Lektion 10: Aligner-Technik II: Die Wirkweise und Platzierung von Attachments – Theorie und praktische Anwendung
A. Klinische Relevanz
Die reine Aligner-Schiene stößt bei komplexeren Behandlungen an ihre biomechanischen Grenzen. Um diese zu überwinden und den Behandlungsradius zu erweitern, steht dem Kieferorthopäden eine Reihe klinischer Auxiliaries zur Verfügung. Der gezielte Einsatz von IPR, Gummizügen und Precision Cuts verwandelt den Aligner von einem passiven in ein aktives, hochpräzises Therapiesystem. Die Beherrschung dieser Hilfsmittel ist entscheidend für den Erfolg anspruchsvoller Fälle.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Interproximale Reduktion (IPR / Stripping)
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Definition: Gezieltes, minimal-invasives Abtragen von Zahnschmelz an den Approximalflächen der Zähne.
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Zweck:
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Platzschaffung: Schaffung von bis zu 0,5 mm Platz pro Kontaktpunkt zur Auflösung von leichten Engständen.
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Formkorrektur: Anpassung der Zahnbreitenverhältnisse (Verbesserung der Bolton-Analyse).
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Vergrößerung des Kontaktpunktes: Ermöglicht eine bessere Schlussrotation der Zähne.
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Durchführung: Mit speziellen IPR-Streifen (manuell oder motorbetrieben) in einer Dicke von 0,1 mm bis 0,5 mm. Wichtig: Die Gesamtmenge an IPR pro Zahnfläche ist limitiert, um die Pulpa nicht zu gefährden.
2. Gummizüge (Elastics) mit Precision Cuts
Gummizüge erlauben es, Kräfte zu applizieren, die über die reine Aligner-Dehnung hinausgehen.
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Precision Cuts: Dies sind präzise Laserschnitte im Aligner, an denen die Gummizüge befestigt werden.
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Häufige Gummizug-Konfigurationen und ihre Ziele:
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Klasse-II-Gummizug: Von oberen Canini zu unteren Molaren. Ziel: Korrektur einer Distalbisslage (Unterkieferwachstum simulation, Distalisierung oberer Zähne, Mesialisierung unterer Zähne).
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Klasse-III-Gummizug: Von unteren Canini zu oberen Molaren. Ziel: Korrektur einer Mesialbisslage.
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Vertikale Gummizüge (Box-Elastics): Werden zwischen Ober- und Unterkieferzähnen gekreuzt. Ziel: Vertikalisierung von Zähnen, Verbesserung des englaced Okklusionskontakts.
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Midline-Gummizug: Zwischen gegenüberliegenden Canini oder Prämolaren im Ober- und Unterkiefer. Ziel: Korrektur der Mittellinienverschiebung.
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3. Weitere klinische Auxiliaries
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Chewies (Kauhilfen): Schaumstoffrollen, auf die der Patient beißt, um den Sitz des Aligners zu verbessern (“Seating”) und die Kraftübertragung zu optimieren. Wichtiges Tool zur Vermeidung von Tracking Errors.
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Power Ridges: Integrierte, verdickte Kunststoffleisten an der Innenkante des Aligners im Frontzahnbereich. Sie üben einen gezielten palatinalen Druck an der Gingiva nahe der Schneidekante aus, um eine Inklinationskontrolle (Torque) der Frontzähne zu verbessern.
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Fallbeispiel 1: Kombinierter Einsatz von IPR und Gummizügen bei Klasse II
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Szenario: Ein erwachsener Patient mit leichter skeletaler Klasse II, Engstand im Unterkiefer und protrusiver Oberkieferfront.
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Analyse: Es müssen mehrere Probleme gleichzeitig adressiert werden: Bisslage, Engstand und Frontstellung.
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Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl:
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IPR im Unterkiefer: Durchgeführt an den unteren Frontzähnen und Prämolaren, um 2,5 mm Platz für die Auflösung des Engstands zu schaffen.
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Klasse-II-Gummizüge: Der Patient bekommt Precision Cuts an den oberen Canini und unteren ersten Molaren. Durch das Tragen der Gummizüge wird die Bisslage korrigiert und die obere Front kann gleichzeitig retrahiert werden.
Diese Kombination macht eine Extraktionstherapie überflüssig.
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Fallbeispiel 2: Der Einsatz von vertikalen Gummizügen (“Box Elastics”)
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Szenario: In der Finishing-Phase einer Aligner-Behandlung beißt ein Prämolar nicht genau auf seinen Antagonisten (“englaced”). Es besteht ein leichter “open bite” im Seitenzahnbereich.
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Analyse: Der Aligner allein kann keine präzise vertikale Positionierung erreichen.
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Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Es werden vertikale Gummizüge verordnet. Dazu werden vertikale Precision Cuts in die Aligner über dem und unter dem nicht kontaktierenden Prämolaren geschnitten. Der Patient spannt ein kleines Gummiband zwischen diesen Cuts ein. Der Zug des Gummis “zieht” die Zähne zusammen und stellt so den stabilen Okklusionskontakt her.
Fallbeispiel 3: Korrektur einer Mittellinienverschiebung
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Szenario: Die Mittellinie der Oberkieferfront ist um 2 mm nach rechts verschoben.
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Analyse: Um die Mittellinie zu korrigieren, muss eine asymmetrische Kraft ausgeübt werden.
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Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Es wird ein asymmetrischer Gummizug eingesetzt. Der Patient bekommt einen Gummizug, der z.B. vom linken oberen Eckzahn (Links-Verschub) zum linken unteren Eckzahn führt. Dieser Zug mesialisiert die linke obere Seite stärker als die rechte und schiebt so die Mittellinie nach links in die Mitte. Die Precision Cuts müssen entsprechend im ClinCheck geplant und in die Aligner geschnitten werden.
Fallbeispiel 4: Vermeidung eines Tracking Errors mit Chewies
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Szenario: Ein Patient klagt, dass ein neuer Aligner an einem Zahn nicht richtig “einschnappt”.
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Analyse: Ein unzureichender Sitz führt zu ineffektiver Kraftübertragung. Der Zahn wird sich nicht bewegen und in den Folgealignern immer weiter “zurückfallen”.
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Klinische Konsequenz & Lösung: Der Patient wird angewiesen, mehrmals täglich für 5-10 Minuten intensiv auf einen Chewie zu beißen, speziell in dem Bereich, wo der Sitz ungenügend ist. Dies verformt den Aligner elastisch und zwingt ihn, sich vollständig über die Zahnkronen und Attachments zu schieben. Diese einfache Maßnahme kann das “Tracking” retten und eine aufwendige Neuanfertigung von Alignern verhindern.