Lektion 6: Implantatologie I: Grundlagen, Diagnostik und chirurgische Prinzipien der enossalen Implantation
A. Klinische Relevanz
Die enossale (im Knochen verankerte) Implantologie hat die Zahnmedizin revolutioniert. Sie bietet eine dritte Bezahnungsalternative jenseits von festsitzendem Zahnersatz und herausnehmbaren Prothesen. Für den Zahnarzt ist es unerlässlich, die grundlegenden Prinzipien, die diagnostischen Anforderungen und die chirurgischen Schritte der Implantation zu verstehen, um Patienten kompetent beraten und bei Komplikationen richtig reagieren zu können.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Grundprinzip der enossalen Implantation
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Prinzip: Ein alloplastischer Fremdkörper (meist aus Reintitan) wird in den Kieferknochen inseriert, wo er durch direkten Knochenkontakt einheilt (Osseointegration). Dieses Implantat dient anschließend als künstliche Zahnwurzel für eine Krone, Brücke oder Prothesenverankerung.
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Osseointegration: Definiert als ein direkter struktureller und funktioneller Zusammenhang zwischen geordnetem, lebendem Knochen und der Oberfläche eines Implantats unter Belastung. Dies ist die Voraussetzung für langfristigen Erfolg.
2. Diagnostik und Planung – Die Säulen des Erfolgs
Eine sorgfältige Planung ist entscheidend und umfasst mehr als nur die Lücke.
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Klinische Untersuchung:
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Mundhygiene und parodontale Gesundheit: Ein entzündetes Milieu gefährdet die Osseointegration.
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Okklusion und Bissverhältnisse: Die spätere Belastung muss geplant werden.
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Weichteilverhältnisse: Vorhandensein von ausreichend verhornter Gingiva?
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Radiologische Diagnostik:
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OPG (Übersichtsaufnahme): Für eine erste Orientierung, Beurteilung der Gesamtsituation und der Nachbarstrukturen (Nerv, Kieferhöhle).
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DVT (CBCT) – Goldstandard: Erlaubt eine 3D-Beurteilung der Knochenquantität (Höhe, Breite) und -qualität. Ermöglicht die präzise Vermessung und virtuelle Implantatplanung.
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3. Chirurgische Prinzipien und Ablauf der Implantation
Der Eingriff folgt strengen Protokollen, um die Osseointegration nicht zu gefährden.
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Lappenbildung: Präparation eines mukoperiostalen Lappens oder ein minimal-invasiver “Punch”-Zugang.
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Bohrprotokoll: Unter steter Kühlung mit physiologischer Kochsalzlösung wird das Implantatbett in mehreren, aufsteigend dickeren Stufen präpariert. Dies verhindert eine thermische Nekrose des Knochens.
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Implantatinsertion: Das Implantat wird mit einem vordefinierten Drehmoment (Insertionsdrehmoment) in das vorbereitete Bett eingedreht. Ein hohes Drehmoment deutet auf gute Primärstabilität hin.
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Einheilphase: Je nach Knochenqualität und Stabilität erfolgt eine ungestörte Einheilphase von 2-4 Monaten im Unterkiefer und 3-6 Monaten im Oberkiefer, in der das Implantat nicht belastet wird.
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Zweiteingriff (Freilegung): Nach der Einheilphase wird das Implantat freigelegt und eine Gingivaformer aufgesetzt, um das Weichteilbett für die spätere Versorgung zu formen.
4. Wichtige anatomische Grenzen und Risiken
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Unterkiefer: Nervus alveolaris inferior und Mentallochter. Das Implantat muss einen Sicherheitsabstand von mindestens 2 mm zur Nervenbahn einhalten.
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Oberkiefer: Sinus maxillaris. Bei zu geringer Knochenhöhe muss ein Sinuslift durchgeführt werden.
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Nachbarzähne: Ein Abstand von mindestens 1,5 mm zur Nachbarzahnwurzel muss eingehalten werden.
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Fallbeispiel 1: Implantat zur Einzelzahnlücke im Frontzahnbereich
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Szenario: Ein junger Patient hat nach einem Unfall eine Lücke im Frontzahnbereich (Zahn 11 verloren). Ästhetik ist von hoher Bedeutung.
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Analyse: Ideale Indikation für ein Einzelzahnimplantat. Die 3D-DVT-Planung zeigt ausreichend Knochen in korrekter Position.
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Klinische Konsezquenz & Therapie der Wahl:
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Planung: Im DVT wird die ideale 3D-Position des Implantats festgelegt: Ausrichtung nach der geplanten Krone, ausreichend Abstand zu den Nachbarzähnen, korrekte apikokoronale Lage.
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Chirurgie: Geschlossene Hebung des Lappens. Das Bohrprotokoll wird unter Kühlung exakt durchgeführt. Das Implantat wird mit einem hohen Insertionsdrehmoment inseriert, was auf eine gute Primärstabilität hindeutet.
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Versorgung: Nach 3-monatiger Einheilphase wird das Implantat freigelegt. Nach Abformung wird eine ästhetische Zirkonkrone auf einer individuellen Abutment angefertigt.
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Fallbeispiel 2: Die ungenügende Knochenhöhe im Oberkiefer
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Szenario: Ein Patient möchte im zahnlosen Oberkiefer im Seitenzahnbereich Implantate zur Prothesenverankerung. Das OPG zeigt eine stark pneumatisierte Kieferhöhle mit nur 3 mm Restknochenhöhe.
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Analyse: Für ein Implantat sind mindestens 8-10 mm Knochenhöhe wünschenswert. Die geplante Implantatposition ist ohne Knochenaufbau nicht möglich.
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Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Es wird ein Sinuslift (Augmentation der Kieferhöhle) mit gleichzeitiger oder verzögerter Implantation geplant. In diesem Fall mit nur 3 mm Knochen wird ein zweizeitiges Vorgehen gewählt: Zuerst wird der Sinuslift durchgeführt, nach 6-9 Monaten Einheilzeit des Knochenmaterials erfolgt dann die Implantation.
Fallbeispiel 3: Fehlgeschlagenes Implantat aufgrund falscher Planung
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Szenario: Ein Implantat im Unterkiefer zur Überbrückung einer Lücke wird frühzeitig mobil. Im Röntgenbild ist erkennbar, dass die Implantatspitze den Canalis mandibulae penetriert.
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Analyse: Es liegt eine iatrogene Läsion des N. alveolaris inferior vor. Die Ursache war eine unzureichende präoperative Diagnostik (nur OPG, kein DVT) und die Missachtung des Sicherheitsabstands.
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Klinische Konsequenz: Das Implantat muss entfernt werden. Der Patient leidet unter einer anhaltenden Parästhesie der Unterlippe. Die Behandlung erfordert die sofortige Überweisung zu einem Mikrochirurgen zur Evaluation einer möglichen Nervrevision. Dieser Fall unterstreicht die absolute Notwendigkeit der 3D-Diagnostik bei grenzwertigen Situationen.