Lektion 13: Wichtige Antibiotika-Klassen (Penicilline, Makrolide, Clindamycin, Metronidazol)
A. Klinische Relevanz
Wenn eine Antibiotika-Therapie indiziert ist, muss der Zahnarzt den richtigen Wirkstoff für die spezifische Situation auswählen. Die Wahl richtet sich nach dem zu erwartenden Keimspektrum einer odontogenen Infektion und dem individuellen Risikoprofil des Patienten (insbesondere Allergien). Diese Lektion gibt einen Überblick über die vier wichtigsten Antibiotika-Klassen in der Zahnmedizin, ihre Wirkmechanismen, ihr Spektrum und ihre entscheidenden Nebenwirkungen. Dieses Wissen ist die Grundlage für eine effektive und sichere antiinfektiöse Therapie.
B. Detailliertes Fachwissen
Odontogene Infektionen sind typischerweise Mischinfektionen, die anfangs von aeroben und fakultativ anaeroben grampositiven Kokken (v.a. Streptokokken) dominiert werden und im chronischen Verlauf einen zunehmend gramnegativen, obligat anaeroben Charakter annehmen.
1. Penicilline (β-Lactam-Antibiotika) – Mittel der ersten Wahl
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Wirkstoffe:
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Penicillin V (Phenoxymethylpenicillin): Schmalspektrum-Penicillin. Wirkt exzellent gegen die typischen oralen Streptokokken und Anaerobier.
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Amoxicillin: Aminopenicillin mit erweitertem Spektrum. Gilt heute aufgrund seiner besseren pharmakokinetischen Eigenschaften oft als Standard.
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Amoxicillin + Clavulansäure: Die Clavulansäure ist ein β-Lactamase-Inhibitor, der das Amoxicillin vor dem Abbau durch resistente Bakterien schützt.
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Wirkmechanismus: Bakterizid (keimtötend). Hemmt die bakterielle Zellwandsynthese.
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Spektrum: Ideal für die typische odontogene Mischflora.
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Nebenwirkungen: Häufigste Nebenwirkung ist die Allergie, die von Hautausschlägen bis zur lebensbedrohlichen Anaphylaxie reichen kann.
2. Clindamycin (Lincosamid) – Die erste Alternative bei Penicillin-Allergie
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Wirkmechanismus: Bakteriostatisch (hemmt das Bakterienwachstum durch Blockade der Proteinsynthese).
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Spektrum: Exzellentes Spektrum für odontogene Infektionen, wirkt sehr gut gegen grampositive Kokken (Strepto- und Staphylokokken) und die meisten relevanten Anaerobier. Hat eine sehr gute Knochengängigkeit.
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Die entscheidende Nebenwirkung: Antibiotika-assoziierte Kolitis (AAC)
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Clindamycin unterdrückt die normale Darmflora stark, was zu einer Überwucherung des resistenten Bakteriums Clostridioides difficile führen kann.
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Dieses Bakterium produziert Toxine, die eine schwere, potenziell lebensbedrohliche Entzündung des Dickdarms (pseudomembranöse Kolitis) auslösen können.
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Aufklärungspflicht: Der Patient muss angewiesen werden, das Medikament bei Auftreten von schweren, wässrigen Durchfällen sofort abzusetzen und einen Arzt zu konsultieren.
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3. Makrolide
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Wirkstoffe: Erythromycin (veraltet), Clarithromycin, Azithromycin.
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Wirkmechanismus: Bakteriostatisch (hemmt die Proteinsynthese).
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Spektrum: Primär gegen grampositive Kokken.
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Heutiger Stellenwert: Aufgrund zunehmender Resistenzen von Streptokokken und eines hohen Potenzials für Arzneimittelinteraktionen (Hemmung von CYP-Enzymen in der Leber) gelten sie in der Zahnmedizin heute eher als Mittel der zweiten oder dritten Wahl.
4. Metronidazol
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Wirkmechanismus: Bakterizid. Stört die DNA-Synthese von Bakterien.
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Spektrum: Wirkt hochspezifisch und ausschließlich gegen obligat anaerobe Bakterien (Porphyromonas, Prevotella, Fusobacterium etc.). Es hat keine Wirkung auf aerobe oder fakultativ anaerobe Keime.
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Anwendung:
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Niemals als Monotherapie bei einer odontogenen Mischinfektion.
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Hauptsächlich in der Parodontologie als Kombinationspartner zu Amoxicillin bei schweren, aggressiven Parodontitis-Formen.
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Wichtige Interaktion: Verursacht eine Disulfiram (Antabus)-ähnliche Reaktion mit Alkohol. Der Patient muss strikt darauf hingewiesen werden, während der Therapie keinen Alkohol zu konsumieren (Gefahr von starker Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen).
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Die klinische Entscheidungshierarchie:
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Standardfall ohne Allergie: Amoxicillin (oder Penicillin V) ist das Mittel der ersten Wahl.
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Nachgewiesene Penicillin-Allergie: Clindamycin ist die klassische erste Alternative.
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Spezifische Indikation (z.B. schwere Parodontitis): Die Kombination Amoxicillin + Metronidazol.
Fallbeispiel: Der Penicillin-Allergiker
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Szenario: Ein Patient mit einer dokumentierten, schweren Penicillin-Allergie (Anaphylaxie) in der Vorgeschichte entwickelt eine sich ausbreitende odontogene Infektion (Phlegmone) mit systemischen Zeichen (Fieber, Lymphknotenschwellung). Eine chirurgische Sanierung wird mit einer adjuvanten Antibiotikatherapie kombiniert.
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Analyse:
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Eine Antibiotikatherapie ist aufgrund der systemischen Ausbreitung klar indiziert.
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Penicilline sind absolut kontraindiziert.
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Die Infektion ist eine typische orale Mischinfektion mit einem hohen Anaerobier-Anteil.
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Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Clindamycin.
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Vorgehen: Der Patient erhält (ggf. initial intravenös im Krankenhaus) Clindamycin in adäquater Dosierung (z.B. 3-4x 600mg / Tag).
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Aufklärung: Der Patient wird eindringlich über das Risiko einer pseudomembranösen Kolitis aufgeklärt und instruiert, bei schweren Durchfällen sofort ärztliche Hilfe zu suchen.
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Rationale: Clindamycin wurde gewählt, da es die Standardalternative bei Penicillin-Allergie ist und sein Spektrum die relevanten aeroben Kokken und die anaeroben Keime der odontogenen Infektion exzellent abdeckt.