Lektion 7: Titan und Titanlegierungen – Das Material der Implantologie
A. Klinische Relevanz
Titan ist der Werkstoff, der die moderne dentale Implantologie erst ermöglicht hat. Seine einzigartige biologische Eigenschaft, eine direkte und dauerhafte Verbindung mit lebendem Knochen einzugehen – die Osseointegration – unterscheidet es von allen anderen Metallen. Das Verständnis, warum Titan so außergewöhnlich biokompatibel ist und welche unterschiedlichen Titan-Sorten für welche Indikation verwendet werden, ist fundamentales Wissen für jeden Zahnarzt, der implantologische Versorgungen plant, durchführt oder betreut.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Die entscheidende Eigenschaft: Die spontane Passivierung Das “Geheimnis” der Biokompatibilität von Titan liegt in seiner Oberflächenchemie.
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Mechanismus: Sobald reines Titan mit Luft oder einer Flüssigkeit in Kontakt kommt, reagiert es innerhalb von Nanosekunden und bildet eine extrem dünne (2-10 nm), sehr dichte, stabile und chemisch inerte Schicht aus Titandioxid (TiO₂).
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Biologische Konsequenz: Der Körper “sieht” nicht das Metall Titan, sondern nur diese keramikähnliche, bioinerte Titandioxid-Schicht. Diese Schicht wird nicht als Fremdkörper erkannt, gibt keine Metallionen an die Umgebung ab (ist korrosionsfest) und ermöglicht es Knochenzellen (Osteoblasten), direkt auf ihr anzuwachsen. Dies ist die Grundvoraussetzung für die Osseointegration.
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Selbstheilung: Wird diese Passivschicht zerkratzt, bildet sie sich sofort neu.
2. Klassifikation von dentalem Titan Die mechanischen Eigenschaften werden durch den Reinheitsgrad oder durch Legierungszusätze gesteuert.
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Reintitan (CP – Commercially Pure): Wird in vier Grade eingeteilt, die sich durch geringfügig unterschiedliche Anteile an Sauerstoff und Eisen unterscheiden.
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Titan Grad 4: Bietet den besten Kompromiss aus hoher Festigkeit und guter Verformbarkeit. Es ist das Standardmaterial für die Herstellung der meisten dentalen Implantate.
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Titanlegierungen:
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Titan Grad 5 (Ti-6Al-4V): Die häufigste Legierung, die aus ca. 90% Titan, 6% Aluminium und 4% Vanadium besteht.
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Eigenschaften: Ist signifikant fester und bruchstabiler als Reintitan.
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Anwendung: Für Komponenten, die extrem hohen Belastungen ausgesetzt sind, wie z.B. Implantate mit reduziertem Durchmesser, hochbelastete Abutments oder Stegkonstruktionen.
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3. Oberflächenmodifikationen zur Optimierung der Osseointegration Die Implantatoberfläche wird gezielt modifiziert, um die Einheilung zu beschleunigen und zu verbessern.
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Ziel: Schaffung einer mikrorauen Topographie zur Vergrößerung der Oberfläche und zur besseren Verankerung der Knochenzellen.
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Standardverfahren (z.B. SLA®-Oberfläche):
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Sandstrahlen: Die Oberfläche wird mit grobkörnigen Partikeln gestrahlt, um eine Makro-Rauigkeit zu erzeugen.
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Säureätzung: Anschließend wird sie mit starken Säuren geätzt, um in dieser Makro-Rauigkeit eine zusätzliche Mikro-Rauigkeit (kleine Krater) zu schaffen.
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Moderne hydrophile Oberflächen: Neuere Verfahren verändern die Oberfläche zusätzlich chemisch, sodass sie hydrophil (“wasserliebend”) wird. Dies führt dazu, dass Blut die Oberfläche nach der Insertion sofort benetzt, was eine schnellere und innigere Knochenanlagerung fördern soll.
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Die Frage der “Titan-Allergie”: Eine echte, nachgewiesene Typ-IV-Allergie auf reines Titan ist eine extreme Rarität und wissenschaftlich kaum dokumentiert. Die meisten als “Titanunverträglichkeit” bezeichneten Phänomene sind in der Regel auf andere Ursachen zurückzuführen, wie z.B. eine bakterielle Peri-implantitis oder eine allergische Reaktion auf Verunreinigungen in minderwertigen Legierungen, nicht aber auf das Titan selbst. Für Patienten mit einer nachgewiesenen Allergie oder dem expliziten Wunsch nach einer metallfreien Versorgung stehen Zirkonoxid-Implantate als Alternative zur Verfügung.
Fallbeispiel: Die Standard-Implantation
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Szenario: Ein Patient soll zum Ersatz eines fehlenden unteren Molaren (Zahn 46) ein Implantat erhalten. Das Knochenangebot ist gut.
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Analyse: Die Molarenregion ist die Zone der höchsten Kaubelastung. Das Implantat muss also robust sein. Besondere ästhetische Anforderungen an das Material selbst gibt es nicht.
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Klinische Konsequenz & Materialwahl:
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Implantat: Der Chirurg wählt ein Implantat mit Standard-Durchmesser (z.B. 4,8 mm) aus Titan Grad 4. Dies bietet die notwendige Stabilität für die Belastung im Molarenbereich.
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Oberfläche: Das Implantat hat eine moderne, hydrophile, sandgestrahlte und säuregeätzte Oberfläche, um eine schnelle und sichere Osseointegration zu gewährleisten.
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Rationale: Diese Materialwahl basiert auf jahrzehntelanger klinischer und wissenschaftlicher Evidenz. Sie bietet die höchste Vorhersagbarkeit für einen langfristigen Erfolg. Eine festere Legierung (Grad 5) ist bei diesem ausreichenden Durchmesser nicht nötig. Ein Zirkonoxid-Implantat würde in dieser Standardsituation keinen klinischen Vorteil bieten.
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Ergebnis: Dank der einzigartigen Biokompatibilität des Titans und der optimierten Oberfläche ist das Implantat nach einer Einheilzeit von ca. 2-3 Monaten fest osseointegriert und kann prothetisch versorgt werden.