Lektion 6: Verschraubt versus zementiert – Ein systematischer Vergleich der Befestigungsmethoden
A. Klinische Relevanz
Die Art und Weise, wie die Krone auf dem Implantat befestigt wird, ist eine fundamentale prothetische Entscheidung mit weitreichenden Konsequenzen für die Ästhetik, die langfristige Wartbarkeit und vor allem die biologische Gesundheit des peri-implantären Gewebes. Es gibt zwei grundlegende Philosophien: die zementierte und die verschraubte Versorgung. Beide haben klare Vor- und Nachteile. Das Verständnis dieser Unterschiede ist entscheidend, um für jede klinische Situation die sicherste und prognostisch beste Lösung auszuwählen und Komplikationen wie die zement-induzierte Peri-implantitis zu vermeiden.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Die verschraubte Versorgung (Screw-Retained)
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Konzept: Die Krone und das Abutment sind eine Einheit. Eine Halteschraube (Abutmentschraube) wird durch eine Öffnung in der Krone (den Schraubenkanal) geführt und befestigt die gesamte Restauration direkt auf dem Implantat. Der Schraubenkanal wird anschließend mit Komposit verschlossen.
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Vorteile:
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Reversibilität / Wartbarkeit: Dies ist der überragende Vorteil. Die Krone kann jederzeit einfach und zerstörungsfrei durch Entfernen der Füllung und Lösen der Schraube abgenommen werden. Dies ist ideal für die Reinigung, zur Reparatur von Keramik-Abplatzungen oder zum Nachziehen einer gelockerten Schraube.
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Biologische Sicherheit: Es wird kein Zement verwendet. Das Risiko von subgingivalen Zementresten, einer Hauptursache für Peri-implantitis, ist somit eliminiert.
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Nachteile:
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Ästhetik: Der Schraubenkanal auf der Kau- oder Palatinalfläche kann als ästhetischer Kompromiss empfunden werden.
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Anspruch an die Implantatposition: Erfordert eine präzise, prothetisch orientierte Implantatposition, damit der Schraubenkanal nicht an einer ästhetisch oder funktionell störenden Stelle austritt.
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2. Die zementierte Versorgung (Cement-Retained)
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Konzept: Zuerst wird ein separates Abutment auf das Implantat geschraubt. Darauf wird dann die Krone wie auf einen natürlichen Zahnstumpf mit Zement befestigt.
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Vorteile:
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Exzellente Ästhetik: Die Krone ist eine monolithische Einheit ohne Schraubenkanal.
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Ausgleich von Ungenauigkeiten: Leichte Passungsungenauigkeiten können durch den Zementspalt ausgeglichen werden.
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Einfacher, gewohnter Workflow: Der Prozess ähnelt der konventionellen Kronentechnik.
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Nachteile:
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Das Zement-Risiko (Hauptnachteil): Die vollständige Entfernung von Zementüberschüssen aus dem peri-implantären Sulkus (der tief sein kann) ist extrem schwierig und oft unmöglich.
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Peri-implantitis: Verbliebene Zementreste wirken als Fremdkörper, fördern die Plaque-Akkumulation und führen mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer chronischen Entzündung und Knochenabbau (Peri-implantitis).
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Irreversibilität: Die Krone kann nicht zerstörungsfrei entfernt werden. Bei einer Komplikation (z.B. gelockerte Abutmentschraube) muss die Krone aufgeschnitten und zerstört werden.
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3. Zusammenfassender Vergleich und moderner Konsens
Der moderne Konsens hat sich aufgrund des hohen Risikos der zement-induzierten Peri-implantitis klar zugunsten der verschraubten Versorgung verschoben, wann immer diese prothetisch und ästhetisch sinnvoll umsetzbar ist.
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Die Bedeutung des “Backward-Plannings”: Eine gute prothetische Vorplanung ist der Schlüssel zur Ermöglichung einer verschraubten Krone. Wenn das Implantat ideal positioniert wird, liegt der Schraubenkanal an einer unproblematischen Stelle (z.B. in der Fissur eines Molaren oder im Cingulum eines Frontzahnes).
Fallbeispiel: Einzelkrone auf einem Molaren
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Szenario: Ein Patient soll eine Krone auf einem Implantat an Position 46 erhalten. Das Implantat wurde ideal zentrisch platziert.
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Analyse: Im nicht-sichtbaren Seitenzahnbereich hat die Reversibilität und biologische Sicherheit die höchste Priorität. Ein Schraubenkanal in der zentralen Fissur ist ästhetisch völlig unproblematisch.
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Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Eine direkt verschraubte, monolithische Zirkonoxid-Krone auf einer Titanbasis (Ti-Base).
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Herstellung: Die Krone mit Schraubenkanal wird im Labor gefertigt.
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Eingliederung: Die Krone wird direkt auf das Implantat gesetzt und die Halteschraube mit einem Drehmomentschlüssel auf den vom Hersteller vorgegebenen Wert angezogen.
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Verschluss: Der Schraubenkanal wird mit Teflonband abgedeckt und mit einer kleinen Kompositfüllung versiegelt.
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Ergebnis: Der Patient erhält eine langlebige und biologisch sichere Versorgung. Bei zukünftigen Komplikationen kann die Krone einfach abgenommen, das Problem behoben und die Krone wieder eingesetzt werden. Das Risiko einer Peri-implantitis durch Zementreste wurde vollständig eliminiert.