Lektion 4: Die klinische Funktionsanalyse: Manuelle Untersuchung und pathologische Befunde (z.B. CMD)

A. Klinische Relevanz

 

Die Kieferorthopädie befasst sich nicht nur mit der statischen Position von Zähnen, sondern mit der Funktion des gesamten Kauorgans (stomatognathes System). Die klinische Funktionsanalyse ist ein unverzichtbarer Bestandteil der kieferorthopädischen Erstuntersuchung. Sie dient als Screening-Verfahren, um Störungen der Kaumuskulatur und der Kiefergelenke, zusammengefasst unter dem Begriff Kraniomandibuläre Dysfunktion (CMD), zu erkennen. Eine unentdeckte CMD kann durch eine kieferorthopädische Behandlung verschlimmert werden. Umgekehrt kann die Korrektur einer Dysgnathie eine bestehende CMD positiv beeinflussen. Die systematische Untersuchung ist daher entscheidend für eine sichere und verantwortungsvolle Behandlungsplanung.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Definition: Kraniomandibuläre Dysfunktion (CMD) CMD ist ein Sammelbegriff für eine Reihe von klinischen Problemen, die die Kaumuskulatur, die Kiefergelenke und assoziierte Strukturen betreffen. Die drei Kardinalsymptome sind:

  1. Schmerz (myofaszialer Muskelschmerz oder Gelenkschmerz).

  2. Kiefergelenkgeräusche (Knacken, Reiben).

  3. Eingeschränkte Unterkieferbeweglichkeit.

2. Der systematische Screening-Prozess

  • a) Anamnese:

    • Gezielte Fragen: “Haben Sie Schmerzen beim Kauen, Gähnen oder Mundöffnen?”, “Knackt oder reibt Ihr Kiefergelenk?”, “Bleibt der Kiefer manchmal hängen oder lässt sich nicht ganz öffnen?”, “Leiden Sie häufig an Kopf- oder Nackenschmerzen?”.

  • b) Inspektion der Kieferbewegung:

    • Beobachtung der Mundöffnung von frontal. Ist die Bewegung geradlinig oder weicht der Unterkiefer zur Seite ab (Deviation) oder schwenkt er am Ende zu einer Seite aus (Deflexion)?

  • c) Palpation (Abtasten):

    • Kaumuskulatur: Systematisches, beidseitiges Abtasten der wichtigsten Kaumuskeln mit festem Fingerdruck zur Provokation eines eventuellen Druckschmerzes. Untersucht werden insbesondere der M. masseter und der M. temporalis.

    • Kiefergelenke: Palpation der Gelenkpole von lateral (vor dem Tragus des Ohres) in Ruhe und während der Bewegung.

  • d) Auskultation (Abhören):

    • Lauschen auf Gelenkgeräusche während der Öffnungs- und Schließbewegung, ggf. mit einem Stethoskop.

  • e) Messung der Bewegungskapazität:

    • Maximale Mundöffnung: Messung des Schneidekantenabstands (Norm: ca. 40-55 mm).

    • Laterotrusion (Seitwärtsbewegung) und Protrusion (Vorschub): Messung der Auslenkung nach rechts, links und vorne (Norm: ca. 8-12 mm).

3. Interpretation pathologischer Befunde

  • Myofaszialer Schmerz: Ein Druckschmerz in der Muskulatur ist das häufigste Zeichen und deutet auf eine muskuläre Überlastung oder Parafunktion (Bruxismus) hin.

  • Kiefergelenkknacken (“Clicking”):

    • Ursache: Meist eine anteriore Diskusverlagerung mit Reposition. Der Gelenkknorpel (Diskus articularis) ist nach vorne verlagert. Bei der Mundöffnung “springt” der Gelenkkopf mit einem Klick-Geräusch wieder auf den Diskus.

    • Bedeutung: Ein isoliertes, schmerzfreies Knacken ist ein sehr häufiger Befund und oft nicht behandlungsbedürftig.

  • Kiefergelenkreiben (“Krepitus”):

    • Ursache: Ein knirschendes, sandartiges Reibegeräusch. Es ist ein Hinweis auf degenerative Veränderungen der Gelenkflächen (Arthrose). Dies ist ein prognostisch ernsterer Befund als ein einfaches Knacken.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Relevanz für die KFO-Planung: Die Ergebnisse der Funktionsanalyse fließen direkt in die Behandlungsplanung ein. Bei einem Patienten mit ausgeprägter muskulärer Symptomatik muss eventuell zunächst eine Schienentherapie zur Entspannung der Muskulatur erfolgen, bevor mit der eigentlichen KFO-Behandlung begonnen wird.

Fallbeispiel:

  • Szenario: Eine 15-jährige Patientin wird zur kieferorthopädischen Beratung vorgestellt.

  • Funktionsanalyse:

    • Anamnese: Die Patientin berichtet über ein gelegentliches, schmerzfreies “Knacken” im linken Kiefergelenk.

    • Untersuchung: Bei der Palpation während der Mundöffnung ist ein deutliches, reziprokes (bei Öffnung und Schließung) Knacken im linken Gelenk tastbar. Die Mundöffnung ist ansonsten frei, die Muskulatur ist nicht druckschmerzhaft.

  • Analyse: Das klinische Bild ist klassisch für eine stabile, anteriore Diskusverlagerung mit Reposition. Da keine Schmerzen oder Funktionseinschränkungen vorliegen, hat dieser Befund aktuell einen geringen Krankheitswert.

  • Klinische Konsequenz & Management:

    1. Diagnose & Dokumentation: Der Befund wird exakt in der Akte dokumentiert.

    2. Aufklärung: Der Patientin und den Eltern wird der Befund erklärt: “Das Gelenk-Köpfchen und die Knorpelscheibe sind nicht perfekt aufeinander abgestimmt, was dieses harmlose Knack-Geräusch verursacht. Solange es nicht schmerzt oder der Kiefer blockiert, müssen wir hier nichts unternehmen.”

    3. Behandlungsplanung: Die geplante kieferorthopädische Behandlung kann durchgeführt werden. Der Behandlungsplan wird jedoch so gestaltet, dass extreme Belastungen auf das linke Gelenk (z.B. durch aggressive Gummizüge) vermieden werden. Die Gelenksymptomatik wird während der gesamten Behandlung beobachtet.

  • Ergebnis: Durch die systematische Funktionsanalyse wurde ein vorbestehender Befund erkannt und dokumentiert. Dies schützt den Kieferorthopäden vor dem späteren Vorwurf, die Behandlung habe das “Knacken” verursacht, und ermöglicht eine risikoadaptierte Therapieplanung.