Lektion 2: Der supra- und subgingivale Biofilm – Von der Plaque- zur Wirts-Immun-Hypothese

A. Klinische Relevanz

 

Die Parodontitis ist, genau wie die Karies, eine Biofilm-vermittelte Erkrankung. Das Verständnis der Entstehung, Zusammensetzung und vor allem der Lokalisation des Biofilms ist die Grundlage für jede parodontale Diagnose und Therapie. Diese Lektion erklärt den entscheidenden Unterschied zwischen dem relativ harmlosen supragingivalen und dem hoch-pathogenen subgingivalen Biofilm. Noch wichtiger ist der Paradigmenwechsel in unserem Verständnis der Krankheitsentstehung: Nicht die Bakterien allein zerstören den Zahnhalteapparat, sondern die überschießende und chronische Entzündungsreaktion des Wirts auf diesen Biofilm. Dieses Wissen erklärt, warum manche Patienten stärker erkranken als andere und warum das therapeutische Ziel die Kontrolle der Entzündung durch die Reduktion der bakteriellen Last ist.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Der supragingivale Biofilm

  • Lokalisation: Bildet sich auf der Zahnoberfläche koronal (oberhalb) des Zahnfleischrandes.

  • Ernährung: Ist saccharolytisch, d.h. die Bakterien verstoffwechseln primär Kohlenhydrate aus der Nahrung.

  • Mikrobiologie: Dominiert von grampositiven, fakultativ anaeroben Bakterien (z.B. Streptokokken, Actinomyces).

  • Pathogenität: Primär verantwortlich für die Entstehung der Gingivitis und die Mineralisation zu supragingivalem Zahnstein. Er ist die notwendige Vorstufe für die Bildung des subgingivalen Biofilms.

2. Der subgingivale Biofilm

  • Lokalisation: Bildet sich in der Nische des Sulkus bzw. der parodontalen Tasche, apikal (unterhalb) des Zahnfleischrandes.

  • Besonderes Ökosystem: Die Tasche ist ein einzigartiges Milieu:

    • Anaerob: Sehr geringe Sauerstoffkonzentration.

    • Ernährung: Ist proteolytisch/asaccharolytisch. Die Bakterien ernähren sich nicht von Zucker, sondern von Proteinen und Glykoproteinen aus dem Sulkusfluid (GCF) und von zerfallenden Wirtszellen.

  • Mikrobiologie: Das Milieu selektiert für eine hoch pathogene Flora, die von gramnegativen, obligat anaeroben, beweglichen Stäbchen dominiert wird.

  • Organisation: Der subgingivale Biofilm ist nicht homogen. Man unterscheidet:

    • Zahn-assoziierter Biofilm: Haftet fest an der Wurzeloberfläche.

    • Epithel-assoziierter Biofilm: Haftet locker am Taschenepithel. Dieser Teil gilt als besonders virulent und invasiv.

3. Der Paradigmenwechsel: Von der Plaque- zur Wirts-Immun-Hypothese

  • Alte Sichtweise (“Spezifische Plaque-Hypothese”): Bestimmte Bakterien (z.B. Porphyromonas gingivalis) produzieren Enzyme (Kollagenasen) und Toxine, die direkt das Zahnfleisch und den Knochen zerstören.

  • Moderne Sichtweise (“Host-Immun Response Hypothesis”): Die Zerstörung ist primär ein Kollateralschaden der körpereigenen Abwehr.

    1. Auslöser (Trigger): Der subgingivale Biofilm, insbesondere die Lipopolysaccharide (LPS) aus der Zellwand gramnegativer Bakterien, werden vom Immunsystem als massive Bedrohung erkannt.

    2. Entzündungsreaktion des Wirts: Das Immunsystem reagiert mit einer massiven und chronischen Entzündung. Es werden Unmengen an Entzündungsmediatoren (Zytokine wie Interleukin-1β, TNF-α) und Prostaglandine (PGE₂) freigesetzt. Neutrophile Granulozyten werden rekrutiert und setzen gewebezerstörende Enzyme (Matrix-Metalloproteinasen, MMPs) frei, die das Kollagen des Bindegewebes abbauen.

    3. Aktivierung des Knochenabbaus: Der entscheidende Schritt. Die Entzündungsmediatoren (v.a. PGE₂ und IL-1β) stimulieren die Osteoblasten und Fibroblasten zur Produktion von RANKL (Receptor Activator of NF-κB Ligand). RANKL ist das primäre “Anschalt-Signal” für die Differenzierung und Aktivierung von Osteoklasten – den Zellen, die den Alveolarknochen resorbieren.

  • Fazit: Die Bakterien liefern die “Munition” (LPS), aber der “Schuss”, der den Knochen zerstört, wird vom eigenen Immunsystem abgefeuert. Die individuelle genetische Veranlagung zur Stärke dieser Entzündungsreaktion (hyper-inflammatory response) entscheidet über die Schwere der Erkrankung.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Grundlage der Parodontitis-Therapie: Das therapeutische Ziel ist nicht die “Sterilisation” der Tasche (was unmöglich ist), sondern die mechanische Zerstörung (Debridement) des subgingivalen Biofilms. Durch die massive Reduktion der bakteriellen Last wird der Trigger für die überschießende Immunantwort entfernt. Die Entzündung geht zurück, die Produktion von RANKL stoppt, und der Knochenabbau wird zum Stillstand gebracht.

Patientenaufklärung: Dieses Konzept erklärt, warum Parodontitis eine chronische Entzündungskrankheit ist, ähnlich der rheumatoiden Arthritis, und keine simple “Infektion”. Es erklärt auch, warum Risikofaktoren wie Rauchen oder ein schlecht eingestellter Diabetes (die die Immunantwort modulieren) einen so dramatischen Einfluss auf die Krankheitsprogression haben.

Fallbeispiel:

  • Szenario: Ein 50-jähriger Patient mit guter Mundhygiene und wenig sichtbarer Plaque stellt sich vor. Er versteht nicht, warum sein Zahnarzt ihm eine umfassende Parodontitis-Therapie empfiehlt.

  • Analyse:

    • Supragingival: Der sichtbare Biofilm ist minimal und unter Kontrolle.

    • Subgingival: Die klinische Untersuchung zeigt tiefe Taschen (6 mm) und starkes Bluten auf Sondieren. Dies beweist die Existenz eines reifen, pathogenen, subgingivalen Biofilms, der für den Patienten unsichtbar ist.

    • Wirtsantwort: Das starke Bluten ist das klinische Zeichen der heftigen, zerstörerischen Entzündungsreaktion seines Körpers auf diesen subgingivalen Biofilm.

  • Klinische Schlussfolgerung & Aufklärung: Dem Patienten wird erklärt, dass nicht die sichtbare Plaque das Problem ist, sondern der unsichtbare Biofilm tief unter dem Zahnfleisch. Es wird ihm erklärt, dass sein Immunsystem auf diesen Biofilm überreagiert und dabei den eigenen Kieferknochen abbaut. Die Therapie zielt darauf ab, diesen unsichtbaren Biofilm professionell zu entfernen, damit die Entzündung stoppen und der Knochen erhalten werden kann.