Lektion 10: Grundlagen und Terminologie – Antiseptik, Desinfektion und Sterilisation
A. Klinische Relevanz
Die Begriffe Reinigung, Desinfektion und Sterilisation werden umgangssprachlich oft synonym verwendet, beschreiben in der medizinischen Hygiene jedoch fundamental unterschiedliche Verfahren mit klar definierten Zielen. Die korrekte Anwendung dieser Verfahren ist die Grundlage zur Verhinderung von Infektionsübertragungen in der Zahnarztpraxis. Das Verständnis dieser “Eskalationsleiter” der Keimreduktion ist entscheidend, um zu wissen, warum eine Arbeitsfläche desinfiziert, eine Wunde antiseptisch behandelt und ein chirurgisches Instrument sterilisiert werden muss. Fehler in dieser Zuordnung sind eine der Hauptursachen für Hygienemängel.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Die Stufen der Keimreduktion (Hierarchie)
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Reinigung: Die mechanische Entfernung von sichtbarem Schmutz, Staub und organischem Material (z.B. Blut, Speichel).
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Ziel: Reduktion der Keimzahl und Entfernung des “Nährbodens” für Mikroorganismen.
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Grundsatz: Keine Desinfektion ohne vorherige Reinigung! Ein Desinfektionsmittel kann nur auf einer sauberen Oberfläche wirksam werden.
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Antiseptik: Eine Maßnahme am lebenden Gewebe (Haut, Schleimhaut, Wunden).
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Ziel: Die Abtötung oder Inaktivierung von Mikroorganismen auf dem Gewebe, um eine Infektion zu verhindern (“Keimarmut”).
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Beispiele: Händedesinfektion, Mundspülung mit CHX vor einer OP, Wundantiseptik.
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Desinfektion: Eine Maßnahme an unbelebten Oberflächen oder Instrumenten.
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Ziel: Abtötung oder irreversible Inaktivierung von pathogenen Mikroorganismen, sodass von dem Gegenstand keine Infektionsgefahr mehr ausgeht. Eine Desinfektion reduziert die Keimzahl um einen definierten Faktor, führt aber nicht zur vollständigen Keimfreiheit (insbesondere Bakteriensporen überleben oft).
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Sterilisation: Ein validiertes Verfahren zur Abtötung bzw. Inaktivierung aller lebenden Mikroorganismen, einschließlich ihrer extrem widerstandsfähigen Dauerformen (Bakteriensporen).
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Ziel: Der Zustand der Sterilität (“Keimfreiheit”). Die Wahrscheinlichkeit, einen vermehrungsfähigen Keim auf dem Produkt zu finden, ist kleiner als eins zu einer Million (SAL 10⁻⁶).
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2. Desinfektion im Detail
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Wirkungsspektren (nach RKI):
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Bakterizid: Wirkt gegen Bakterien.
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Fungizid: Wirkt gegen Pilze.
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Begrenzt viruzid: Wirkt gegen behüllte Viren (z.B. HBV, HCV, HIV, Coronaviren). Dies ist der Mindeststandard für die Routine-Flächendesinfektion.
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Viruzid: Wirkt gegen behüllte und unbehüllte Viren (z.B. Noroviren, HPV).
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Einwirkzeit: Die vom Hersteller angegebene Kontaktzeit muss zwingend eingehalten werden, um die volle Wirkung zu erzielen.
3. Sterilisation im Detail: Der Autoklav Das Standardverfahren in der Zahnarztpraxis ist die Dampfsterilisation.
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Prinzip: Abtötung der Mikroorganismen durch feuchte Hitze in Form von gespanntem, gesättigtem Wasserdampf unter Überdruck.
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Standardparameter (Klasse-B-Autoklav):
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134 °C bei ca. 2 bar Überdruck für eine Haltezeit von mindestens 5 Minuten.
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Fraktioniertes Vorvakuum: Moderne Klasse-B-Autoklaven erzeugen vor der eigentlichen Sterilisation mehrfach ein Vakuum in der Kammer. Dies entfernt die Luft auch aus dem Inneren von Hohlkörper-Instrumenten (z.B. Hand- und Winkelstücke) und stellt sicher, dass der heiße Wasserdampf alle Oberflächen erreicht.
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Die Spaulding-Klassifikation: Welches Instrument braucht welches Verfahren? Diese Risikobewertung diktiert die notwendige Aufbereitungsart.
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Unkritische Medizinprodukte: Nur Kontakt mit intakter Haut. (Bsp.: Blutdruckmanschette, Behandlungsstuhl). Erfordern: Reinigung & Desinfektion.
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Semikritische Medizinprodukte: Kontakt mit Schleimhaut oder krankhaft veränderter Haut. (Bsp.: Mundspiegel, Abformlöffel). Erfordern: Desinfektion oder Sterilisation. (In Deutschland wird für semikritische Produkte, die maschinell aufbereitet werden können, die Sterilisation dringend empfohlen).
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Kritische Medizinprodukte: Durchdringen Haut oder Schleimhaut oder kommen mit Blut in Kontakt. (Bsp.: Chirurgische Instrumente, Extraktionszangen, Paro-Küretten, Endo-Feilen). Erfordern: ZWINGEND STERILISATION!
Fallbeispiel:
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Szenario: Nach einer Zahnextraktion werden die benutzten Instrumente – eine Zange, ein Hebel und ein Mundspiegel – in den Aufbereitungsraum gebracht.
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Analyse (Spaulding-Klassifikation):
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Zange und Hebel: Haben die Schleimhaut durchdrungen und hatten Kontakt zu Blut und Knochen. Sie sind “Kritisch”.
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Mundspiegel: Hatte Kontakt mit Schleimhaut. Er ist “Semikritisch”.
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Fehlerhaftes Vorgehen: Eine Assistenz wischt die Zange nur mit einem Desinfektionstuch ab und legt sie für den nächsten Patienten bereit.
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Korrektes Vorgehen:
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Reinigung/Desinfektion: Alle Instrumente werden in einem Siebkorb in ein Reinigungs- und Desinfektionsgerät (RDG) gegeben, wo sie maschinell gereinigt und thermisch desinfiziert werden.
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Verpackung: Nach der Trocknung werden alle Instrumente in Sterilisations-Folienbeutel eingeschweißt.
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Sterilisation: Die verpackten Instrumente werden in einem Klasse-B-Autoklaven bei 134°C sterilisiert.
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Ergebnis: Die korrekte Klassifizierung der Instrumente führt zur Anwendung des richtigen Verfahrens. Für die kritischen Instrumente ist die Sterilisation alternativlos. Ein alleiniges Desinfizieren wäre ein grober Hygienefehler und würde den nächsten Patienten einer inakzeptablen Infektionsgefahr aussetzen.