Lektion 5: Mikrobiologie der Karies – Das ökologische Plaque-Konzept und kariogene Schlüsselkeime

A. Klinische Relevanz

 

Das Verständnis der Karies als mikrobiologische Erkrankung des dentalen Biofilms ist der Schlüssel zur modernen Prävention und Therapie. Es erklärt, warum die mechanische Reinigung (Zahnbürste, Zahnseide) jeder chemischen Spülung überlegen ist und wieso manche Patienten trotz guter Hygiene Karies entwickeln, während andere verschont bleiben. Diese Lektion liefert die wissenschaftliche Rationale für die Kariesrisikobestimmung, den gezielten Einsatz antimikrobieller Wirkstoffe und die Notwendigkeit, Karies nicht als simple “Infektion”, sondern als Störung eines komplexen Ökosystems zu betrachten. Dieses Wissen befähigt Sie, die Ursache der Erkrankung zu behandeln, anstatt nur ihre Symptome zu reparieren.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Der dentale Biofilm (Plaque) Der dentale Biofilm ist keine zufällige Ansammlung von Bakterien, sondern eine hoch organisierte, in eine extrazelluläre Matrix eingebettete Lebensgemeinschaft von Mikroorganismen.

  • Stadien der Biofilmbildung:

    1. Pellikelbildung: Innerhalb von Sekunden nach dem Zähneputzen bildet sich auf der Zahnoberfläche ein azellulärer Film aus Speichelproteinen (Glykoproteinen), das erworbene Pellikel. Es dient als “Haftgrund”.

    2. Primärkolonisation: In den ersten Stunden heften sich vorwiegend non-kariogene Pionierbakterien (v.a. orale Streptokokken wie S. sanguinis) an das Pellikel.

    3. Koaggregation & Sekundärkolonisation: Die Primärbesiedler bieten spezifische Rezeptoren, an die sich weitere Bakterienarten (z.B. Actinomyces, Veillonella) anlagern.

    4. Reifung & Matrixbildung: Die Bakterien vermehren sich und produzieren eine schützende Matrix aus extrazellulären Polysacchariden (EPS). Dieser Schleim schützt die Gemeinschaft vor äußeren Einflüssen und ermöglicht die Kommunikation (Quorum Sensing).

2. Die ökologische Plaque-Hypothese (nach Marsh) Dieses moderne Konzept hat ältere Theorien (unspezifische/spezifische Plaque-Hypothese) abgelöst und ist heute wissenschaftlicher Konsens.

  • Grundprinzip: Karies ist nicht die Folge einer Infektion mit einem externen Pathogen, sondern das Ergebnis einer ökologischen Dysbiose der residenten, eigentlich gesunden Mundflora.

  • Der Mechanismus des “ökologischen Wandels”:

    1. Homöostase (Gesundheit): In einem gesunden Mund mit geringer Zuckerfrequenz befindet sich der Biofilm im Gleichgewicht (Symbiose). Non-azidogene Bakterien dominieren. Der pH-Wert ist neutral.

    2. Umweltstress (häufiger Zuckerkonsum): Wiederholte Zuckerzufuhr führt zu häufigen und langanhaltenden Phasen mit niedrigem pH-Wert im Biofilm.

    3. Ökologischer Selektionsdruck: Nur Bakterien, die säurebildend (azidogen) und säuretolerant (azidurisch) sind, können unter diesen sauren Bedingungen überleben und sich vermehren.

    4. Dysbiose (Krankheit): Diese selektierten Bakterien (Pathobionten) gewinnen die Oberhand und dominieren den Biofilm. Die Vielfalt der Arten nimmt ab. Ein solcher dysbiotischer Biofilm produziert bei Zuckerzufuhr viel schneller und mehr Säure als ein gesunder Biofilm, was die Pufferkapazität des Speichels überfordert und zu einem Netto-Mineralverlust am Zahn führt.

3. Kariogene Schlüsselkeime und ihre virulenten Eigenschaften Obwohl es eine ökologische Störung ist, spielen bestimmte Bakterienarten eine Schlüsselrolle:

Keimgruppe Hauptvertreter Rolle im Prozess Schlüsseleigenschaften
Mutans-Streptokokken S. mutans, S. sobrinus Initiator von Schmelzkaries Hoch-azidogen: Verstoffwechselt Zucker sehr schnell zu Milchsäure. – Hoch-azidurisch: Überlebt und produziert Säure auch bei pH < 5,0. – EPS-Synthese: Bildet aus Saccharose klebrige Glukane, die die Adhäsion und Matrixbildung fördern.
Laktobazillen Lactobacillus spp. Progressor von Dentinkaries Extrem azidogen & azidurisch: Dominieren in bereits bestehenden, tiefen Läsionen. – Geringe Adhärenz an glatten Oberflächen, benötigen Nischen zum Überleben.
Actinomyces A. naeslundii u.a. Assoziiert mit Wurzelkaries – Können eine Vielzahl von Zuckern verstoffwechseln. – Bilden einen wichtigen Teil der frühen Biofilm-Struktur.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Grundlage der mechanischen Prophylaxe: Die ökologische Plaque-Hypothese erklärt, warum die mechanische Zerstörung des Biofilms (Zähneputzen, Interdentalreinigung) die effektivste Präventionsmaßnahme ist. Sie setzt die ökologische Uhr zurück, entfernt die reife, dysbiotische Gemeinschaft und erlaubt einer gesünderen, diverseren Flora die Neubesiedlung.

Rationale für antimikrobielle Therapien: Der Einsatz von z.B. Chlorhexidin (CHX)-Spülungen ist nur bei extrem hohem Kariesrisiko (z.B. nach Bestrahlung, bei schwerer Xerostomie) kurzzeitig indiziert. Ziel ist nicht die Ausrottung von Keimen, sondern die Reduktion der pathogenen Last, um dem Ökosystem die Chance zur Re-Etablierung einer gesunden Homöostase zu geben.

Fallbeispiel:

  • Szenario: Ein Patient mit guter Compliance und 2x täglicher, sorgfältiger Mundhygiene entwickelt trotzdem neue Approximalkaries. Die Anamnese ergibt, dass er zur Leistungssteigerung im Job begonnen hat, über den Tag verteilt mehrere Tassen Kaffee mit Zucker und Sirup zu trinken.

  • Analyse:

    • Mechanische Kontrolle: Der Patient kontrolliert die Quantität des Biofilms durch seine gute Hygiene.

    • Ökologische Kontrolle: Er scheitert jedoch bei der Kontrolle der Qualität des Biofilms. Die ständige, niedrigdosierte Zuckerzufuhr übt einen permanenten Selektionsdruck aus, der seinen Biofilm in einen dysbiotischen, hoch-kariogenen Zustand “kippen” lässt.

  • Klinische Schlussfolgerung: Eine weitere Intensivierung der Mundhygiene wäre hier wenig zielführend. Die kausale Therapie ist die Ernährungsberatung mit dem klaren Ziel, die Frequenz der Zuckerattacken zu eliminieren. Dem Patienten muss die ökologische Konsequenz seines Trinkverhaltens auf seinen ansonsten gut gepflegten Biofilm erklärt werden.