Lektion 4: Abformtechniken in der Implantatprothetik (Offener vs. geschlossener Löffel)

A. Klinische Relevanz

 

Die Abformung in der Implantatprothetik hat eine ungleich höhere Anforderung an die Präzision als bei natürlichen Zähnen. Während ein natürlicher Zahn eine minimale Eigenbeweglichkeit im Desmodont aufweist, die kleine Ungenauigkeiten kompensieren kann, ist ein osseointegriertes Implantat starr im Knochen verankert. Eine unpräzise Abformung führt zu einer Suprakonstruktion mit Spannungen, die sich direkt und schädigend auf den Knochen und die Implantat-Komponenten auswirken. Die Beherrschung der spezifischen Abformtechniken ist daher der Schlüssel zu einem passiven, spannungsfreien Sitz der finalen Restauration und somit entscheidend für den biomechanischen Langzeiterfolg.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Das Ziel: Exakte Übertragung der Implantatposition Die Abformung muss die exakte dreidimensionale Position (x, y, z-Achse) und die rotatorische Ausrichtung (Indexierung) des Implantatanschlusses vom Mund auf das Labormodell übertragen. Dies geschieht mithilfe spezieller Abformpfosten.

2. Die Komponenten

  • Abformpfosten (Impression Coping): Ein hochpräzises Bauteil, das auf das Implantat im Mund geschraubt wird und im Abformmaterial erfasst wird.

  • Implantat-Analog (Laborimplantat): Eine exakte Kopie des Implantatanschlusses. Der Abformpfosten wird nach der Abformung mit dem Analog verschraubt und das Ganze in die Abformung reponiert, bevor das Gipsmodell ausgegossen wird.

3. Die konventionellen Abformtechniken im Vergleich

Technik Offener Löffel (Pick-up) Geschlossener Löffel (Transfer)
Konzept Der Abformpfosten wird im Abdruck “mitgenommen” (picked up). Die Position des Pfostens wird in den Abdruck “übertragen” (transferred).
Abformpfosten Lang, kantig/untersichgehend, mit einer langen Halteschraube. Kurz, konisch oder zylindrisch, oft mit einer aufklickbaren Kappe.
Löffel Individueller Löffel mit einer Öffnung über dem Abformpfosten. Konfektioneller, geschlossener Löffel.
Vorgehen 1. Pfosten verschrauben. 2. Abformen (Schraube ragt durch Öffnung). 3. Schraube lösen. 4. Löffel mit dem darin festsitzenden Pfosten entfernen. 1. Pfosten verschrauben. 2. Abformen. 3. Löffel entfernen (Pfosten bleibt im Mund). 4. Pfosten aus dem Mund entfernen und außerhalb des Mundes wieder in den Abdruck reponieren.
Vorteile Höchste Präzision. Gilt als Goldstandard, insbesondere bei mehreren oder stark angulierten Implantaten. Einfacher und schneller. Besser bei eingeschränkter Mundöffnung.
Nachteile Aufwendiger (individueller Löffel). Geringere Präzision, Risiko des fehlerhaften Reponierens des Pfostens in den Abdruck.

4. Die digitale Abformung mit dem Intraoralscanner

  • Konzept: Ersetzt die konventionelle Abformung.

  • Komponenten: Spezielle, geometrisch exakt definierte Scanbodies werden auf die Implantate geschraubt.

  • Vorgehen: Der Intraoralscanner erfasst die Position der Nachbarzähne und die exakte Position und Ausrichtung des Scanbodies. Die Software erkennt den Scanbody und ersetzt ihn im digitalen Modell automatisch durch das virtuelle Implantat-Analog.

  • Bewertung: Bei Einzelzahnlücken und kurzen Brücken ist der digitale Workflow heute oft präziser und effizienter. Bei komplexen, kieferumspannenden Versorgungen kann die konventionelle Technik noch Vorteile haben.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Die klinische Entscheidung: Offen vs. Geschlossen

  • Einzelimplantat: Beide Techniken sind möglich. Die geschlossene Technik ist oft ausreichend und einfacher.

  • Mehrere Implantate (Brücken, Stege): Die offene Löffeltechnik ist obligatorisch. Nur sie gewährleistet die notwendige Präzision, um einen absolut spannungsfreien Sitz der starren Suprakonstruktion zu sichern.

  • Stark angulierte Implantate: Die offene Löffeltechnik ist zwingend erforderlich, da ein Abformpfosten für den geschlossenen Löffel nicht ohne Verzug aus der Abformung entfernt werden könnte.

Fallbeispiel: Abformung für eine Implantatbrücke

  • Szenario: Ein Patient soll auf zwei Implantaten an den Positionen 14 und 16 eine dreigliedrige, verschraubte Brücke erhalten.

  • Analyse: Es handelt sich um eine mehrgliedrige, starre Versorgung. Ein spannungsfreier Sitz (“passive fit”) ist für den Langzeiterfolg der Implantate absolut entscheidend. Jede Ungenauigkeit würde permanente Spannung auf die Implantate und den Knochen ausüben.

  • Klinische Konsequenz & Technik der Wahl: Die offene Löffeltechnik.

    1. Vorbereitung: Abformpfosten für den offenen Löffel werden auf die Implantate geschraubt. Ein individueller Löffel mit Öffnungen im Bereich der Pfostenschrauben wird angefertigt und anprobiert.

    2. Abformung: Nach dem Umspritzen der Pfosten wird der Löffel mit Abformmasse platziert. Die Halteschrauben ragen durch die Öffnungen heraus.

    3. Entnahme: Nach dem Aushärten des Materials werden die Halteschrauben durch die Öffnungen gelöst. Der Löffel wird abgenommen. Die Abformpfosten bleiben dabei unbeweglich und präzise im Abformmaterial fixiert.

  • Ergebnis: Das Labor erhält eine hochpräzise Meisterabformung, die die exakte räumliche Beziehung der beiden Implantate zueinander wiedergibt. Auf dieser Grundlage kann ein Brückengerüst gefertigt werden, das absolut passiv und spannungsfrei auf den Implantaten sitzt.