Lektion 7: Nicht-neoplastische Erkrankungen – Sialolithiasis (Speichelsteine) und Sialadenitis (Entzündungen)
A. Klinische Relevanz
Schmerzhafte Schwellungen im Wangen-, Kieferwinkel- oder Mundbodenbereich gehören zu den häufigen Beratungsanlässen in der zahnärztlichen Praxis. Die entscheidende diagnostische Aufgabe ist die Differenzierung zwischen einer odontogenen (vom Zahn ausgehenden) Ursache und einer primären Erkrankung der großen Speicheldrüsen. Die häufigsten nicht-tumorösen Erkrankungen sind die obstruktive Sialadenitis durch Speichelsteine und die infektiöse Sialadenitis. Das Erkennen ihrer typischen, oft pathognomonischen Symptome ist entscheidend für die korrekte Diagnose und die gezielte Überweisung an den HNO-Arzt oder MKG-Chirurgen.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Sialolithiasis (Speichelsteinleiden) – Die Obstruktion
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Pathogenese: Die Bildung von Konkrementen (Sialolithen) aus Kalziumsalzen in den Ausführungsgängen der Speicheldrüsen. Dies führt zu einem Speichelstau (Sialostase).
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Lokalisation: Ca. 80% der Fälle betreffen die Glandula submandibularis.
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Gründe: Ihr Ausführungsgang (Ductus Whartonianus) ist lang und hat einen gekrümmten, ansteigenden Verlauf (gegen die Schwerkraft). Ihr Speichel ist zudem muköser (zäher) und hat eine höhere Kalziumkonzentration.
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Klinik – das Leitsymptom: Die “Speichelkolik”. Eine plötzlich einsetzende, schmerzhafte und pralle Schwellung der Drüse, die typischerweise in Verbindung mit Mahlzeiten (oder sogar dem Gedanken/Geruch von Essen) auftritt. Der Schmerz entsteht durch den Druck der gestauten Speichelflüssigkeit.
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Diagnostik aus HNO-Sicht:
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Palpation: Oft kann der Stein im Mundboden direkt ertastet werden.
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Sonographie (Ultraschall): Die diagnostische Methode der ersten Wahl. Stellt den Stein und den dahinter aufgestauten Gang dar.
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Sialendoskopie: Eine moderne, minimalinvasive Methode, bei der ein Mikro-Endoskop in den Drüsengang eingeführt wird, um den Stein direkt zu visualisieren und ggf. zu entfernen.
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2. Sialadenitis – Die Infektion
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Akute bakterielle Sialadenitis:
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Pathogenese: Meist eine aufsteigende Infektion aus der Mundhöhle, begünstigt durch eine Sialostase (Speichelstau).
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Risikofaktoren: Dehydration, schlechter Allgemeinzustand, Mundtrockenheit.
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Klinik: Akute, sehr schmerzhafte, diffuse Schwellung der gesamten Drüse. Die Haut darüber ist oft gerötet und erwärmt. Charakteristisch ist der eitrige Ausfluss aus dem Mündungspunkt des Ausführungsganges bei sanftem Massieren der Drüse.
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Akute virale Sialadenitis (Mumps):
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Erreger: Mumpsvirus.
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Klinik: Typischerweise eine schmerzhafte, beidseitige Schwellung der Ohrspeicheldrüsen (Glandula parotis). Dank der MMR-Impfung heute selten.
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C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Differenzialdiagnose einer Schwellung: Eine Schwellung im Kieferwinkel kann ein dentaler Abszess, eine Parotitis (Entzündung der Ohrspeicheldrüse) oder ein Parotistumor sein. Eine Schwellung im Mundboden kann ein sublingualer Abszess, eine Sialadenitis der Glandula submandibularis oder ein Speichelstein sein. Die gezielte Anamnese (Mahlzeitenabhängigkeit?) und die zahnärztliche Untersuchung (Vitalität der Zähne, Palpation, Eiteraustritt aus dem Gang) sind entscheidend.
Therapie:
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Sialolithiasis: Anregung des Speichelflusses (Sialagoga wie saure Bonbons), Massage, Flüssigkeit. Bei Persistenz die chirurgische Entfernung des Steins (Gangschlitzung) oder die endoskopische Entfernung.
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Akute bakterielle Sialadenitis: Antibiotika, Flüssigkeitszufuhr, Kühlung und Sialagoga.
Fallbeispiel:
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Szenario: Ein 45-jähriger Patient berichtet über eine seit dem Vortag bestehende, schmerzhafte Schwellung unter dem Kiefer rechts, die beim Abendessen plötzlich “extrem dick” wurde.
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Zahnärztliche Untersuchung: Der Zahnarzt führt eine vollständige Untersuchung durch. Alle Zähne im rechten Unterkiefer sind vital, kariesfrei, nicht perkussionsempfindlich und parodontal gesund. Es findet sich keinerlei odontogene Ursache. Bei der Palpation des Mundbodens lässt sich ein ca. 4 mm großer, harter, beweglicher “Knubbel” im Verlauf des rechten Ductus Whartonianus tasten.
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Analyse: Die Mahlzeiten-Assoziation der Schwellung ist der entscheidende anamnestische Hinweis. Der palpatorische Befund untermauert den Verdacht. Die Diagnose ist mit hoher Sicherheit eine Sialolithiasis der Glandula submandibularis rechts.
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Klinische Konsequenz:
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Aufklärung: Dem Patienten wird der Verdacht auf einen Speichelstein erklärt.
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Überweisung: Der Patient wird zur weiteren Diagnostik (Sonographie) und Therapie an einen HNO-Arzt oder MKG-Chirurgen überwiesen.
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Ergebnis: Die Fähigkeit des Zahnarztes, eine odontogene von einer nicht-odontogenen Ursache einer Schwellung zu unterscheiden, war entscheidend für die korrekte und schnelle Überweisung an die zuständige Fachdisziplin.