Lektion 12: Behandlungsplanung und Patientengespräch – Die anti-infektiöse Therapie (AIT)
A. Klinische Relevanz
Nach der abgeschlossenen Diagnostik ist die Behandlungsplanung der entscheidende strategische Schritt, der den gesamten therapeutischen Weg vorzeichnet. Eine erfolgreiche Parodontitis-Therapie ist kein Einzelereignis, sondern ein systematischer, mehrstufiger Prozess. Das entscheidende Fundament für diesen Prozess wird im initialen Aufklärungs- und Planungsgespräch gelegt. Hier wird die Diagnose in eine verständliche Sprache übersetzt und der Patient von einem passiven Betroffenen zu einem aktiven, motivierten Partner im Therapie-Team gemacht. Die Qualität dieses Gesprächs und die daraus resultierende Compliance des Patienten sind die stärksten Prädiktoren für den Langzeiterfolg der gesamten Behandlung.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Das Konzept: Die systematische Stufentherapie (nach EFP) Die moderne Parodontitis-Therapie folgt einem international standardisierten, stufenweisen Protokoll der Europäischen Föderation für Parodontologie (EFP).
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Schritt 1: Die Hygienephase (Kausale Therapie)
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Ziel: Reduktion der gingivalen Entzündung und Kontrolle der kausalen Faktoren.
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Maßnahmen:
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Intensive Mundhygiene-Instruktion (MHI) und Motivation des Patienten zur perfekten täglichen Biofilm-Kontrolle.
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Professionelle Entfernung aller supragingivalen Beläge und plaque-retentiver Faktoren (z.B. überstehende Füllungsränder).
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Risikofaktor-Management (z.B. Beratung zur Raucherentwöhnung).
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Bedeutung: Dieser Schritt ist das “Trainingslager”. Ein Patient, der Schritt 1 nicht erfolgreich meistert, ist kein Kandidat für die weiteren Schritte.
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Schritt 2: Die Anti-Infektiöse Therapie (AIT) / Nicht-chirurgische Therapie
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Ziel: Beseitigung des subgingivalen Biofilms und Zahnsteins.
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Maßnahme: Das subgingivale Debridement (Scaling and Root Planing, SRP) aller Taschen mit einer Sondierungstiefe von ≥ 4 mm, in der Regel unter Lokalanästhesie.
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Bedeutung: Dies ist die eigentliche “Tiefenreinigung” und der zentrale therapeutische Eingriff.
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Schritt 3: Die Re-Evaluation & korrektive (chirurgische) Phase
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Zeitpunkt: Ca. 3-6 Monate nach Abschluss von Schritt 2.
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Ziel: Beurteilung des Therapieerfolgs durch eine vollständige Neubefundung.
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Maßnahme: An persistierenden, tiefen Taschen (i.d.R. ≥ 6 mm), die auf die nicht-chirurgische Therapie nicht ausreichend angesprochen haben, können nun parodontalchirurgische Eingriffe (z.B. offene Kürettage, regenerative Verfahren) indiziert sein.
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Schritt 4: Die Unterstützende Parodontitis-Therapie (UPT)
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Ziel: Lebenslange Sicherung des erreichten Ergebnisses und Prävention eines Krankheitsrezidivs.
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Maßnahme: Regelmäßige, individualisierte Recall-Sitzungen mit Befund-Monitoring, Re-Motivation und professioneller Reinigung.
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Bedeutung: Die Parodontitis ist eine chronische Krankheit. Ohne Schritt 4 ist ein Langzeiterfolg unmöglich.
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2. Das Aufklärungsgespräch – Die therapeutische Allianz Dieses Gespräch ist der Schlüssel zur Patienten-Compliance.
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Inhalte:
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Diagnose verständlich machen: Visualisierung mit dem Parodontalstatus, Röntgenbildern und patientengerechten Analogien (“Das Fundament Ihrer Zähne wird zerstört”).
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Therapieplan erklären: Die vier Schritte transparent aufzeigen, um dem Patienten eine klare “Roadmap” zu geben.
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Die entscheidende Rolle des Patienten: Klar kommunizieren, dass der professionelle Anteil der Therapie (Schritt 2) nur ein “Reset” ist und 80% des Erfolgs von der täglichen, perfekten Mundhygiene des Patienten abhängen.
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Prognose und Alternativen: Die realistische Prognose (Ziel ist Arretierung, nicht Regeneration des verlorenen Knochens) und die Alternative (progredienter Zahnverlust) aufzeigen.
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Notwendigkeit der UPT: Verdeutlichen, dass es sich um eine chronische Erkrankung handelt, die eine lebenslange Betreuung erfordert.
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C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Der Heil- und Kostenplan (HKP): In Deutschland ist die systematische Parodontitis-Therapie eine Leistung der gesetzlichen Krankenkassen. Nach der Diagnostik wird ein Heil- und Kostenplan erstellt, der bei der Kasse zur Genehmigung eingereicht wird. Erst nach der Genehmigung kann mit Schritt 2 (AIT) begonnen werden.
Fallbeispiel: Das Planungsgespräch
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Szenario: Ein 42-jähriger Patient erhält die Diagnose: Generalisierte Parodontitis, Stadium III, Grad B. Er ist sichtlich besorgt und unsicher.
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Gesprächsführung:
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Visualisierung: Der Behandler zeigt dem Patienten auf dem Monitor seinen Parodontalstatus und markiert die tiefen 6-mm-Taschen. Er zeigt auf dem Röntgenbild den horizontalen Knochenabbau im Vergleich zu einem gesunden Befund.
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Analogie: “Ihr Zahnfleisch ist nicht nur oberflächlich entzündet, die Entzündung hat bereits den Kieferknochen, das Fundament Ihrer Zähne, angegriffen und teilweise zerstört. Unser Ziel ist es, diesen Prozess jetzt zu stoppen, um das verbliebene Fundament zu sichern.”
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Therapie-Roadmap: Der Behandler skizziert die 4 Schritte auf einem Blatt Papier:
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“Schritt 1: In den nächsten Wochen treffen wir uns 2-3 Mal. Unser gemeinsames Ziel ist es, Ihre tägliche Reinigungstechnik zu perfektionieren. Das ist Ihr Part und der wichtigste.”
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“Schritt 2: Wenn das klappt, folgt die eigentliche Tiefenreinigung, bei der wir unter Betäubung die Bakterien aus den tiefen Taschen entfernen.”
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“Schritt 3: Danach geben wir dem Ganzen 3 Monate Zeit zum Heilen und messen alles neu. Die meisten Stellen werden dann wieder gesund sein.”
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“Schritt 4: Und damit das so bleibt, kommen Sie danach regelmäßig, z.B. alle 4-6 Monate, zur professionellen Nachsorge. Ein Leben lang.”
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Team-Appell: “Der langfristige Erfolg hängt von unserer Teamarbeit ab. Mein Team und ich können die Krankheit stoppen, aber nur Sie können sie davon abhalten, zurückzukommen.”
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Ergebnis: Der Patient verlässt das Gespräch mit einem klaren Verständnis seiner Erkrankung, einem positiven Ausblick und dem Gefühl, ein aktiver Partner im Behandlungsprozess zu sein. Die Basis für eine hohe Compliance ist gelegt.