Lektion 17: Matrizensysteme für die Seitenzahnrestauration – Anatomisch korrekte Kontaktpunkte

A. Klinische Relevanz

 

Die suffiziente Restauration eines approximalen Kontaktpunktes ist eine der technisch anspruchsvollsten Aufgaben in der Füllungstherapie. Ein fehlerhaft gestalteter Kontaktpunkt – sei er zu schwach, zu stark, offen oder inkorrekt positioniert – führt unweigerlich zu pathologischen Konsequenzen wie Speiseimpaktion (food impaction), chronischer Papillenentzündung, Attachmentverlust und einem erhöhten Risiko für Sekundärkaries. Die Wahl und die korrekte Anwendung des Matrizensystems sind daher keine Nebensächlichkeit, sondern der entscheidende Faktor für die funktionelle Integration, die parodontale Gesundheit und den Langzeiterfolg jeder Klasse-II-Restauration. Diese Lektion vermittelt die Prinzipien und Techniken zur vorhersagbaren Schaffung anatomisch korrekter Kontaktpunkte.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Ziele und Anforderungen an ein Matrizensystem Ein ideales Matrizensystem für Klasse-II-Restaurationen muss vier Hauptaufgaben erfüllen:

  • Formgebung: Eine temporäre, äußere Wand für die Kavität bereitstellen, gegen die das Füllungsmaterial adaptiert und verdichtet werden kann.

  • Kontaktpunkt-Herstellung: Die Schaffung eines physiologisch festen, konvexen Kontaktpunktes auf der korrekten Höhe (im oberen Drittel der Approximalfläche).

  • Zervikale Abdichtung: Eine dichte Versiegelung am zervikalen Kavitätenrand (am Boden des “Kastens”), um Materialüberschüsse (Überhänge) zu verhindern.

  • Zahnseparation: Eine temporäre Separation der Zähne, um die Dicke des Matrizenbandes zu kompensieren.

2. Das historische Tofflemire-System (Zirkuläre Matrize) Dieses System besteht aus einem Metallband, das den gesamten Zahn zirkulär umschließt und in einem Halter gespannt wird.

  • Nachteile und Limitationen:

    • Unphysiologische Form: Das gespannte, flache Band tendiert dazu, eine flache Approximalfläche zu erzeugen, keinen konvexen Kontaktpunkt.

    • Schwache Kontakte: Da das Band um den Zahn gezogen wird, bewegt es sich oft von der Kontaktfläche des Nachbarzahns weg, was zu offenen oder zu schwachen Kontakten führt.

    • Schwierige Handhabung: Eine korrekte Konturierung und Abdichtung ist extrem schwierig zu erreichen.

  • Fazit: Für die anatomische Gestaltung von adhäsiven Klasse-II-Restaurationen mit Komposit gilt das Tofflemire-System als obsolet und ungeeignet.

3. Moderne Sektionalmatrizen-Systeme (Teilmatrizen) Diese Systeme sind heute der unumstrittene Goldstandard für Klasse-II-Kompositrestaurationen. Sie lösen das Grundproblem des Tofflemire-Systems, indem sie die Funktionen der Formgebung und der Zahnseparation auf verschiedene Komponenten aufteilen.

  • Die drei Kernkomponenten:

    1. Sektionalmatrize (Teilmatrizenband): Ein dünnes (ca. 35-50 µm), nierenförmiges, anatomisch vorgeformtes (konvexes) Metallband. Es wird nur im Approximalraum platziert, nicht um den ganzen Zahn.

    2. Interdentalkeil: Ein Keil aus Holz oder Kunststoff, der in die gingivale Embrasure eingeführt wird. Er hat zwei Hauptfunktionen:

      • Abdichtung: Er presst die Matrize fest gegen den zervikalen Kavitätenrand und verhindert so Überschüsse.

      • Initiale Zahnseparation: Er drückt die Zähne bereits leicht auseinander.

    3. Separationsring: Ein federnder Ring aus Metall (z.B. NiTi) oder Kunststoff, der mit einer speziellen Zange über den Keil und die Matrize gesetzt wird. Er ist der Schlüssel zum Erfolg und hat zwei entscheidende Funktionen:

      • Aktive Zahnseparation: Die Federspannung des Rings drückt die Zähne aktiv und kraftvoll auseinander. Dieser Separationsdruck kompensiert die Dicke des Matrizenbandes. Nach Entfernung des Rings und der Matrize bewegen sich die Zähne in ihre ursprüngliche Position zurück und erzeugen so einen physiologisch festen, “knackenden” Kontaktpunkt.

      • Adaptation: Die Zinken des Rings pressen die Matrize fest an die bukkalen und lingualen Ränder der Kavität und unterstützen die anatomische Formgebung.

4. Das klinische Protokoll mit einem Sektionalmatrizen-System

  1. Präparation: Abschluss der Kavitätenpräparation.

  2. Auswahl: Auswahl einer passenden Matrize (Höhe sollte knapp über die Randleiste des Nachbarzahns hinausragen) und eines passenden Keils (sollte satt sitzen, ohne das Zahnfleisch zu verletzen).

  3. Platzierung: Zuerst wird der Keil fest platziert. Danach wird das Matrizenband vorsichtig in den Approximalraum geschoben.

  4. Ringapplikation: Der Separationsring wird mit der Zange gespannt und so platziert, dass seine Zinken den Keil und die Matrize sicher umfassen und auf den Zahnoberflächen aufliegen.

  5. Finale Kontrolle: Überprüfung des dichten Randschlusses am zervikalen Rand mit einer Sonde.

  6. Restauration: Durchführung der Adhäsivtechnik und schichtweisen Applikation des Komposits. Vor der Lichthärtung der letzten Schicht kann das Komposit mit einem Instrument sanft gegen die Matrize gedrückt werden, um den Kontaktpunkt final zu modellieren.

  7. Entfernung: In umgekehrter Reihenfolge: Zuerst Ring entfernen, dann Keil, dann die Matrize vorsichtig nach bukkal oder lingual herausziehen.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Typische Fehler und ihre Vermeidung:

  • Problem: Materialüberschuss am zervikalen Rand (“Überhang”).

    • Ursache: Keil zu klein oder nicht fest genug platziert. Matrize nicht korrekt adaptiert.

    • Lösung: Immer den größtmöglichen, passenden Keil verwenden. Vor dem Füllen den Randschluss prüfen.

  • Problem: Kontaktpunkt zu schwach oder offen.

    • Ursache: Kein Separationsring verwendet. Ring hat Spannung verloren. Zähne nicht ausreichend separiert.

    • Lösung: Immer einen Separationsring verwenden. Bei sehr breiten Kavitäten können zwei Keile (von bukkal und lingual) oder ein stärkerer Ring notwendig sein.

Fallbeispiel:

  • Szenario: Ein Patient berichtet über ständige Speisereste und die Notwendigkeit, Zahnstocher zu benutzen, nachdem vor einigen Monaten eine Füllung an Zahn 46 erneuert wurde. Bei der Untersuchung mit Zahnseide gibt es keinen Widerstand zwischen 46 und 47; die Seide “fällt durch”. Die Papille ist chronisch entzündet und blutet bei Berührung.

  • Analyse: Die vorherige Restauration wurde mit einem ungeeigneten Matrizensystem angefertigt, was zu einem offenen Kontaktpunkt geführt hat. Dies ist die Ursache für die chronische Speiseimpaktion und die daraus resultierende lokalisierte Parodontitis.

  • Klinische Konsequenz: Die insuffiziente Füllung an Zahn 46 muss entfernt werden. Bei der Neuanfertigung wird ein modernes Sektionalmatrizen-System mit Separationsring verwendet. Der korrekte Separationsdruck wird appliziert und der Kontaktpunkt anatomisch korrekt modelliert.

  • Ergebnis: Nach der Behandlung ist der Kontaktpunkt physiologisch fest. Die Zahnseide passiert den Kontaktpunkt mit einem deutlichen “Knacken”. Die Speiseimpaktion ist beseitigt, und die Papille kann abheilen. Dies zeigt, dass die Matrizentechnik kein Detail, sondern ein entscheidender Faktor für Funktion und parodontale Gesundheit ist.