Lektion 5: Die implantatgetragene Einzelkrone – Abutment-Auswahl und Materialien

A. Klinische Relevanz

 

Die implantatgetragene Einzelkrone ist die häufigste implantatprothetische Versorgung und der moderne Goldstandard zum Ersatz eines einzelnen fehlenden Zahnes. Der klinische Erfolg dieser Versorgung hängt entscheidend von der korrekten Auswahl des Abutments ab. Das Abutment ist die kritische Schnittstelle zwischen dem im Knochen verankerten Implantat und der sichtbaren Krone. Die Wahl des richtigen Abutments beeinflusst maßgeblich die Ästhetik, die Hygienefähigkeit und die biomechanische Langlebigkeit der gesamten Restauration. Diese Lektion vermittelt das Wissen zur differenzierten Auswahl der prothetischen Komponenten.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Die Implantat-Abutment-Verbindung Moderne Implantatsysteme sind zweiteilig, um eine größere prothetische Flexibilität zu ermöglichen. Die Verbindung zwischen Implantat und Abutment ist eine hochpräzise mechanische Schnittstelle.

  • Interner Konus / Sechskant: Der heutige Standard. Die Verbindung liegt im Inneren des Implantats. Dies bietet eine hohe Stabilität gegen Rotations- und Kippkräfte und eine gute Abdichtung gegen Bakterien (“Platform Switching”).

  • Externer Sechskant: Ein älteres Design, bei dem das Verbindungselement auf dem Implantat aufliegt. Gilt als mechanisch und biologisch unterlegen.

2. Die Auswahl des Abutments: Standard vs. Individuell Die Wahl des Abutments ist eine der wichtigsten prothetischen Entscheidungen.

  • a) Standard-Abutments (konfektioniert):

    • Definition: Industriell vorgefertigte Abutments aus Titan oder Zirkonoxid, die in verschiedenen Durchmessern, Höhen und Winkelungen vom Hersteller angeboten werden.

    • Vorteile: Kostengünstiger, hohe industrielle Präzision der Implantatverbindung.

    • Nachteile: Wenig individuell. Der Kronenrand ergibt sich aus der Position des Standard-Abutments. Liegt das Implantat tief, kann der Zementierungsrand weit unter dem Zahnfleisch liegen, was die Entfernung von Zementüberschüssen extrem erschwert und das Risiko für Periimplantitis erhöht.

  • b) Individuelle Abutments (CAD/CAM):

    • Definition: Einzigartige, für den spezifischen Patienten im zahntechnischen Labor (mittels CAD/CAM-Technologie) hergestellte Abutments.

    • Vorteile:

      • Optimale Randgestaltung: Der Kronenrand kann exakt auf das Niveau der Gingiva (isogingival) oder minimal darunter gelegt werden. Dies ermöglicht eine perfekte Kontrolle und Entfernung von Zementüberschüssen.

      • Anatomisches Emergenzprofil: Das Abutment kann so geformt werden, dass es das Weichgewebe anatomisch korrekt ausformt und die Krone wie ein natürlicher Zahn aus dem Zahnfleisch “herauszuwachsen” scheint.

      • Ausgleich von Angulationen: Ungünstige Implantat-Angulationen können korrigiert werden.

    • Materialien: Titan, Zirkonoxid oder Hybrid-Abutments (eine Titanklebebasis, auf die ein Zirkonoxid-Aufbau geklebt wird, “Ti-Base”).

    • Fazit: Insbesondere in der ästhetischen Zone sind individuelle Abutments der Goldstandard.

3. Materialien für die Krone (Suprakonstruktion)

  • Vollkeramik: Das Material der ersten Wahl für implantatgetragene Einzelkronen.

    • Lithium-Disilikat (z.B. e.max): Ideal für den Frontzahnbereich aufgrund der exzellenten Ästhetik.

    • Zirkonoxid: Ideal für den Seitenzahnbereich aufgrund der extrem hohen Stabilität.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Die prothetische Entscheidungsfindung:

  • Seitenzahn, unkomplizierte Situation: Oft ist ein Titan-Standard-Abutment mit einer monolithischen Zirkonoxid-Krone eine sehr langlebige und effiziente Lösung.

  • Frontzahn, hohe ästhetische Ansprüche: Eine Kombination aus einem individuellen Zirkonoxid-Abutment und einer Lithium-Disilikat-Krone ist die Versorgung der Wahl.

Fallbeispiel: Einzelzahnimplantat in der Front

  • Szenario: Ein Patient soll nach Verlust von Zahn 11 eine Implantatkrone erhalten. Die ästhetischen Erwartungen sind maximal.

  • Analyse: Im hochästhetischen Frontzahnbereich ist die Gestaltung des Weichgewebes und die Vermeidung von dunklen, durchscheinenden Materialien entscheidend. Ein gräuliches Titan-Abutment könnte durch die dünne Gingiva oder die transluzente Keramikkrone schimmern und ein unnatürliches, “totes” Aussehen verursachen.

  • Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl:

    1. Abutment: Es wird ein individuelles Abutment aus Zirkonoxid auf einer Titanbasis (Ti-Base) gewählt. Das weiße Zirkonoxid unterstützt die natürliche Farbe der Gingiva und der Krone. Das Abutment wird digital so designt, dass es ein perfektes Emergenzprofil formt.

    2. Krone: Als Suprakonstruktion wird eine Vollkeramik-Krone aus Lithium-Disilikat (e.max) gewählt, da dieses Material die optischen Eigenschaften (Transluzenz, Opaleszenz) des natürlichen Nachbarzahnes 21 am besten imitieren kann.

    3. Befestigung: Die Krone wird auf dem Abutment adhäsiv zementiert.

  • Ergebnis: Durch die sorgfältige, materialgerechte Auswahl der Komponenten (zahnfarbenes individuelles Abutment + hochästhetische Keramikkrone) wird ein Ergebnis erzielt, das von den natürlichen Nachbarzähnen nicht zu unterscheiden ist.