Lektion 26: Provisorische Versorgung von Kavitäten
A. Klinische Relevanz
Die provisorische Versorgung ist ein unverzichtbarer und kritischer Zwischenschritt bei allen indirekten Restaurationen (Inlays, Onlays, Kronen, Brücken). Ein Provisorium ist weit mehr als nur ein temporärer Platzhalter; es ist ein multifunktionales medizinisches und diagnostisches Instrument. Eine suffiziente provisorische Versorgung schützt die Pulpa, sichert die Zahnposition, erhält die Kaufunktion und Ästhetik und ermöglicht die Ausheilung der Gingiva. Darüber hinaus dient es als “Testlauf” für die geplante definitive Versorgung. Die Qualität des Provisoriums hat einen direkten Einfluss auf den Komfort des Patienten während der Behandlungsphase und auf die Passgenauigkeit und den Erfolg der finalen Restauration.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Anforderungen an eine ideale provisorische Versorgung Ein Provisorium muss während seiner Tragedauer eine Vielzahl von Anforderungen erfüllen:
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Pulpa-Schutz: Abdichtung der Dentintubuli zum Schutz vor thermischen, chemischen und bakteriellen Reizen.
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Positionsstabilität: Erhaltung der exakten Position des präparierten Zahnes (verhindert Elongation) und seiner Nachbarzähne (verhindert Kippung und Approximalkontaktverlust).
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Mechanische Stabilität: Ausreichende Bruchfestigkeit, um den Kaukräften standzuhalten.
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Randdichtigkeit: Guter Randschluss, um Mikroleakage, Kontamination des Dentins und postoperative Sensitivitäten zu verhindern.
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Parodontale Gesundheit: Glatte, polierte Oberflächen und eine präzise Randgestaltung, die die Gingiva nicht irritiert und eine Reinigung durch den Patienten ermöglicht.
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Ästhetik und Phonetik: Insbesondere im Frontzahnbereich.
2. Materialien für Provisorien
3. Herstellungstechniken
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Direkte Technik: Das Provisorium wird direkt im Mund des Patienten am präparierten Zahn geformt. Meist wird dazu ein Silikon-Vorabdruck oder eine tiefgezogene Schiene als Formträger verwendet, in den das Bis-Acryl-Material gefüllt wird.
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Vorteil: Schnell und kostengünstig in einer Sitzung.
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Nachteil: Potenzielle thermische/chemische Reizung der Pulpa, ungenauerer Randschluss.
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Indirekte Technik: Das Provisorium wird außerhalb des Mundes auf einem Situationsmodell hergestellt.
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Vorteil: Überlegene Passgenauigkeit, kein direkter Kontakt von Monomeren oder Polymerisationswärme mit der Pulpa, exzellenter Randschluss.
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Nachteil: Zeitaufwendiger, erfordert eine zusätzliche Abformung.
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4. Provisorische Befestigungszemente Der Zement muss das Provisorium sicher halten, aber eine einfache Entfernung ohne Beschädigung des Zahnstumpfes ermöglichen.
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Eugenolhaltige Zemente (z.B. Temp-Bond™): Wirken beruhigend auf die Pulpa. Sind aber absolut kontraindiziert, wenn die definitive Versorgung adhäsiv (mit Kompositzement) befestigt werden soll, da das Eugenol die Polymerisation der Kunststoffe hemmt und die Haftwerte massiv reduziert.
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Eugenolfreie Zemente (z.B. Temp-Bond™ NE): Der heutige Standard für die meisten Anwendungen, da sie die definitive adhäsive Befestigung nicht beeinträchtigen.
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Kompositbasierte provisorische Zemente: Bieten einen stärkeren Halt, sind aber schwieriger zu entfernen. Indiziert für Langzeitprovisorien mit hohem Lockerungsrisiko.
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Das diagnostische Provisorium (“Therapeutic Provisional”) Insbesondere bei umfangreichen prothetischen Fällen ist das Langzeitprovisorium ein unverzichtbares diagnostisches Instrument – ein “Testlauf” für die definitive Arbeit. Der Kliniker kann damit Folgendes überprüfen und optimieren:
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Ästhetik: Zahnform, -farbe und -stellung können mit dem Patienten abgestimmt werden.
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Phonetik: Die Sprachbildung (v.a. S-Laute) wird kontrolliert.
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Okklusion: Die neue Bisshöhe und die dynamische Führung können in der Praxis getestet und justiert werden.
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Parodontale Reaktion: Die Gesundheit der Gingiva an den neuen Kronenrändern wird beurteilt. Alle am Provisorium vorgenommenen Korrekturen werden mittels eines neuen Abdrucks an das zahntechnische Labor übermittelt, um die definitive Arbeit entsprechend zu gestalten.
Fallbeispiel:
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Szenario: Ein Patient wird an Zahn 26 mit einer Keramik-Teilkrone versorgt. Nach der Präparation wird eine digitale Abformung (Scan) für die CAD/CAM-Fertigstellung genommen. Die Eingliederung findet in einer zweiten Sitzung statt.
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Analyse: Der präparierte Zahn hat freiliegendes, sensibles Dentin. Ohne Schutz würde er auf thermische Reize reagieren. Ohne stabile Kontakte zum Nachbarzahn und Antagonisten würde er innerhalb weniger Tage elongieren und/oder kippen, was die Passung der fertigen Teilkrone unmöglich machen würde.
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Klinische Konsequenz: Ein präzises, direktes Provisorium ist zwingend erforderlich.
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Herstellung: Mit einem Silikon-Vorabdruck und einem Bis-Acryl-Komposit (z.B. Luxatemp) wird das Provisorium direkt hergestellt.
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Ausarbeitung: Überschüsse werden entfernt, die Ränder werden perfekt an die Präparationsgrenze angepasst, die Approximal- und Okklusionskontakte werden sorgfältig kontrolliert und die Oberfläche wird poliert.
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Befestigung: Da die definitive Keramik-Teilkrone adhäsiv befestigt wird, wird zwingend ein eugenolfreier provisorischer Zement verwendet.
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Ergebnis: Der Zahn ist bis zur zweiten Sitzung geschützt, die Position ist stabilisiert und die Gingiva kann um die sauberen Ränder herum abheilen. Das Provisorium stellt sicher, dass die hochpräzise gefertigte, definitive Restauration spannungsfrei und passgenau eingesetzt werden kann.