Lektion 5: Frühkindliche Karies (Early Childhood Caries, ECC) – Ätiologie und Risikobewertung
A. Klinische Relevanz
Die frühkindliche Karies (ECC), umgangssprachlich auch als “Nuckelflaschenkaries” bekannt, ist eine besonders aggressive und schnell fortschreitende Form der Karies, die das Milchgebiss von Säuglingen und Kleinkindern betrifft. Sie ist mehr als nur ein zahnmedizinisches Problem; sie ist ein klares Zeichen für ein problematisches Ernährungs- und Hygieneverhalten und oft mit Schmerzen, Infektionen, Ess- und Schlafstörungen sowie Beeinträchtigungen der Sprachentwicklung verbunden. Die Fähigkeit, die spezifischen Risikofaktoren frühzeitig zu erkennen und die Eltern eindringlich, aber verständnisvoll aufzuklären, ist die wichtigste präventive Maßnahme, um diese oft verheerende Erkrankung zu verhindern.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Definition (nach AAPD – American Academy of Pediatric Dentistry)
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ECC (Early Childhood Caries): Das Vorhandensein von einer oder mehreren kariösen Läsionen (kavitiert oder nicht-kavitiert), fehlenden Zähnen (aufgrund von Karies) oder Füllungen bei einem Kind unter 6 Jahren (71 Monate).
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Schwere ECC (Severe ECC):
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Jedes Karieszeichen bei einem Kind unter 3 Jahren.
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Ab 3 Jahren: Kavitäten, Füllungen oder kariesbedingter Verlust an Glattflächen der Oberkiefer-Frontzähne.
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2. Die spezifische Ätiologie und Pathogenese Die ECC folgt der klassischen Kariesätiologie, wird aber durch spezifische Verhaltensmuster dramatisch beschleunigt.
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Das Substrat: Häufige und langanhaltende Zuckerzufuhr
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Das Leitsymptom ist die häufige Gabe von zuckerhaltigen Flüssigkeiten in Nuckelflaschen, die dem Kind zum Dauernuckeln oder als Einschlafhilfe überlassen werden.
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Typische Flüssigkeiten: Gesüßte Tees, Säfte, Schorlen, Milch (enthält Laktose), Kakao.
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Die Zeit: Reduzierter Speichelfluss in der Nacht
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Während des Schlafes ist die Speichelproduktion und die schützende Clearance-Funktion drastisch reduziert.
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Eine Flasche zum Einschlafen führt dazu, dass die Zähne über Stunden in einem “Säurebad” aus Zucker und bakteriellen Stoffwechselprodukten liegen, ohne dass der Speichel diesen Angriff abpuffern kann.
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Die Mikroorganismen: Vertikale Transmission
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Babys werden zahnlos und ohne kariogene Keime geboren. Die Erstbesiedlung der Mundhöhle mit Streptococcus mutans erfolgt in der Regel durch vertikale Transmission von der primären Bezugsperson (meist die Mutter) über den Speichel (z.B. Ablecken des Schnullers oder Löffels).
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Ein hohes Infektionsfenster besteht zwischen dem 19. und 31. Lebensmonat.
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3. Das charakteristische Befallsmuster (“Nursing Bottle Pattern”) Die ECC zeigt ein fast pathognomonisches Verteilungsmuster:
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Frühstadium: Die ersten Läsionen (White Spots) treten an den fazialen Glattflächen der Oberkiefer-Frontzähne auf.
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Fortgeschrittenes Stadium: Die Läsionen schreiten schnell fort und führen zu einer ringförmigen, zervikalen Zerstörung. Die Kronen der Oberkiefer-Frontzähne können bis auf den Zahnfleischrand zerstört werden. Später werden auch die oberen und unteren ersten Milchmolaren befallen.
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Die “Verschonung” der Unterkiefer-Frontzähne: Diese Zähne bleiben oft erstaunlich lange kariesfrei.
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Grund: Während des Nuckelns und im Liegen wird die Unterkieferschneide von der Zunge protektiv bedeckt. Zudem werden sie ständig vom Speichel aus den naheliegenden Unterzungenspeicheldrüsen umspült.
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C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Risikobewertung (Risk Assessment) Die Anamnese mit den Eltern ist das entscheidende Instrument.
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Schlüsselfragen:
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“Was bekommt Ihr Kind aus der Flasche zu trinken?”
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“Wie oft am Tag und in der Nacht bekommt es die Flasche?”
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“Nimmt Ihr Kind die Flasche mit ins Bett?”
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“Putzen Sie 2x täglich mit einer fluoridhaltigen Zahnpasta?”
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Die Aufklärung: Einfühlsam, aber unmissverständlich Eltern handeln selten in böser Absicht, sondern oft aus Unwissenheit. Die Aufklärung muss vorwurfslos, aber sehr klar sein.
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Visualisierung: Zeigen von klinischen Bildern schwerer ECC-Fälle ist oft wirksamer als lange Vorträge.
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Klare Handlungsanweisungen:
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Die Nuckelflasche ist nur für Wasser oder ungesüßten Tee. Milchmahlzeiten sollten als Mahlzeit gegeben und nicht zum Dauernuckeln überlassen werden.
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Niemals die Flasche mit ins Bett geben!
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Ab dem 1. Geburtstag sollte das Kind an das Trinken aus einer Tasse gewöhnt werden.
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Fallbeispiel:
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Szenario: Ein 18 Monate altes Kind wird vorgestellt. Die Mutter ist besorgt über “weiße Flecken” an den oberen Schneidezähnen.
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Anamnese: Das Kind erhält zum Einschlafen und nachts zum Beruhigen eine Flasche mit Apfelsaftschorle.
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Klinischer Befund: Entlang des Zahnfleischrandes der Zähne 51, 52, 61, 62 zeigen sich deutliche, kreidig-weiße Demineralisations-Streifen (White Spot Lesions, ICDAS 2). Die Zähne sind stark mit Plaque bedeckt.
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Analyse: Dies ist der klassische Initialbefund einer schweren ECC. Die Kombination aus nächtlicher Zuckerzufuhr und reduziertem Speichelfluss hat zu einer rapiden Demineralisation geführt.
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Diagnose: Schwere frühkindliche Karies (Severe ECC), da Karieszeichen bei einem Kind unter 3 Jahren vorliegen.
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Klinische Konsequenz & Management:
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Dringende Aufklärung: Der Mutter wird der direkte Zusammenhang zwischen der “Saftflasche” und den “weißen Flecken” erklärt. Es wird ein sofortiger Stopp der nächtlichen Saftflasche als unumgängliche Maßnahme dargestellt. Wasser ist die einzige erlaubte Alternative.
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Therapie: In diesem frühen, nicht-kavitierten Stadium ist die Läsion noch reversibel. Die Therapie ist nicht-invasiv.
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Intensive Fluoridierung: Professionelle Applikation von hochkonzentriertem Fluoridlack in der Praxis.
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Häusliche Pflege: Instruktion zur konsequenten 2x täglichen Reinigung mit einer reiskorngroßen Menge 1000 ppm Fluoridzahnpasta.
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Ergebnis: Durch die kausale Therapie (Stopp der Zuckerzufuhr) und die unterstützende Remineralisationstherapie (Fluorid) können die Läsionen arretieren und die Notwendigkeit einer späteren, invasiven Behandlung (Füllungen in Narkose) kann verhindert werden.