Lektion 12: Skelettale Diagnostik III: Kieferbasen- und Kinnanalyse (Fazialebene nach Ricketts, Kinndicke)
A. Klinische Relevanz
Die grobe Einteilung in skelettale Klassen I, II und III durch SNA, SNB und ANB ist fundamental, reicht aber für eine detaillierte Behandlungsplanung oft nicht aus. Die Analyse der individuellen Kieferbasenform und der Kinnstruktur gibt tiefere Einblicke in das Wachstumsmuster und die Ästhetik des Patienten. Sie hilft dabei, das therapeutische Vorgehen zu verfeinern, z.B. bei der Entscheidung, ob eine Extraktionstherapie sinnvoll ist oder ob das Kinnprofil durch gezielte Zahnbewegungen verbessert werden kann. Die Fazialebene nach Ricketts ist hierfür ein zentrales Instrument.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Die Fazialebene (Facial Plane) nach Ricketts
-
Definition: Eine Linie, die vom Nasion (N) zum Pogonion (Pog) gezogen wird. Sie stellt eine stabile Referenz für die Beurteilung der Tiefe des mittleren Gesichtsdrittels und der Kinnprominenz dar.
-
Aussage: Sie teilt das Gesichtsprofil in einen Teil vor und einen Teil hinter dieser Linie und dient zur Beurteilung der Konvexität/Konkavität des Gesichtsprofils.
2. Wichtige Messungen und Konzepte im Ricketts-System
-
Konvexitätspunkt (Point A zur Fazialebene):
-
Messung: Der (senkrechte) Abstand des Punktes A zur Fazialebene (N-Pog).
-
Normwert: +2 mm ± 2 mm (Punkt A liegt also etwa 2 mm vor der Fazialebene).
-
Interpretation:
-
Stark positiv (> +4 mm): Stark konvexes Profil, typisch für eine skelettale Klasse II/1.
-
Negativ (< 0 mm): Konkaves Profil, typisch für eine skelettale Klasse III.
-
-
-
Unterlippen-Position (Lower Lip to E-Line):
-
Messung: Der Abstand der Unterlippe zur E-Line (Linie zwischen Nasenspitze, Pn, und Weichteil-Pogonion, Pog’).
-
Normwert: -2 mm ± 2 mm (Die Unterlippe liegt also etwa 2 mm hinter der E-Line).
-
Interpretation: Wichtig für die ästhetische Beurteilung und Planung der Frontzahnretrusion. Eine vorstehende Unterlippe (z.B. 0 mm oder positiv) ist oft unerwünscht.
-
-
Kinndicke (Chin Thickness):
-
Messung: Der horizontale Abstand zwischen dem knöchernen Pogonion (Pog) und dem Weichteil-Pogonion (Pog’).
-
Normwert: 10-12 mm.
-
Interpretation:
-
Vergrößert (>12 mm): Dickes, fleischiges Kinn. Eine Retraktion der Frontzähne wird das Profil weniger stark verändern.
-
Verkleinert (<10 mm): Dünnes, spitzes Kinn. Hier hat eine Retraktion der unteren Frontzähne einen starken Effekt und kann zu einer unerwünschten Profilverschlechterung (“eingekniffenes Kinn”) führen.
-
-
3. Das Konzept der “Höhe” des Punktes A
-
Aussage: Die vertikale Position des Punktes A beeinflusst die Lippenspannung und -form.
-
Tiefliegender Punkt A: Oft assoziiert mit einer kurzen, gespannten Oberlippe, die bei Retraktion der Frontzähne noch weiter nach innen rollen kann.
-
Hochliegender Punkt A: Oft assoziiert mit einer längeren, entspannteren Oberlippe.
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Fallbeispiel 1: Die 17-jährige Patientin mit protrusiver Front und schmalem Kinn
-
Szenario: Eine Patientin wünscht eine Korrektur ihrer “vorstehenden Zähne”. Die Zähne sind protrusiv, das Kinn wirkt schmal und zurückliegend. Die kephalometrische Analyse zeigt eine dentale Protrusion bei annähernd neutraler skeletaler Basis (ANB 1,5°).
-
Analyse: Die Ricketts-Analyse ergibt folgende kritische Werte:
-
Konvexität: Punkt A liegt +1 mm vor der Fazialebene (im unteren Normbereich).
-
Kinndicke: 8 mm (deutlich vermindert).
-
-
Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Die geringe Kinndicke ist der entscheidende Faktor. Eine klassische Therapie mit Extraktion von vier Prämolaren und starker Retraktion der Frontzähne würde das schmale Kinn noch betonen und das Profil “einfallen” lassen (das sogenannte “Dished-in Face” oder “Altersprofil”). Die bessere Therapieoption ist hier eine nicht-extraktionsbehandlung mit Stripping (Approximalschleifen) zur Schaffung von minimalem Platz und alleiniger Aufrichtung der Frontzähne. Alternativ kämen nur sehr zurückhaltende Extraktionen in Frage, um eine übermäßige Retraktion zu vermeiden.
Fallbeispiel 2: Der 15-jährige Patient mit Klasse II/1 und dickem Kinn
-
Szenario: Ein Junge mit ausgeprägter distalverzahnung, protrusiven Frontzähnen und einem kräftigen, fleischigen Kinn.
-
Analyse: Die Ricketts-Analyse zeigt:
-
Konvexität: Punkt A liegt +5 mm vor der Fazialebene (deutlich erhöht, konvexes Profil).
-
Kinndicke: 14 mm (deutlich vergrößert).
-
Unterlippe liegt +1 mm vor der E-Line.
-
-
Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Die starke Konvexität bestätigt den Behandlungsbedarf. Die große Kinndicke ist hier ein Vorteil. Sie erlaubt es, die Frontzähne deutlich zu retrahieren, ohne dass das Kinnprofil negativ beeinflusst wird. Das dicke Weichteilkissen puffert die Retraktion ab. Die Therapie der Wahl ist eine festsitzende Behandlung mit Extraktion der ersten Oberkiefer-Prämolaren, um Platz für die Retraktion der protrusiven Oberkieferfront zu schaffen. Das Ergebnis wird ein deutlich geraderes und ästhetischeres Profil sein.