Lektion 15: Schritt 2 – Das subgingivale Debridement (Scaling and Root Planing, SRP)

A. Klinische Relevanz

 

Das subgingivale Debridement, oft als “Tiefenreinigung” oder Scaling and Root Planing (SRP) bezeichnet, ist der zentrale und entscheidende Eingriff der anti-infektiösen Therapie (AIT). Es ist die kausale Therapie der Parodontitis. Während die Hygienephase den supragingivalen Biofilm kontrolliert, zielt das SRP darauf ab, die Ursache der Attachmentzerstörung – den subgingivalen Biofilm und Zahnstein – von den Wurzeloberflächen innerhalb der parodontalen Taschen zu entfernen. Die Qualität und Vollständigkeit dieses technisch anspruchsvollen, taktilen Verfahrens bestimmt maßgeblich den Erfolg der gesamten nicht-chirurgischen Parodontitis-Behandlung und die Notwendigkeit für nachfolgende chirurgische Eingriffe.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Terminologie und Behandlungsziel: Debridement vs. Wurzelglättung

  • Scaling: Die Entfernung von Biofilm und mineralisierten Konkrementen (Zahnstein) von der Zahnoberfläche.

  • Root Planing (Wurzelglättung): Das historische Konzept, bei dem absichtlich eine Schicht des als “infiziert” geltenden Wurzelzements abgetragen wurde, um eine “biologisch akzeptable”, glasartig glatte Oberfläche zu schaffen.

  • Modernes Konzept: Parodontales Debridement: Das heutige, biologisch fundierte Ziel ist die sorgfältige Entfernung des Biofilms und des Zahnsteins bei maximaler Erhaltung des Wurzelzements. Man hat erkannt, dass nicht das Zement selbst, sondern der darauf anhaftende Biofilm und die Endotoxine das Problem sind. Der klinische Endpunkt ist nicht mehr die “glasglatte” Wurzel, sondern eine Oberfläche, die sauber genug ist, um eine Heilung des Parodonts zu ermöglichen.

2. Das klinische Vorgehen Das subgingivale Debridement wird in der Regel unter Lokalanästhesie durchgeführt, um eine schmerzfreie und gründliche Instrumentierung der tiefen Taschen zu ermöglichen. Die Behandlung erfolgt systematisch, oft quadranten- oder sextantenweise.

  • Instrumenten-Technik (Beispiel Gracey-Kürette):

    1. Exploration: Mit der Kürette wird zunächst die Topographie der Wurzeloberfläche und die Lage der Konkremente ertastet.

    2. Insertion: Das Arbeitsende wird mit geschlossener Klinge (die Fläche zum Zahn geneigt) sanft an den Taschenboden geführt.

    3. Adaptation & Angulation: Der untere Schaft wird parallel zur zu bearbeitenden Wurzeloberfläche ausgerichtet. Dadurch stellt sich der korrekte Arbeitswinkel von ca. 70° automatisch ein.

    4. Arbeitshub: Mit moderatem lateralen Druck wird ein kontrollierter, ziehender Arbeitshub von apikal nach koronal ausgeführt. Die Hübe sollten kurz, kraftvoll und überlappend sein, um die gesamte Oberfläche systematisch abzudecken (vertikale, oblique und horizontale Züge).

  • “Full-Mouth Disinfection” (FMD): Ein Konzept, bei dem das subgingivale Debridement des gesamten Mundes innerhalb von 24 Stunden durchgeführt wird. Die Rationale ist die Verhinderung einer Re-Infektion bereits behandelter Stellen durch Bakterien aus noch unbehandelten Taschen.

3. Die parodontale Heilung nach dem Debridement Die Entfernung des subgingivalen Reizes löst eine vorhersagbare Heilungskaskade aus.

  • Reduktion der Entzündung: Die Entzündung in der Taschenwand klingt ab, was zur Abschwellung (Reduktion des Ödems) und einer strafferen Konsistenz der Gingiva führt.

  • Epitheliale Heilung: Das ulzerierte Taschenepithel heilt. Entlang der gereinigten Wurzeloberfläche bildet sich ein neues, langes Saumepithel (Long Junctional Epithelium).

  • Reparatur, nicht Regeneration: Es ist essenziell zu verstehen, dass das nicht-chirurgische Debridement zu einer Reparatur führt. Es findet keine Neubildung von verloren gegangenem Knochen, Desmodont oder Wurzelzement statt.

  • Klinische Ergebnisse (bei der Re-Evaluation nach 3 Monaten):

    • Drastische Reduktion der Blutung auf Sondieren (BOP).

    • Reduktion der Sondierungstiefen. Dies geschieht durch zwei Mechanismen:

      1. Gingivale Schrumpfung (Rezession): Die Abschwellung des entzündeten Gewebes.

      2. Klinischer Attachmentgewinn: Die Bildung des langen Saumepithels und die verbesserte Gewebefestigkeit führen dazu, dass die Sonde nicht mehr so tief eindringen kann.

    • Stabilisierung des klinischen Attachmentlevels (CAL).

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Die Grenzen der nicht-chirurgischen Therapie: Die Effektivität des geschlossenen Debridements nimmt mit zunehmender Taschentiefe ab. In Taschen > 6 mm, bei komplexen Wurzelanatomien und insbesondere in Furkationen (Grad II und III) ist eine vollständige Reinigung der Wurzeloberfläche oft nicht mehr vorhersagbar möglich. Diese Stellen sind die typischen Kandidaten für eine nachfolgende chirurgische Therapie (Schritt 3).

Patienteninstruktionen nach dem Debridement: Der Patient muss über mögliche Nachwirkungen aufgeklärt werden:

  • Leichte Wundschmerzen für 1-2 Tage.

  • Temporäre, oft ausgeprägte Hypersensibilität der Zahnhälse auf Kälte, da die Wurzeloberflächen nun frei von isolierendem Zahnstein sind.

  • Die absolute Notwendigkeit einer perfekten Mundhygiene ab dem ersten Tag, um eine Neubesiedlung der sauberen Oberflächen zu verhindern.

Fallbeispiel:

  • Szenario: Ein Patient mit “Generalisierter Parodontitis, Stadium II, Grad B” und generalisierten 5-mm-Taschen hat die Hygienephase erfolgreich absolviert (API < 25%).

  • Vorgehen (AIT): Die Behandlung wird in zwei Sitzungen aufgeteilt (OK, UK). In der ersten Sitzung wird der gesamte Oberkiefer unter Lokalanästhesie behandelt. Der Behandler verwendet den “Blended Approach”:

    1. Mit einem piezoelektrischen Ultraschallgerät mit dünnen Perio-Spitzen werden die groben, harten subgingivalen Konkremente entfernt.

    2. Anschließend wird mit einem kompletten Satz Gracey-Küretten (1/2, 11/12, 13/14) jede einzelne Wurzeloberfläche taktil kontrolliert und fein-instrumentiert, bis sie sich sauber und hart anfühlt.

  • Erwartetes Ergebnis bei der Re-Evaluation (3 Monate später): Die Sondierungstiefen haben sich auf ≤ 4 mm reduziert. Der BOP-Score ist von > 80% auf < 15% gesunken. Die Gingiva ist blassrosa und straff.

  • Klinische Schlussfolgerung: Die AIT war erfolgreich. Der entzündliche Prozess wurde gestoppt. Da keine tiefen Resttaschen verblieben sind, ist ein chirurgisches Vorgehen nicht notwendig. Der Patient kann direkt in die lebenslange Unterstützende Parodontitis-Therapie (UPT, Schritt 4) überführt werden.