angepasst.

Fallbeispiel 3: Der Zufallsbefund

Szenario: Ein OPG wird vor einer prothetischen Versorgung angefertigt. Der Zahnarzt befundet systematisch und entdeckt im aufsteigenden Ast des Unterkiefers eine scharf begrenzte, mehrkammerige (multilokuläre) Aufhellung, die dem Patienten keine Beschwerden bereitet.

Analyse: Der radiologische Aspekt ist hochverdächtig auf einen benignen odontogenen Tumor, sehr wahrscheinlich ein Ameloblastom.

Klinische Konsequenz & Überweisungsmanagement:

  1. Der Zahnarzt erklärt dem Patienten den Zufallsbefund und die Notwendigkeit der Abklärung.

  2. Überweisung: Es erfolgt die sofortige Überweisung zum MKG-Chirurgen mit dem OPG und der Verdachtsdiagnose.

  3. Weiterdiagnostik: Der MKG-Chirurg wird ein DVT anfertigen und eine Biopsie zur histologischen Sicherung durchführen.