Lektion 1: Einführung in die MKG-Chirurgie: Aufgabenfeld, Schnittstelle zur Zahnmedizin und Überblick über die chirurgische Basisversorgung

A. Klinische Relevanz
Die Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie (MKG) ist ein zentraler Partner der Zahnmedizin. Jeder Zahnarzt muss das Aufgabenspektrum des MKG-Chirurgen kennen, um Patienten im richtigen Moment und mit der richtigen Fragestellung zu überweisen. Vom komplizierten Zahnarzttermin bis zur Versorgung schwerster Verletzungen und Tumoren spannt sich der Bogen. Das Verständnis dieser Schnittstelle ist essenziell für eine optimale, interdisziplinäre Patientenversorgung.

B. Detailliertes Fachwissen
1. Das Aufgabenfeld der MKG-Chirurgie – Mehr als nur “Zähne ziehen”

Das Fachgebiet umfasst die Prävention, Diagnostik, konservative und chirurgische Therapie sowie Nachsorge von Erkrankungen, Verletzungen, Fehlbildungen und Formveränderungen im gesamten zahnärztlichen Fachgebiet und im Bereich des Mundes, der Kiefer, des Gesichts und der Halsweichteile.

2. Die drei Säulen der MKG-Chirurgie

 
 
Säule Beschreibung & Beispiele
Zahnärztliche Chirurgie (Oralchirurgie) Umfasst alle chirurgischen Eingriffe im Zusammenhang mit den Zähnen und dem zahntragenden Knochen.
• Komplizierte Extraktionen (retinierte Zähne, Wurzelreste)
• Wisheitszahnentfernung
• Wurzelspitzenresektion (WSR)
• Implantologie
• Behandlung von Entzündungen (Abszesse, Osteomyelitis)
Kraniofaziale Chirurgie Befasst sich mit angeborenen und erworbenen Defekten und Deformitäten des Gesichtsschädels.
• Dysgnathiechirurgie (Korrektur von Kieferfehlstellungen)
• Lippen-Kiefer-Gaumenspalten Versorgung
• Traumatologie (Versorgung von Gesichtsverletzungen und Frakturen)
• Ästhetische Gesichtschirurgie
Tumorchirurgie und Rekonstruktion Diagnose und chirurgische Therapie von gut- und bösartigen Tumoren in der Mundhöhle und im Gesichtsbereich.
• Resektion von Plattenepithelkarzinomen
• Neck-Dissection (Lymphknotenausräumung)
• Mikrochirurgische Rekonstruktion mit freien Gewebetransplantaten

3. Die Schnittstelle Zahnarzt – MKG-Chirurg: Wann überweise ich wen?

Der Zahnarzt ist oft der erste Ansprechpartner und damit das “Frühwarnsystem”. Eine enge Zusammenarbeit ist in folgenden Situationen kritisch:

  • Chirurgische Überweisung: Bei allen Eingriffen, die die eigene Expertise oder Ausstattung überschreiten (z.B. tief displastische Weisheitszähne, große Zysten, verdächtige Läsionen).

  • Traumatologische Überweisung: Bei allen Verletzungen, die über einen lockeren Zahn oder eine kleine Lippenplatzwunde hinausgehen (z.B. jede vermutete Kieferfraktur).

  • Onkologische Überweisung: Bei jeder unklaren, nicht abheilenden Läsion der Mundschleimhaut, die länger als 2-3 Wochen besteht (“Das CAVE-Zeichen”).

4. Chirurgische Basisversorgung in der Zahnarztpraxis

Jeder Zahnarzt sollte in der Lage sein, grundlegende chirurgische Maßnahmen durchzuführen. Dazu gehören:

  • Einfache und kleine chirurgische Extraktionen.

  • Versorgung von alveolären Abszessen (Inzision und Drainage).

  • Naht von kleinen Weichteilverletzungen.

  • Durchführung einer notfallmäßigen Trepanation bei akuter Pulpitis.

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

Fallbeispiel 1: Der verdächtige Ulkus

  • Szenario: Ein 65-jähriger Patient, starker Raucher, stellt sich mit einer schmerzlosen, derben Erhebung am Zungenrand vor, die seit 4 Wochen unverändert besteht.

  • Analyse: Die Kombination aus Risikopatient, Lokalisation (Prädilektionsstelle) und Persistenz der Läsion ist hochgradig verdächtig auf ein Plattenepithelkarzinom.

  • Klinische Konsequenz & Überweisungsmanagement: Der Zahnarzt darf keine Probebiopsie entnehmen, da dies den Tumor verletzen und die spätere chirurgische Resektion erschweren könnte. Die korrekte Handlung ist die sofortige Überweisung zum MKG-Chirurgen mit einem präzisen Überweisungsschein, der die Anamnese (Risikofaktoren!) und den klinischen Befund dokumentiert. Der MKG-Chirurg wird dann in seiner Klinik die weitere Diagnostik (Probeexzision, Bildgebung) veranlassen.

Fallbeispiel 2: Der komplizierte Weisheitszahn

  • Szenario: Ein 20-jähriger Patient hat tief retinierte untere Weisheitszähne, die auf dem OPG eine enge Lagebeziehung zum Nervus alveolaris inferior zeigen.

  • Analyse: Das Risiko einer iatrogenen Nervschädigung bei der Entfernung ist erhöht. Dies überschreitet die Grenze der normalen zahnärztlichen Chirurgie.

  • Klinische Konsequenz: Der Zahnarzt überweist den Patienten zur operativen Weisheitszahnentfernung in die MKG-Chirurgie. Dort kann der Eingriff ggf. unter stationären Bedingungen und mit der Möglichkeit der mikrochirurgischen Nervfreilegung durchgeführt werden.

Fallbeispiel 3: Die Kieferfraktur nach Sturz

  • Szenario: Ein Patient stellt sich nach einem Fahrradsturz vor. Er klagt über Schmerzen im Kinnbereich, eine Stufe im Unterkiefer ist tastbar und die Okklusion ist deutlich verändert.

  • Analyse: Klinischer Verdacht auf eine Unterkieferfraktur.

  • Klinische Konsequenz: Der Zahnarzt sichert die Erstversorgung, stellt die Diagnose (klinisch und ggf. mit OPG) und überweist den Patienten sofort in die Notaufnahme einer Klinik mit MKG-chirurgischer Abteilung. Er informiert den Patienten, dass dies ein Notfall ist, der innerhalb weniger Stunden versorgt werden muss.