Lektion 7: Implantatologie II: Augmentative Verfahren (Guided Bone Regeneration – GBR) und Knochenaufbau

A. Klinische Relevanz
Ein ausreichendes Volumen an qualitativ hochwertigem Knochen ist die Grundvoraussetzung für eine stabile und ästhetische Implantatversorgung. Durch Extraktionen, Parodontitis oder Trauma kommt es jedoch häufig zu Knochenabbau. Augmentative Verfahren, allen voran die Guided Bone Regeneration (GBR), ermöglichen es, diesen verlorenen Knochen gezielt wieder aufzubauen und so überhaupt erst Implantat-Indikationen zu schaffen. Die Beherrschung dieser Techniken ist für die moderne Implantologie unverzichtbar.

B. Detailliertes Fachwissen
1. Das Prinzip der Guided Bone Regeneration (GBR)

  • Prinzip: Gezielte Neubildung von Knochen in einem definierten Defekt durch die Anwendung einer Barrieremembran. Die Membran verhindert das Einwachsen von schnell proliferierendem Bindegewebe aus der Schleimhaut in den Knochendefekt und schafft so einen geschützten Raum, in dem langsamere Knochenzellen (Osteoblasten) Zeit haben, den Defekt zu durchwandern und neues Knochengewebe zu bilden.

  • “PASS”-Prinzip als Grundlage für den Erfolg:

    • Primary Wound Closure (Spannungsfreier Wundverschluss)

    • Angiogenesis (Ausreichende Blutversorgung des Lappens und des Defekts)

    • Space Maintenance (Erhalt des Raums für den Knochenaufbau)

    • Stability des Wundgebiets (Keine Mikrobewegungen)

2. Augmentationsmaterialien (Bone Grafts)

Man unterscheidet zwischen verschiedenen Materialklassen, die oft kombiniert werden.

 
 
Materialtyp Beschreibung & Herkunft Eigenschaften & Klinische Anwendung
Autograft Eigener Knochen des Patienten (z.B. aus dem aufsteigenden Ast, Kinnbereich). Goldstandard. Enthält lebende Zellen und Wachstumsfaktoren (osteogen). Sehr hohes Regenerationspotenzial, aber begrenzte Menge und zweite Entnahmestelle nötig.
Allograft Fremder, humaner Knochen aus einer Knochenbank (z.B. FDBA – freeze-dried bone allograft). Wird entzelligt und sterilisiert. Wirkt osteoleitend (als Gerüst). Gute Raumerhaltung, keine zweite OP-Stelle.
Xenograft Tierischer Knochen (meist vom Rind, z.B. Bio-Oss®). Wird chemisch aufbereitet, um alle organischen Bestandteile zu entfernen. Rein osteokonduktiv (bildet ein Gerüst). Sehr gute Raumerhaltung, langsame Resorption.
Alloplast Synthetisches Material (z.B. β-Trikalziumphosphat, Hydroxylapatit). Osteokonduktiv. Vollständig resorbierbar (Resorptionsgeschwindigkeit variiert).

3. Barrieremembranen

  • Resorbierbare Membranen (z.B. aus Kollagen): Werden vom Körper abgebaut. Keine zweite Operation zur Entfernung nötig. Häufigste Wahl in der täglichen Praxis.

  • Nicht-resorbierbare Membranen (z.B. e-PTFE = Gore-Tex®): Mussten früher in einer zweiten Operation entfernt werden. Werden heute kaum noch verwendet.

4. Häufige Augmentations-Szenarien

  • Horizontale Augmentation: Bei zu schmalem Kieferkamm.

  • Vertikale Augmentation: Bei zu niedrigem Kieferkamm.

  • Socket Preservation (Alveolenerhalt): Sofortige Augmentation einer frischen Extraktionsalveole, um den Knochenabbau nach Zahnextraktion zu minimieren.

  • Sinuslift: Spezielle Form der vertikalen Augmentation im Oberkiefer.

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

Fallbeispiel 1: Socket Preservation nach Extraktion

  • Szenario: Ein intakter Zahn muss aufgrund einer Wurzelfraktur extrahiert werden. Anschließend ist eine Implantatversorgung geplant.

  • Analyse: Nach der Extraktion kommt es physiologisch zu einem Schrumpfen des bukkalen Knochenlamells und damit zu einem Volumenverlust. Dies würde die spätere ästhetische Implantation erschweren.

  • Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Es wird eine Socket Preservation durchgeführt. Direkt nach der Extraktion wird die Alveole mit einem Knochenersatzmaterial (z.B. einem Xenograft) gefüllt und mit einer resorbierbaren Kollagenmembran abgedeckt. Anschließend wird die Wunde spannungsfrei vernäht. Dies erhält das Knochenvolumen für die Implantation in 3-4 Monaten.

Fallbeispiel 2: Horizontale Augmentation mit GBR

  • Szenario: Ein Patient wünscht ein Implantat im Unterkiefer-Seitenzahnbereich. Die DVT-Vermessung ergibt eine Knochenbreite von nur 3 mm. Für ein Standardimplantat sind mindestens 6 mm nötig.

  • Analyse: Es liegt ein horizontaler Knochenmangel vor.

  • Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl:

    1. Zugang: Präparation eines mukoperiostalen Lappens.

    2. Präparation: Der Knochen wird angebohrt (“dekorstiert”), um die Blutung und den Einwuchs von Stammzellen zu fördern.

    3. Augmentation: Auf den defizienten Bereich wird ein Gemisch aus autologem Knochen (vom Kinn entnommen) und einem Xenograft aufgebracht. Der autologe Knernen liefert osteogene Potenz, das Xenograft dient als stabilisierendes Gerüst.

    4. Abdeckung: Das Transplantat wird mit einer resorbierbaren Kollagenmembran abgedeckt, um das Einwachsen von Weichteilen zu verhindern.

    5. Verschluss: Spannungsfreier Wundverschluss.
      Nach einer Einheilzeit von 6-9 Monaten kann das Implantat inseriert werden.

Fallbeispiel 3: Das Versagen einer GBR-Maßnahme

  • Szenario: Eine horizontale Augmentation wurde durchgeführt. Bei der Freilegung nach 6 Monaten findet sich statt Knochen nur weiches, narbiges Bindegewebe.

  • Analyse: Das “PASS”-Prinzip wurde verletzt. Mögliche Ursachen:

    • Primary Wound Closure fehlgeschlagen: Die Naht ist unter Spannung aufgegangen, die Membran lag frei und wurde infiziert.

    • Stability nicht gegeben: Der Patient hat in der ersten Zeit postoperativ eine zu harte Kost gegessen, was zu Mikrobewegungen führte.

    • Space Maintenance nicht gewährleistet: Die Membran wurde nicht stabil verlegt und ist in den Defekt kollabiert.

  • Klinische Konsequenz: Der Knochenaufbau ist gescheitert. Die Maßnahme muss nach Abheilung wiederholt werden, wobei die Fehlerquelle identifiziert und behoben werden muss.