Lektion 15: Extraktionstherapie und Lückenmanagement im Wechselgebiss
A. Klinische Relevanz
Trotz aller Bemühungen zum Zahnerhalt gibt es Situationen, in denen die Extraktion eines Milchzahnes die unumgängliche oder sogar die beste Therapieoption darstellt. Die Extraktion selbst ist jedoch nur der erste Schritt. Der vorzeitige Verlust eines Milchzahnes, insbesondere eines Molaren, kann eine Kettenreaktion auslösen, die zu massivem Platzverlust im Zahnbogen führt und oft eine spätere, komplexe kieferorthopädische Behandlung erforderlich macht. Das aktive Lückenmanagement mittels Lückenhaltern ist daher ein integraler und entscheidender Bestandteil der kinderzahnärztlichen Extraktionstherapie und ein Paradebeispiel für präventive Kieferorthopädie.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Indikationen zur Extraktion von Milchzähnen
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Kariös bedingt: Der Zahn ist so stark zerstört, dass eine Restauration (auch mit Stahlkrone) nicht mehr möglich ist.
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Endodontisch bedingt: Eine Pulpanekrose liegt vor, aber eine Pulpektomie ist kontraindiziert (z.B. bei fortgeschrittener Wurzelresorption, Furkationsperforation oder ausgedehnter Infektion).
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Traumatologisch bedingt: Z.B. bei nicht-restaurierbaren Kronen-Wurzel-Frakturen.
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Kieferorthopädisch bedingt: Im Rahmen einer geplanten Reihenextraktion (Serialextraktion) zur Auflösung eines starken Engstandes.
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Pathologisch bedingt: Bei Ankylose (Verwachsung mit dem Knochen), wenn der Durchbruch des bleibenden Zahnes behindert wird.
2. Besonderheiten der Milchzahn-Extraktion
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Anatomie: Die langen, grazilen und stark gespreizten Wurzeln der Milchmolaren umschließen den Zahnkeim des bleibenden Nachfolgers.
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Technik: Die Extraktion erfordert große Vorsicht. Rotierende Bewegungen sind bei Molaren kontraindiziert, da sie zur Wurzelfraktur führen. Die Bewegung sollte eine langsame, kontrollierte bukkal-orale Luxation sein. Das Hauptrisiko ist die unbeabsichtigte Schädigung oder Luxation des darunterliegenden bleibenden Zahnkeims.
3. Das Problem: Der vorzeitige Platzverlust Der Zahnbogen ist ein dynamisches System. Geht ein Zahn vorzeitig verloren, kommt es zu Zahnwanderungen.
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Mechanismus: Nach dem Verlust eines Milchmolaren gibt es eine starke natürliche Tendenz des dahinterstehenden (distalen) Zahnes – meist des ersten bleibenden Molaren –, nach mesial (vorne) zu wandern und in die Lücke zu kippen.
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Konsequenz: Der Platz, der für den Durchbruch des bleibenden Prämolaren (des Nachfolgers) benötigt wird, geht verloren. Dies führt zu Platzmangel, Engstand, Retention und Impaktion des bleibenden Zahnes.
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Kritische Phase: Der größte Teil des Platzverlusts tritt innerhalb der ersten 6 Monate nach der Extraktion auf.
4. Das Lückenmanagement: Der Lückenhalter (Space Maintainer)
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Definition: Eine passive, festsitzende oder herausnehmbare kieferorthopädische Apparatur, die den mesio-distalen Raum nach einem vorzeitigen Milchzahnverlust offen hält.
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Zwingende Indikation: Vorzeitiger Verlust eines ersten oder zweiten Milchmolaren, bevor der Nachfolger kurz vor dem Durchbruch steht.
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Wichtigste Typen festsitzender Lückenhalter:
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Band-and-Loop: Das Standardgerät. Ein orthodontisches Band wird auf den Pfeilerzahn (meist der erste bleibende Molar) zementiert. An diesem Band ist eine Drahtschlaufe angelötet, die sich nach mesial erstreckt und sich an der distalen Fläche des vorderen Zahnes abstützt. Sie verhindert passiv das Aufwandern des Molaren.
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Distal Shoe: Eine Spezialform, die indiziert ist, wenn der zweite Milchmolar verloren geht, bevor der erste bleibende Molar durchgebrochen ist. Sie hat eine subgingivale Führungsebene, die den durchbrechenden 6-Jahres-Molaren in seine korrekte Position leitet.
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C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Die Entscheidungskette:
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Ist die Extraktion unvermeidbar?
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Ist der Verlust “vorzeitig” (d.h. der Nachfolger bricht nicht innerhalb der nächsten 6 Monate durch)?
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Handelt es sich um einen Seitenzahn? -> Wenn alle drei Fragen mit “Ja” beantwortet werden, ist ein Lückenhalter indiziert.
Fallbeispiel:
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Szenario: Bei einem 7-jährigen Kind wird an Zahn 84 (unterer rechter erster Milchmolar) eine nicht-restaurierbare, chronisch infizierte Karies diagnostiziert. Der erste bleibende Molar (Zahn 46) ist bereits vollständig durchgebrochen. Im Röntgenbild sieht man den Keim des Nachfolgers (Zahn 44) noch tief im Knochen.
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Analyse:
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Extraktion: Die Extraktion von 84 ist unumgänglich.
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Zeitpunkt: Der Durchbruch von Zahn 44 ist erst in ca. 3 Jahren zu erwarten. Der Verlust ist also hochgradig vorzeitig.
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Platzverlust: Der erste bleibende Molar (46) wird definitiv nach mesial in die Lücke wandern und den Platz für den 44er einengen.
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Klinische Konsequenz & Therapieplan:
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Chirurgische Phase: Die schonende Extraktion des Zahnes 84 wird durchgeführt.
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Präventiv-kieferorthopädische Phase: Nach einer kurzen Abheilungsphase von 1-2 Wochen wird eine Abformung für einen Band-and-Loop Lückenhalter genommen. Ein Band wird auf Zahn 46 angepasst und im Labor eine Schlaufe angefertigt, die sich an Zahn 83 abstützt. In einem weiteren Termin wird der Lückenhalter zementiert.
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Ergebnis: Die Apparatur hält den Platz für den Zahn 44 passiv offen, bis dieser in den nächsten Jahren durchbricht. Eine aufwendige und teure kieferorthopädische Behandlung zum Wiedereröffnen der Lücke wurde durch diese einfache präventive Maßnahme vermieden. Die Extraktionstherapie im Milchgebiss ist niemals abgeschlossen, ohne über das Lückenmanagement nachgedacht zu haben.