Lektion 20: Regenerative Verfahren I – Gesteuerte Geweberegeneration (GTR) mit Membranen

A. Klinische Relevanz

 

Die regenerative Parodontalchirurgie stellt den anspruchsvollsten und biologisch elegantesten Ansatz in der Parodontitis-Therapie dar. Im Gegensatz zu resektiven Verfahren, die Defekte lediglich managen und verkleinern, ist das Ziel der Regeneration die vollständige Neubildung des durch die Krankheit verloren gegangenen Zahnhalteapparates – also neuer Knochen, neues Wurzelzement und ein neues funktionelles Desmodont. Das Prinzip der Gesteuerten Geweberegeneration (Guided Tissue Regeneration, GTR) ist das wissenschaftliche Fundament dieser Techniken. Die Beherrschung dieses Konzepts ermöglicht es, in geeigneten Fällen nicht nur die Krankheit zu stoppen, sondern den Schaden teilweise rückgängig zu machen und die Langzeitprognose eines Zahnes dramatisch zu verbessern.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Das biologische Prinzip: Die Exklusion von Zellen Die parodontale Wundheilung ist ein Wettlauf verschiedener Zelltypen um die Besiedlung der gereinigten Wurzeloberfläche.

  • Das Problem der konventionellen Heilung: Nach einer Operation wachsen die Epithelzellen der Gingiva am schnellsten. Sie wandern entlang der Wurzeloberfläche nach apikal und bilden ein langes Saumepithel. Dies führt zwar zu einer flachen, gesunden Tasche (Reparatur), aber es entsteht kein neuer Zahnhalteapparat.

  • Das GTR-Prinzip: Das Konzept der GTR basiert auf der Schaffung einer Barriere, um diesen Wettlauf zu steuern. Eine biokompatible Membran wird chirurgisch über den knöchernen Defekt gelegt.

  • Die Funktion der Membran:

    1. Barrierefunktion (Zell-Exklusion): Die Membran blockiert die schnell wachsenden Epithel- und gingivalen Bindegewebszellen und hält sie davon ab, in den Defekt einzuwachsen.

    2. Raumschaffung: Sie fungiert wie ein “Zelt” und erhält den notwendigen Raum für die Regeneration.

  • Das Ergebnis: In dem so geschaffenen, geschützten Raum haben die langsamer wachsenden, aber für die Regeneration erwünschten Zellen – undifferenzierte mesenchymale Zellen aus dem Parodontalligament und dem Alveolarknochen – die Zeit, in den Defekt einzuwandern, sich zu vermehren und zu differenzieren. Sie bilden einen neuen, funktionellen Zahnhalteapparat: neues Wurzelzement, neue Desmodontalfasern und neuen Alveolarknochen. Dies ist eine echte Regeneration.

2. Indikationen und Defektmorphologie Der Erfolg der GTR hängt entscheidend von der Anatomie des Knochendefekts ab. Der Defekt muss ein “regeneratives Potenzial” besitzen, d.h. er muss den Blutklumpen stabilisieren können und von möglichst vielen Knochenwänden umgeben sein, aus denen die regenerativen Zellen einwandern können.

  • Ideale Indikationen:

    • Tiefe, enge 2- und 3-wandige vertikale (intraossäre) Knochendefekte.

    • Mandibuläre (Unterkiefer) Furkationsdefekte des Grades II.

  • Ungünstige Indikationen:

    • Horizontale Knochendefekte und 1-wandige Defekte (keine räumliche Begrenzung).

    • Maxilläre (Oberkiefer) Furkationsdefekte und alle Grad-III-Furkationen (schlechte Prognose).

3. Membran-Materialien

  • Nicht-resorbierbare Membranen (historisch): Z.B. aus expandiertem Polytetrafluorethylen (ePTFE, Gore-Tex®). Erfordern einen zweiten chirurgischen Eingriff zur Entfernung und haben ein höheres Infektionsrisiko. Werden heute kaum noch verwendet.

  • Resorbierbare Membranen (moderner Standard):

    • Material: Meist aus hochreinem Kollagen tierischen Ursprungs (Schwein, Rind).

    • Vorteile: Werden vom Körper nach einer definierten Zeit (einige Wochen bis Monate) selbstständig abgebaut. Kein Zweiteingriff erforderlich.

4. Das chirurgische Vorgehen

  1. Lappendesign: Bildung eines Mukoperiostlappens unter maximaler Erhaltung der Interdentalpapille (z.B. Papilla Preservation Flap).

  2. Debridement: Sorgfältige Entfernung allen Granulationsgewebes aus dem Knochendefekt und gründliche Reinigung und Glättung der Wurzeloberfläche.

  3. Membranapplikation: Eine resorbierbare Kollagenmembran wird zugeschnitten, sodass sie den knöchernen Defekt vollständig überdeckt und an den Rändern 2-3 mm auf dem gesunden Knochen aufliegt.

  4. Wundverschluss: Der Lappen wird sorgfältig reponiert und mit Nähten spannungsfrei und primär dicht über der Membran verschlossen. Ein offenes Einheilen der Membran (Exposition) ist die häufigste Komplikation und führt zum Misserfolg.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Strenge Patientenauswahl: Regenerative Verfahren sind techniksensitiv und anspruchsvoll. Sie sind nur bei Nichtrauchern mit einer perfekten Mundhygiene (Plaque-Score < 15%) indiziert, um das Risiko postoperativer Komplikationen zu minimieren.

Fallbeispiel:

  • Szenario: Eine 38-jährige, gesunde Nichtraucherin hat nach Abschluss der AIT eine persistierende 9-mm-Tasche an Zahn 36 mesial. Die Mundhygiene ist exzellent (API 10%).

  • Radiologischer Befund: Das Röntgenbild zeigt einen tiefen, 2-wandigen vertikalen Knochendefekt.

  • Analyse: Dies ist die ideale Indikation für eine regenerative Therapie. Die Defektmorphologie ist günstig, und die Patientin erfüllt alle Kriterien (Nichtraucherin, perfekte Hygiene). Eine resektive Therapie wäre hier ein Kunstfehler, da sie zu massivem Gewebeverlust führen würde.

  • Klinische Konsequenz & Vorgehen: Es wird eine Gesteuerte Geweberegeneration (GTR) geplant.

    1. Nach Bildung eines papillenerhaltenden Lappens wird der Defekt dargestellt und akribisch gereinigt.

    2. Oft wird der Defekt zusätzlich mit einem Knochenersatzmaterial aufgefüllt, um den Raum unter der Membran zu stützen.

    3. Eine resorbierbare Kollagenmembran wird über dem Defekt platziert.

    4. Der Lappen wird spannungsfrei und primär dicht vernäht.

  • Erwartetes Ergebnis: Die Nachuntersuchung nach 1 Jahr zeigt eine Reduktion der Sondierungstiefe von 9 mm auf 3 mm und einen radiologisch sichtbaren, signifikanten knöchernen Auffüllung des Defekts. Es wurde eine echte Regeneration des verloren gegangenen Zahnhalteapparates erzielt.