Lektion 10: Die implantatgestützte Deckprothese (Overdenture) – Verankerung mit Locatoren und Stegen

A. Klinische Relevanz

 

Nicht jeder zahnlose Patient ist ein Kandidat für eine festsitzende “All-on-4”-Versorgung oder wünscht diese. Die implantatgestützte Deckprothese ist eine exzellente, weit verbreitete und oft patientenfreundlichere Alternative. Sie löst das Hauptproblem der konventionellen Totalprothese – den mangelnden Halt, insbesondere im Unterkiefer – durch die Verankerung auf wenigen, strategisch gesetzten Implantaten. Das Ergebnis ist eine dramatische Steigerung der Stabilität, der Kaufunktion und des Komforts. Dieses Konzept ist oft kostengünstiger, weniger invasiv und hygienischer als eine festsitzende Versorgung und stellt für viele geriatrische Patienten die Therapie der Wahl dar.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Konzept und Indikationen

  • Definition: Eine herausnehmbare Totalprothese, die ihren Halt und ihre Stabilität primär von einer Verankerung auf Implantaten erhält, aber weiterhin auch teilweise von der Schleimhaut getragen wird.

  • Hauptindikation: Der atrophierte zahnlose Unterkiefer. Bereits zwei Implantate in der Frontzahnregion können die Lebensqualität des Patienten transformieren.

  • Weitere Indikationen:

    • Wenn eine festsitzende Versorgung aus anatomischen (starker Knochenabbau) oder finanziellen Gründen nicht möglich ist.

    • Wenn eine bessere Hygienefähigkeit gewünscht ist (Patienten mit eingeschränkter Motorik).

    • Wenn eine ausgeprägte Lippenunterstützung durch den Prothesenschild zur Wiederherstellung der Gesichtästhetik notwendig ist.

2. Die Verankerungssysteme

  • a) Einzelknopf-Anker (z.B. Locatoren®):

    • Konzept: Das einfachste und am weitesten verbreitete System. Ein flacher, knopfähnlicher “männlicher” Teil (Locator-Abutment) wird in das Implantat geschraubt. Eine “weibliche” Matrize mit einem austauschbaren Kunststoff-Einsatz wird in die Prothesenbasis eingearbeitet.

    • Funktion: Die Prothese “klickt” auf die Abutments ein. Die Retention wird durch die Kunststoff-Einsätze erzeugt, die in verschiedenen Haltekräften verfügbar und bei Verschleiß einfach auszutauschen sind. Das System erlaubt eine gewisse Resilienz (leichte Rotationsbewegung).

    • Vorteile: Kostengünstig, sehr einfach für den Patienten zu handhaben, leicht zu warten, verzeiht leichte Angulations-Unterschiede der Implantate.

  • b) Steg-Konstruktion (Bar Attachments):

    • Konzept: Zwei oder mehr Implantate werden durch einen individuell gefrästen Metallsteg starr miteinander verbunden (primäre Verblockung).

    • Funktion: In die Prothese sind passende Reiter oder Klemmen (Matrizen) eingearbeitet, die auf dem Steg einrasten.

    • Vorteile: Bietet die höchste Stabilität und schient die Implantate, was bei ungünstiger Knochenqualität von Vorteil sein kann.

    • Nachteile: Technisch und finanziell deutlich aufwendiger. Erfordert mehr vertikalen Platz. Die Hygiene unter dem Steg ist für den Patienten anspruchsvoller.

3. Vergleich: Festsitzende Brücke vs. Deckprothese

Kriterium Festsitzende Brücke (z.B. All-on-4) Implantat-gestützte Deckprothese
Tragegefühl Wie eigene, feste Zähne Fester Halt, aber als herausnehmbar spürbar
Anzahl Implantate Mindestens 4 Oft nur 2 (im UK) bis 4
Kosten Hoch Moderat
Hygienefähigkeit Anspruchsvoll (Reinigung unter der Brücke mit Spezial-Zahnseide) Sehr einfach (Prothese wird zur Reinigung herausgenommen)
Lippenunterstützung Limitiert Exzellent durch den Prothesenschild

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Fallbeispiel: Der klassische zahnlose Unterkiefer

  • Szenario: Ein 72-jähriger Patient leidet seit Jahren unter seiner instabilen Unterkiefer-Totalprothese. Er kann nicht mehr richtig essen und ist sozial eingeschränkt. Der Kieferkamm ist stark abgebaut.

  • Analyse: Eine festsitzende Versorgung wäre extrem aufwendig und teuer. Das Hauptproblem des Patienten ist der fehlende Halt der Prothese.

  • Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Eine Implantat-gestützte Deckproprothese auf zwei Implantaten mit Locator-Verankerung. Dies ist der offizielle “Standard of Care” für diese Situation.

    1. Chirurgie: Zwei Implantate werden in der Position der ehemaligen Eckzähne inseriert, wo der Knochen meist am stabilsten ist.

    2. Einheilung & Freilegung: Nach der Osseointegration werden Locator-Abutments auf die Implantate geschraubt.

    3. Prothetik: Entweder wird die bestehende Prothese des Patienten umgearbeitet (unterfüttert und mit den Locator-Matrizen versehen) oder es wird eine neue Prothese angefertigt.

  • Ergebnis: Der Patient kann seine Prothese nun fest im Mund “einklicken”. Sie sitzt stabil, kippt nicht mehr und ermöglicht eine sichere Kaufunktion. Die Lebensqualität des Patienten wird durch einen relativ einfachen, minimalinvasiven und kosteneffizienten Eingriff dramatisch verbessert.