Lektion 6: Komplikationen von Sinusitiden und die Bedeutung der Nasenatmung

A. Klinische Relevanz

 

Während eine unkomplizierte Sinusitis eine häufige und gut behandelbare Erkrankung ist, können in seltenen Fällen schwere, sogar lebensbedrohliche Komplikationen auftreten, wenn die Infektion die knöchernen Grenzen der Nasennebenhöhlen durchbricht. Der Zahnarzt muss die “Red Flags” (Warnzeichen) dieser Komplikationen kennen, um einen Patienten umgehend notfallmäßig zu überweisen. Unabhängig davon ist die physiologische Nasenatmung von fundamentaler Bedeutung für die orale und allgemeine Gesundheit. Eine chronisch behinderte Nasenatmung führt zu einem charakteristischen oralen Erscheinungsbild und kann bei Kindern die gesamte Kiefer- und Gesichtsentwicklung negativ beeinflussen.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Komplikationen der Sinusitis (selten, aber gefährlich) Die Infektion kann auf benachbarte Strukturen übergreifen.

  • a) Orbitale Komplikationen (Ausbreitung in die Augenhöhle):

    • Anatomie: Die knöcherne Wand zwischen den Siebbeinzellen/der Kieferhöhle und der Augenhöhle ist hauchdünn.

    • Klinik (eskalierend):

      • Lidödem: Eine entzündliche Schwellung der Augenlider.

      • Orbitalphlegmone: Eine diffuse Entzündung des Augenhöhlen-Inhalts. Führt zu Schmerzen bei Augenbewegung und Bewegungseinschränkung.

      • Orbitalabszess: Eine Eiteransammlung in der Augenhöhle. Führt zum Hervortreten des Augapfels (Proptosis), Doppelbildern und potenziell zum Visusverlust.

    • Management: Jede Schwellung oder Rötung am Auge im Zusammenhang mit einer Sinusitis ist ein Notfall, der eine sofortige HNO-ärztliche oder augenärztliche Abklärung erfordert.

  • b) Intrakranielle Komplikationen (Ausbreitung ins Gehirn):

    • Mechanismus: Direkter Durchbruch (z.B. aus der Stirnhöhle) oder fortgeleitet über venöse Blutleiter.

    • Folgen: Meningitis, Hirnabszess. Lebensbedrohlich.

2. Die Bedeutung der physiologischen Nasenatmung Die Nase ist nicht nur ein “Loch”, sondern ein hochfunktionelles Organ.

  • Funktionen:

    • Filterung: Entfernung von Staub und Partikeln.

    • Anwärmung & Befeuchtung: Die Luft wird auf Körpertemperatur erwärmt und zu 100% befeuchtet, bevor sie die Lunge erreicht.

    • Immunabwehr: Die Nasenschleimhaut hat eine wichtige Abwehrfunktion.

  • Die Folgen der chronisch behinderten Nasenatmung (Mundatmung):

    • Ursachen: Chronische Sinusitis/Rhinitis, Allergien, vergrößerte Rachenmandeln (“Polypen” / adenoide Vegetationen) bei Kindern, Septumdeviation.

    • Orale Konsequenzen:

      • Xerostomie: Die ständige Mundatmung trocknet die Mundschleimhaut aus.

      • Erhöhtes Kariesrisiko: Der protektive Effekt des Speichels fehlt.

      • “Gingivitis marginalis anterior”: Eine charakteristische, leuchtend rote Entzündung der Gingiva nur im Bereich der Oberkiefer-Frontzähne, die permanent der austrocknenden Luft ausgesetzt sind.

      • Entwicklungsstörungen bei Kindern (“Adenoides Gesicht”): Die chronische Mundatmung im Kindesalter stört das muskuläre Gleichgewicht im Gesicht. Die Zunge liegt tief, anstatt am Gaumen. Dies führt zu einem charakteristischen Fehlwachstum: Schmalkiefer im Oberkiefer, hoher “gotischer” Gaumen, posteriorer Kreuzbiss, langer und schmaler Gesichtstyp, offene Mundhaltung.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

“Red Flags” für eine komplizierte Sinusitis, die eine Notfall-Überweisung erfordern:

  • Jede Schwellung, Rötung oder Schmerz im Bereich des Auges.

  • Doppelbilder oder Sehstörungen.

  • Starke, therapieresistente Kopfschmerzen.

  • Anzeichen einer neurologischen Störung (z.B. Verwirrtheit, Nackensteifigkeit).

Fallbeispiel: Der Mundatmer in der Kieferorthopädie

  • Szenario: Ein 9-jähriger Junge wird wegen eines ausgeprägten seitlichen Kreuzbisses und Platzmangels vorgestellt. Klinisch fallen eine ständige offene Mundhaltung, dunkle Augenringe und eine schlaffe Gesichtsmuskulatur auf. Die Mutter berichtet, dass er nachts laut schnarcht.

  • Analyse:

    • Kieferorthopädischer Befund: Der Schmalkiefer (Kreuzbiss) ist wahrscheinlich nicht die Ursache, sondern die Folge eines zugrundeliegenden Problems.

    • Klinische Zeichen: Die offene Mundhaltung, das Schnarchen und das typische “adenoide Gesicht” sind klassische Anzeichen für eine chronisch behinderte Nasenatmung, am wahrscheinlichsten durch vergrößerte Rachenmandeln (adenoide Hyperplasie).

  • Fehlerhaftes Vorgehen: Der Kieferorthopäde beginnt sofort mit einer Gaumennahterweiterung, um den Kiefer zu dehnen.

  • Korrekter interdisziplinärer Ansatz:

    1. Verdachtsdiagnose: Der Zahnarzt/Kieferorthopäde erkennt die HNO-ärztliche Problematik als wahrscheinliche Ursache des kieferorthopädischen Problems.

    2. Überweisung: Der erste Schritt ist die Überweisung an einen HNO-Arzt zur Abklärung der Nasenatmung.

    3. HNO-Therapie: Der HNO-Arzt diagnostiziert massive adenoide Vegetationen und entfernt diese chirurgisch (Adenotomie).

    4. Kieferorthopädische Therapie: Nachdem die freie Nasenatmung wiederhergestellt ist, wird mit der kieferorthopädischen Behandlung (Gaumennahterweiterung) begonnen.

  • Ergebnis: Durch die Beseitigung der Ursache (Atmungsstörung) kann sich das muskuläre Gleichgewicht normalisieren und die kieferorthopädische Behandlung hat eine stabile Langzeitprognose. Eine rein kieferorthopädische Behandlung ohne HNO-Abklärung wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit rezidiviert.