Lektion 25: Inlays, Onlays, Teilkronen – Indikationen, Materialien und Präparationsrichtlinien
A. Klinische Relevanz
Indirekte Restaurationen stellen die Brücke zwischen der klassischen Füllungstherapie und der invasiveren Kronenprothetik dar. Sie sind die Therapie der Wahl für große Zahnhartsubstanzdefekte im Seitenzahnbereich, bei denen eine direkte Kompositrestauration an ihre mechanischen und physikalischen Grenzen stoßen würde. Die Fähigkeit, die korrekte Indikation für ein Inlay, Onlay oder eine Teilkrone zu stellen und das geeignete Material auszuwählen, ist entscheidend für die langfristige biomechanische Stabilität eines geschwächten Zahnes. Diese Techniken ermöglichen eine hochpräzise, langlebige und im Vergleich zur Vollkrone deutlich substanzschonendere Versorgung.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Definition und Abgrenzung Die Nomenklatur beschreibt das Ausmaß der Defektdeckung:
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Inlay (Einlagefüllung): Liegt rein intrakoronal. Es ersetzt verloren gegangene Substanz innerhalb der Höcker, überkuppelt diese aber nicht.
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Onlay (Auflagefüllung): Liegt intra- und extrakoronal. Es überkuppelt einen oder mehrere Höcker, um den Zahn vor Frakturen zu schützen (Höckerfassung).
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Teilkrone (Overlay): Eine umfangreichere Form des Onlays, die alle Höcker der Kaufläche überkuppelt, aber große Teile der bukkalen und/oder lingualen Glattflächen unbedeckt lässt.
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Vollkrone: Umfasst den Zahn zirkulär bis zur Präparationsgrenze.
2. Indikationen für indirekte Restaurationen Die Entscheidung für eine indirekte Versorgung basiert primär auf der Größe und Geometrie des Defekts:
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Große, mehrflächige Kavitäten: Insbesondere wenn die Breite der Kavität (der Isthmus) mehr als die Hälfte des Interkuspudalabstandes (Abstand der Höckerspitzen) beträgt. Eine direkte Kompositfüllung würde hier unter massivem Polymerisationsstress und unzureichender Festigkeit leiden.
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Notwendigkeit der Höckerüberkupplung: Wenn ein oder mehrere Höcker durch Karies stark unterminiert oder bereits frakturiert sind. Ein Onlay oder eine Teilkrone ist hier zwingend, um den Zahn zu schienen und zu stabilisieren.
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Endodontisch behandelte Seitenzähne: Diese Zähne weisen oft einen hohen Substanzverlust auf und sind dehydriert, was sie frakturanfälliger macht. Sie benötigen fast immer eine Versorgung mit Höckerüberkupplung.
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Präzise Rekonstruktion: Wenn eine exakte Rekonstruktion der Okklusion und der Approximalflächen erforderlich ist, die direkt im Mund schwer zu erreichen wäre.
3. Materialien im Überblick
4. Präparationsrichtlinien für adhäsive Keramikrestaurationen Die Präparation für adhäsiv befestigte Keramik folgt strengen biomechanischen Regeln, um Frakturen des spröden Materials zu vermeiden.
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Divergenz: Alle Kavitätenwände müssen leicht divergent (ca. 6-10° Öffnungswinkel) sein, um eine gemeinsame Einschubrichtung zu gewährleisten. Es darf keine Unterschnitte geben.
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Abgerundete Innenwinkel: Alle Übergänge, insbesondere der pulpo-axiale Winkel, müssen stark abgerundet sein. Scharfe Kanten erzeugen Spannungsspitzen und führen zur Fraktur der Keramik.
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Ausreichende Materialstärke: Die Präparation muss einen okklusalen Abtrag von 1,5 – 2,0 mm sicherstellen, um der Keramik genügend Dicke für die Stabilität zu geben.
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Definierte Ränder: Die Kavitätenränder werden als Stufe (90°, “Butt-Joint”) oder als ausgeprägte Hohlkehle gestaltet. Auslaufende Ränder (“Bevels”) sind bei Keramik kontraindiziert.
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Funktionelle Höckerreduktion: Bei Onlays/Teilkronen werden die zu überkuppelnden Höcker um 1,5 mm (nicht-tragende Höcker) bis 2,0 mm (tragende, funktionelle Höcker) gekürzt.
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Die klinische Entscheidungskette: Die Wahl der Versorgung folgt einer logischen Kette:
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Ist der Defekt zu groß für eine direkte Füllung? -> Ja, weiter zu 2.
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Sind Höcker unterminiert oder frakturgefährdet? -> Ja -> Onlay/Teilkrone ist indiziert. Nein -> Inlay ist ausreichend.
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Welches Material? Dies ist eine gemeinsame Entscheidung mit dem Patienten, basierend auf Ästhetik, Kosten und biomechanischen Anforderungen. Lithium-Disilikat (z.B. e.max) ist heute der “Allrounder” für die meisten Einzelzahnversorgungen.
Fallbeispiel:
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Szenario: Ein 38-jähriger Patient stellt sich mit einer Fraktur des mesio-palatinalen Höckers an Zahn 16 vor. Unter der Frakturstelle befindet sich eine ausgedehnte, alte Amalgamfüllung. Der Zahn ist vital.
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Analyse: Eine direkte Füllung ist kontraindiziert. Der Defekt ist zu groß, und die verbleibenden Höcker sind ungestützt und ebenfalls frakturgefährdet. Eine Vollkrone wäre eine Option, würde aber die Opferung der noch intakten, gesunden bukkalen Zahnwand bedeuten.
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Klinische Konsequenz: Die Therapie der Wahl ist eine Keramik-Teilkrone aus Lithium-Disilikat.
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Vorgehen:
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Die alte Füllung und die Karies werden entfernt. Der frakturierte Höcker wird abgerundet und die anderen geschwächten Höcker werden um 2 mm gekürzt (Höckerüberkupplung). Die Präparation folgt den oben genannten Regeln (Divergenz, abgerundete Winkel).
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Nach der Abformung/dem Scan und der Anfertigung im Labor/CAD/CAM wird die Teilkrone in einer zweiten Sitzung unter Kofferdam adhäsiv zementiert.
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Ergebnis: Die Teilkrone stellt die ursprüngliche Anatomie und Funktion wieder her. Sie fasst die geschwächten Höcker wie ein Deckel zusammen, schient den Zahn und schützt ihn so vor weiteren Frakturen. Gleichzeitig wurde ein Maximum an gesunder Zahnhartsubstanz an der bukkalen Wand erhalten – ein entscheidender Vorteil gegenüber der Vollkrone.