Lektion 14: Instrumentenkunde – Handinstrumente (Küretten, Scaler) und maschinelle Systeme (Schall, Ultraschall)
A. Klinische Relevanz
Die Instrumente der Parodontaltherapie sind die hochspezialisierten Werkzeuge zur Durchführung der wichtigsten therapeutischen Maßnahme: dem subgingivalen Debridement. Die Wahl des richtigen Instruments für die jeweilige Aufgabe und Lokalisation sowie die Kenntnis seiner spezifischen Wirkweise sind entscheidend für eine effektive und gleichzeitig atraumatische Behandlung. Ein falscher Instrumenteneinsatz kann zur unvollständigen Belagsentfernung, zu Gewebetraumata oder zur Beschädigung der Wurzeloberfläche führen. Diese Lektion vermittelt das grundlegende Wissen über den “Werkzeugkasten” der Parodontologie und erklärt die synergistische Anwendung von Hand- und maschinellen Instrumenten im modernen Behandlungskonzept.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Handinstrumente Handinstrumente entfernen Beläge durch eine schabende/ziehende Bewegung und erfordern regelmäßiges Schärfen. Sie bieten eine exzellente taktile Rückmeldung.
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Scaler (z.B. Sichel-Scaler):
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Design: Haben ein spitzes Arbeitsende und einen dreieckigen Querschnitt mit zwei Schneidekanten.
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Anwendung: Ausschließlich zur Entfernung von supragingivalem Zahnstein! Die scharfe Spitze ist ideal, um harte, massive Konkremente abzusprengen. Eine subgingivale Anwendung ist kontraindiziert, da sie unweigerlich zu einer Verletzung der Weichgewebe und einem Zerkratzen der Wurzeloberfläche führen würde.
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Küretten: Die Arbeitstiere der subgingivalen Therapie.
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Design: Haben ein abgerundetes Arbeitsende (die “Spitze”) und einen halbmondförmigen Querschnitt. Dieses Design ermöglicht eine atraumatische Instrumentierung in der parodontalen Tasche.
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Universalküretten: Besitzen zwei Schneidekanten, wobei die Schnittebene im 90°-Winkel zum unteren Schaft steht. Sie können an den meisten Zahnflächen eingesetzt werden.
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Gracey-Küretten (flächenspezifische Küretten): Das Standardinstrumentarium für die systematische Bearbeitung der Wurzeloberflächen.
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Besonderheit: Sie besitzen nur eine funktionelle Schneidekante (die untere, längere). Die Schnittebene ist um ca. 70° zum unteren Schaft abgewinkelt, was die Kürette bei korrekter Parallelhaltung des Schaftes “selbst-angulierend” macht.
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Systematik: Ein kompletter Satz besteht aus mehreren Instrumenten mit unterschiedlichen Schaftbiegungen, die jeweils für spezifische Zahnflächen optimiert sind.
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| Gracey-Kürette | Hauptanwendungsgebiet |
| 1/2, 3/4, 5/6 | Frontzähne und Prämolaren |
| 7/8, 9/10 | Prämolaren & Molaren (bukkale/orale Glattflächen) |
| 11/12 | Molaren (mesiale Flächen) |
| 13/14 | Molaren (distale Flächen) |
2. Maschinelle (Power-Driven) Instrumente Entfernen Beläge durch hochfrequente Schwingungen einer Arbeitsspitze.
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Vorteile: Deutlich schneller, weniger ermüdend für den Behandler, Spüleffekt (Lavage) durch die konstante Wasserkühlung.
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Schall-Systeme (Sonic):
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Antrieb: Luftgetrieben über den Turbinenanschluss der Einheit.
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Frequenz: Niedrig (ca. 2.000-6.000 Hz).
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Bewegung: Die Spitze vollzieht eine orbitale oder elliptische Bewegung.
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Ultraschall-Systeme (Ultrasonic):
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Antrieb: Elektrisch.
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Frequenz: Hoch (ca. 25.000-50.000 Hz).
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Man unterscheidet zwei Prinzipien:
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Magnetostriktiv: Ein Stapel von Metalllamellen im Handstück wird durch ein Magnetfeld in Schwingung versetzt. Die Spitze bewegt sich in einem elliptischen Muster. Alle Seiten der Spitze sind aktiv. (Bsp.: Cavitron®)
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Piezoelektrisch: Ein piezoelektrischer Kristall im Handstück wird durch elektrische Spannung verformt. Die Spitze bewegt sich in einem linearen Vor-und-Zurück-Muster. Nur die beiden lateralen Flächen der Spitze sind schneidend aktiv. (Bsp.: EMS Piezon®)
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C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Der kombinierte (“Blended”) Ansatz: Das Beste aus beiden Welten Die moderne Parodontitis-Therapie kombiniert die Stärken beider Instrumentenarten.
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Phase 1 (Grob-Debridement): Zuerst wird mit einem Ultraschall-Instrument der Großteil der harten, massiven Konkremente schnell und effizient entfernt. Die Spülfunktion schwemmt dabei lose Beläge und Bakterien aus der Tasche.
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Phase 2 (Fein-Instrumentierung): Anschließend wird mit Gracey-Küretten nachgearbeitet. Die taktile Rückmeldung der Kürette ermöglicht es dem Behandler, die Wurzeloberfläche auf verbliebene Rauigkeiten zu überprüfen und diese gezielt zu entfernen. Dies ist insbesondere in engen, gekrümmten Bereichen, Furkationen und Wurzeleinziehungen entscheidend, die für die Ultraschallspitze oft schwer zugänglich sind.
Fallbeispiel:
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Szenario: Ein Patient mit generalisierter Parodontitis benötigt eine subgingivale Instrumentierung an einem unteren Molaren mit 7-mm-Taschen und harten, zirkulär anhaftenden subgingivalen Konkrementen.
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Vorgehen (Blended Approach):
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Nach der Lokalanästhesie wird mit einer dünnen (“Perio”-) Ultraschallspitze gearbeitet. Mit leichten, “radierenden” Bewegungen werden die massiven Konkremente von den Wurzeloberflächen abgesprengt und die Tasche wird ausgiebig gespült.
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Nach dieser Grobreinigung kontrolliert der Behandler die Oberflächen mit einer Gracey-Kürette. Er verwendet eine Gracey 11/12 für die mesialen Flächen und eine Gracey 13/14 für die distale Fläche. Er ertastet dabei noch verbliebene kleine, raue Konkrementreste und entfernt diese mit gezielten Zügen.
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Analyse: Die alleinige Anwendung von Handinstrumenten wäre extrem zeitaufwendig und ermüdend gewesen. Die alleinige Anwendung von Ultraschall hätte möglicherweise feine Konkrement-Inseln in anatomisch schwierigen Zonen zurückgelassen.
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Klinische Schlussfolgerung: Die Kombination aus der Effizienz des Ultraschalls und der taktilen Präzision der Handküretten führt zu einem sauberen, effektiven und gleichzeitig zeitlich optimierten Behandlungsergebnis. Dieser “Blended Approach” gilt als heutiger Standard of Care.