Lektion 13: Erkrankungen der Lunge (Asthma, COPD) – Management und Notfälle
A. Klinische Relevanz
Chronische Lungenerkrankungen wie Asthma bronchiale und COPD sind weit verbreitet. Für die zahnärztliche Praxis sind sie aus drei Gründen relevant: Die medikamentöse Dauertherapie hat spezifische orale Nebenwirkungen, die Lagerung des Patienten im Behandlungsstuhl kann problematisch sein, und vor allem kann der Stress einer zahnärztlichen Behandlung einen akuten Asthmaanfall auslösen. Jeder Zahnarzt muss die Anzeichen eines respiratorischen Notfalls erkennen und die korrekten Sofortmaßnahmen einleiten können.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Asthma bronchiale
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Definition: Eine chronisch-entzündliche Erkrankung der Atemwege, die durch eine bronchiale Hyperreagibilität und eine reversible Atemwegsobstruktion gekennzeichnet ist.
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Pathophysiologie: Ein Auslöser (Allergen, Stress, kalte Luft) führt zu einem Anfall mit drei Komponenten: Bronchospasmus (Verkrampfung der Atemwegsmuskulatur), Schleimhautödem und übermäßige Schleimproduktion.
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Medikamentöse Therapie:
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Bedarfsmedikation (“Reliever”): Kurz-wirksame Beta-2-Sympathomimetika (SABA) wie Salbutamol. Sie bewirken eine schnelle Bronchodilatation und sind das Notfallmedikament. Jeder Asthmatiker muss sein Notfallspray zum Zahnarzttermin mitbringen!
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Dauermedikation (“Controller”): Inhalative Kortikosteroide (ICS) sind die Basis der Langzeittherapie. Sie bekämpfen die zugrundeliegende Entzündung.
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Orale Nebenwirkungen von ICS: Das inhalierte Kortisonpulver lagert sich in der Mundhöhle ab und kann zu einer lokalen Immunsuppression führen. Die häufigste Folge ist die orale Candidose (Soor).
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Prävention: Die einfache Anweisung an den Patienten, den Mund nach jeder Anwendung des Kortison-Sprays mit Wasser auszuspülen oder die Zähne zu putzen.
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2. Chronisch-obstruktive Lungenerkrankung (COPD)
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Definition: Eine chronische, progrediente und weitgehend irreversible Atemwegsobstruktion. Hauptursache ist in >90% der Fälle das Rauchen.
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Zahnärztliche Relevanz:
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Lagerung: Patienten mit schwerer COPD tolerieren die flache Rückenlage oft schlecht (Orthopnoe). Die Behandlung muss in einer halb-aufrechten Position erfolgen.
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Sauerstoffsättigung: Bei langen oder invasiven Eingriffen kann die Überwachung mit einem Pulsoxymeter sinnvoll sein.
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Kofferdam: Kann für Patienten mit starker Dyspnoe und reiner Nasenatmung problematisch sein.
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3. Der Notfall: Der schwere Asthmaanfall
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Klinik: Plötzliche, schnell zunehmende Atemnot, ein pfeifendes Geräusch bei der Ausatmung (Giemen), Einsatz der Atemhilfsmuskulatur, Unruhe, Unfähigkeit, in ganzen Sätzen zu sprechen.
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Notfallmanagement:
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Behandlung sofort stoppen.
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Lagerung: Den Patienten aufrecht hinsetzen lassen, idealerweise mit aufgestützten Armen (“Kutschersitz”), um die Atemhilfsmuskulatur zu unterstützen.
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Medikation: Den Patienten anleiten und dabei unterstützen, 2-4 Hübe seines eigenen Notfallsprays (Salbutamol) zu inhalieren.
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Beruhigung: Panik verschlimmert den Anfall. Ruhig auf den Patienten einreden.
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Sauerstoffgabe über eine Maske.
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Notruf: Wenn sich die Symptomatik nach wenigen Minuten nicht deutlich bessert, sofort den Notruf (112) absetzen.
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C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Die Anamnese als Prävention:
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“Haben Sie Asthma?” -> Wenn ja: “Wie oft haben Sie Anfälle?”, “Was löst sie aus?”, “Welche Medikamente nehmen Sie?”, und die wichtigste Frage: “Haben Sie Ihr Notfallspray heute dabei?”
Fallbeispiel:
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Szenario: Ein 20-jähriger, bekannter Asthmatiker wird mit Ultraschall zahnärztlich gereinigt. Er wirkt zunehmend nervös. Plötzlich beginnt er zu husten und hörbar pfeifend zu atmen.
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Analyse: Die Kombination aus psychischem Stress und dem kalten Wasser-Aerosol des Ultraschallgeräts hat einen akuten Asthmaanfall ausgelöst.
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Klinische Konsequenz & Management:
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Stopp: Das Praxisteam stoppt die Behandlung sofort.
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Lagerung: Der Patient wird aufrecht im Stuhl positioniert.
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Medikation: Die Assistenz reicht dem Patienten sein eigenes, vor dem Termin bereitgelegtes Salbutamol-Spray. Der Patient inhaliert 2 Hübe.
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Beobachtung: Das Team beruhigt den Patienten. Innerhalb von 2-3 Minuten lässt die Atemnot nach und das Giemen wird leiser.
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Ergebnis: Durch die vorausschauende Anamnese (“Haben Sie Ihr Spray dabei?”) und das ruhige, korrekte Befolgen des Notfall-Algorithmus konnte der Zwischenfall schnell und sicher in der Praxis beherrscht werden. Die Behandlung wird an diesem Tag abgebrochen und ein neuer, kürzerer Termin unter stressärmeren Bedingungen (z.B. nur Handinstrumente) geplant.