Lektion 13: Individuelle Geräteanpassung: Aktivieren von Plattenfedern und Dehnen von Klammern
A. Klinische Relevanz
Herausnehmbare kieferorthopädische Geräte sind keine “One-size-fits-all”-Produkte. Ihr Erfolg hängt maßgeblich von der regelmäßigen und korrekten Anpassung (Aktivierung) durch den Behandler ab. Eine nicht aktivierte Platte ist wirkungslos; eine falsch aktivierte kann schädliche Kräfte ausüben. Die manuelle Fertigkeit, Federn zu biegen und Klammern zu dehnen, ist eine grundlegende klinische Kompetenz, um diese wertvollen Therapiewerkzeuge effektiv einzusetzen.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Grundprinzip der Aktivierung
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Ziel: Die aktiven Elemente (Federn, Schrauben) so zu verformen, dass sie eine kontrollierte, physiologische Kraft auf die Zähne ausüben.
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Kraftniveau: Die Kraft sollte gerade ausreichen, um eine Zahnbewegung einzuleiten, aber nicht so stark sein, dass sie Schmerzen verursacht oder die Wurzel schädigt. Leichte Kräfte über lange Zeit sind biomechanisch ideal.
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Aktivierungsintervall: Typischerweise alle 4-6 Wochen.
2. Die Aktivierung einer Feder (z.B. Fingerfeder)
Eine Feder wird verwendet, um einen Zahn zu kippen oder eine Lücke zu öffnen/schließen.
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Werkzeug: Drei-Punkt-Zange (Weingart-Zange) oder eine spezielle Federbiegezange.
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Vorgehen am Beispiel einer distalisierenden Fingerfeder:
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Platte einsetzen lassen: Der Patient setzt die Platte ein, damit die Ausgangsposition klar ist.
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Feder identifizieren: Welche Feder soll welchen Zahn bewegen?
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Feder vorsichtig anheben: Die Zange wird so angesetzt, dass die Feder basisnah (am Übergang zur Platte) und nicht an der Spitze gegriffen wird.
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Aktivieren: Die Feder wird um ca. 1-2 mm in die gewünschte Bewegungsrichtung vorgebogen. Eine größere Aktivierung ist schmerzhaft und ineffektiv.
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Sitz prüfen: Der Patient setzt die Platte erneut ein. Die Feder sollte nun leichten Kontakt mit dem Zahn haben und ihn in die gewünschte Richtung drücken.
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3. Das Dehnen einer Klammer (z.B. Adams-Klammer)
Klammern sind Halteelemente. Sie müssen straff sitzen, damit die Platte nicht wackelt, dürfen aber nicht zu stark drücken.
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Werkzeug: Klammerdehnzange (Adams-Zange).
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Grund: Klammern können sich durch Einsetzen und Herausnehmen lockern.
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Vorgehen:
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Zange ansetzen: Die Spitzen der Adams-Zange werden in die beiden Bügel der Klammer eingehakt.
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Vorsichtig dehnen: Die Zange wird leicht geöffnet, wodurch die Klammer auseinandergebogen wird. Nur wenige Millimeter!
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Wirkung prüfen: Die Platte sollte nun wieder fest sitzen, ohne dass die Klammer unangenehm auf den Zahn drückt. Ein “Klick”-Gefühl beim Einsetzen ist ideal.
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4. Die Aktivierung einer Schraube (z.B. Hyrax-Schraube für Gaumennahterweiterung)
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Prinzip: Durch Drehen der Schraube werden die beiden Plattenhälften auseinandergedrückt, was eine Kraft auf die Gaumennaht und die Zähne ausübt.
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Aktivierungsprotokoll:
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Phase 1 (Aktivierung): 2 x täglich eine Vierteldrehung (90°). Dies entspricht ca. 0,2 mm pro Tag. Führt zur Nahtdehnung.
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Phase 2 (Retention): Keine Aktivierung für 6-12 Monate, um die Knochenneubildung in der gedehnten Naht zuzulassen.
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C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Fallbeispiel 1: Aktivierung einer Protrusionsfeder
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Szenario: Ein oberer Schneidezahn steht leicht hinter der Ebene der Nachbarzähne (retrudiert). Eine aktive Platte mit einer Fingerfeder für diesen Zahn ist eingesetzt.
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Klinische Konsequenz & Durchführung:
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Der Behandler lässt den Patienten die Platte einsetzen.
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Mit der Drei-Punkt-Zange wird die Feder, die für den retrudierten Schneidezahn zuständig ist, vorsichtig nach labial (vor Richtung Lippe) vorgebogen.
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Die Aktivierung ist korrekt, wenn die Feder nach dem Einsetzen der Platte gerade eben beginnt, den Zahn nach vorne zu drücken. Der Patient spürt einen leichten Druck.
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Fehler, die zu vermeiden sind: Die Feder zu stark zu biegen (starke Schmerzen), die Feder an der Spitze und nicht basisnah zu biegen (Gefahr des Brechens).
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Fallbeispiel 2: Nachjustieren einer lockeren Adams-Klammer
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Szenario: Ein Patient klagt, dass seine aktive Platte im Oberkiefer wackelt, insbesondere beim Sprechen.
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Klinische Konsequenz & Durchführung:
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Der Behandler untersucht die Platte im Mund. Die Adams-Klammer am ersten Molaren sitzt nicht mehr straff.
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Mit der Adams-Zange wird diese Klammer vorsichtig gedehnt.
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Die Platte wird erneut eingesetzt. Sie sitzt nun wieder fest. Der Behandler weist den Patienten an, die Platte beim Herausnehmen niemals an den Klammern, sondern immer am Kunststoffkörper anzufassen, um ein Lockern zu vermeiden.
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Fallbeispiel 3: Fehlerhafte Schraubenaktivierung
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Szenario: Die Eltern eines Patienten mit Gaumennahterweiterungs-Apparatur (GNE) berichten, dass die Schraube “so schwer zu drehen sei” und der Patient starke Schmerzen habe.
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Analyse: Die Schraube wurde wahrscheinlich zu oft auf einmal aktiviert (z.B. mehrere Umdrehungen an einem Tag).
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Klinische Konsequenz: Zu schnelle Aktivierung führt zu:
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Massiven Schmerzen durch Überdehnung.
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Möglichem Versagen der Nahtdehnung (die Naht “verklebt”).
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Schädigung der Parodontien der verankerten Zähne.
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Lösung: Die Aktivierung muss sofort gestoppt werden. Für einige Tage wird pausiert, bis die Schmerzen nachlassen. Danach wird das Protokoll mit nur einer Vierteldrehung pro Tag fortgesetzt. Die Eltern müssen über die Wichtigkeit der Disziplin aufgeklärt werden.