Lektion 15: Weichteildiagnostik in der Kephalometrie: E-Line nach Ricketts, Nasolabialwinkel, Zahn-Lippen-Relation

A. Klinische Relevanz
Die kephalometrische Analyse wäre unvollständig, würde sie nur die knöchernen Strukturen und Zähne betrachten. Die Weichteile – Lippen, Nase und Kinn – definieren maßgeblich die ästhetische Wahrnehmung eines Gesichtsprofils. Die Weichteildiagnostik am Fernröntgenseitbild (FRS) ermöglicht es, den Einfluss einer kieferorthopädischen Behandlung auf das Profil vorherzusagen und das Behandlungsziel ästhetisch zu optimieren. Sie ist das Bindeglied zwischen der skelettodentalen Diagnose und dem ästhetischen Behandlungsergebnis.

B. Detailliertes Fachwissen
1. Wichtige Weichteil-Referenzpunkte und -ebenen

  • Pronasale (Pn): Der vorderste Punkt der Nasenspitze.

  • Subnasale (Sn): Der Punkt, an dem die Basis der Nase auf die Oberlippe trifft.

  • Stomion (Stmi): Der Berührungspunkt von Ober- und Unterlippe.

  • Labrale superius (Ls): Der tiefste Punkt des Konturbogens der Oberlippe.

  • Labrale inferius (Li): Der oberste Punkt des Konturbogens der Unterlippe.

  • Soft-Tissue Pogonion (Pog’): Der vorderste Punkt der Weichteilkinnkontur.

  • Menton (Me’): Der tiefste Punkt der Weichteilkinnkontur.

2. Zentrale Messparameter der Weichteildiagnostik

 
 
Parameter Definition Normwert / Ästhetisches Ideal Interpretation
E-Line (Ästhetiklinie) nach Ricketts Eine Linie von der Nasenspitze (Pn) zum Weichteil-Pogonion (Pog’). Oberlippe (Ls): -1 bis +1 mm
Unterlippe (Li): 0 bis +2 mm
(Die Lippen liegen also leicht hinter der Linie).
Lippen vor der E-Line: Protusives/prognathes Profil.
Lippen deutlich hinter der E-Line: Retrusives/retrognathes Profil.
Nasolabialwinkel Der Winkel zwischen einer Tangente an die Columella der Nase und einer Tangente an die Oberlippe von Subnasale (Sn) zum Labrale superius (Ls). 90° – 110° (bei Männern oft am unteren, bei Frauen am oberen Ende). Vergrößert (>110°): Retroklinale/retrusive Oberlippe, flaches Profil.
Verkleinert (<90°): Proklinale/protrusive Oberlippe, konvexes Profil.
Zahn-Lippen-Relation (Upper Lip to Tooth) Der Abstand der Oberlippe (Stomion superius) zur Schneidekante der oberen mittleren Schneidezähne in Ruhe und beim Lächeln. In Ruhe: 1-4 mm Inzisalfläche sichtbar.
Beim Lächeln: 0-2 mm Gingiva sichtbar.
Beim Lächeln zu viel Gingiva sichtbar (“Gummy Smile”): Vertikale Maxillaexzess, hypermobile Oberlippe oder kurze klinische Kronen.
Keine Zähne sichtbar: Fehlende dentale Show, alterndes Erscheinungsbild.
Höhe der Unterlippe (Lower Lip to Incisal Edge) Der vertikale Abstand der Unterlippe (Stomion inferius) zur Schneidekante der unteren mittleren Schneidezähne. Die Unterlippe sollte die Schneidekanten leicht bedecken oder berühren. Wichtig für die Beurteilung des Overbite und der Stützzone für die Unterlippe.

3. Integration in die Gesamtdiagnose

Die Weichteilanalyse muss immer im Kontext der skelettodentalen Befunde gesehen werden:

  • Ein vergrößerter Nasolabialwinkel kann durch eine retroklinale Oberkieferfront (erniedrigter 1-NA [°]) ODER einen retrognathen Oberkiefer (erniedrigter SNA) verursacht sein.

  • Eine vor der E-Line stehende Unterlippe kann durch proklinale untere Frontzähne (erhöhter 1-NB [°]) ODER ein prognathes Kinn (erhöhtes SNB) bedingt sein.

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

Fallbeispiel 1: Die 19-jährige Patientin mit protrusivem Profil und “gummy smile”

  • Szenario: Eine Patientin ist mit ihrem Profil unzufrieden (“meine Lippen stehen zu sehr ab”) und lächelt ungern, weil sie zu viel Zahnfleisch zeigt.

  • Analyse: Die kephalometrische Weichteilanalyse zeigt:

    • E-Line: Oberlippe (Ls) bei +3 mm, Unterlippe (Li) bei +4 mm (beide vor der Linie → protrusiv).

    • Nasolabialwinkel: 85° (verkleinert → protrusive Oberlippe).

    • Zahn-Lippen-Relation beim Lächeln: 5 mm Gingiva sichtbar (“Gummy Smile“).

    • Die dentale Analyse bestätigt eine protrusive und proklinale Oberkieferfront.

  • Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Das Behandlungsziel ist die Retraktion der Oberkieferfront zur Verbesserung des Profils und die Intrusion der Oberkieferfront zur Reduktion des “Gummy Smile”. Die Therapie der Wahl ist eine festsitzende Behandlung mit Extraktion der ersten Oberkiefer-Prämolaren. Durch die Retraktion der Front werden sich die Lippen um etwa 2/3 des dentalen Rückwegs anpassen, sodass sie voraussichtlich hinter der E-Line zu liegen kommen. Durch gezielte Intrusion wird die excessive Gingivaschau beim Lächeln beseitigt.

Fallbeispiel 2: Der 17-jährige Patient mit flachem Profil und Doppelkinn

  • Szenario: Ein Patient wirkt im Profil “flach”, mit einer zurückliegenden Unterlippe und einer angedeuteten Doppelkinnbildung.

  • Analyse: Die kephalometrische Weichteilanalyse zeigt:

    • E-Line: Oberlippe (Ls) bei -3 mm, Unterlippe (Li) bei -4 mm (beide deutlich hinter der Linie → retrusiv).

    • Nasolabialwinkel: 115° (vergrößert → retroklinale Oberlippe).

    • Die skelettale Analyse zeigt einen retrognathen Unterkiefer (SNB 75°).

  • Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Das flache, retrusive Profil wird primär durch den retrognathen Unterkiefer verursacht. Eine rein kieferorthopädische Behandlung kann das Skelett nicht verändern. Eine dentale Dekompensation (Proklination der Ober- und Unterkieferfront) könnte das Profil minimal verbessern, aber gleichzeitig die Okklusion verschlechtern. Die einzig kausale Therapie zur Profilverbesserung ist eine kombinierte kieferorthopädisch-kieferchirurgische Behandlung. Die kieferorthopädische Vorbereitung würde eine Dekompensation beinhalten, um dann durch eine Unterkiefervorverlagerung (BSSO) den Unterkiefer und das Kinn nach vorne zu positionieren. Dies würde die Lippen automatisch nach vorne bringen und ein harmonischeres, ausgeprägteres Profil schaffen.