Lektion 5: Die Mund-Antrum-Verbindung (MAV) – Prävention, Diagnostik und Management
A. Klinische Relevanz
Die Mund-Antrum-Verbindung (MAV), auch oroantrale Kommunikation genannt, ist die häufigste chirurgische Komplikation bei Eingriffen im Oberkiefer-Seitenzahnbereich. Es handelt sich um eine iatrogen geschaffene, unphysiologische Verbindung zwischen der sterilen Kieferhöhle und der unsterilen, bakteriell besiedelten Mundhöhle. Das sofortige Erkennen und der adäquate, unmittelbare Verschluss einer MAV sind entscheidend, um die Entwicklung einer chronischen Kieferhöhlenentzündung (Sinusitis maxillaris) zu verhindern. Jeder Zahnarzt, der Oberkiefer-Seitenzähne extrahiert, muss in der Lage sein, eine MAV sicher zu diagnostizieren und die Prinzipien ihres Managements zu beherrschen.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Ätiologie und Risikofaktoren
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Hauptursache: Die Extraktion eines Oberkiefer-Molaren oder -Prämolaren (~90% der Fälle). Durch die enge anatomische Beziehung wird der knöcherne Kieferhöhlenboden, der an der Wurzel anhaftet, mit extrahiert.
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Weitere Ursachen: Wurzelspitzenresektionen, Implantatbohrungen, Zystektomien oder Traumata im Oberkiefer.
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Risikofaktoren: Eine große, weit ausgedehnte (pneumatisierte) Kieferhöhle, lange, gespreizte Wurzeln oder eine bereits bestehende periapikale Läsion, die den Kieferhöhlenboden bereits arrodiert hat.
2. Unmittelbare Diagnostik am Behandlungsstuhl Besteht nach einer Extraktion der Verdacht auf eine MAV, muss dies sofort verifiziert werden.
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Inspektion: Manchmal ist ein Defekt am Alveolenboden direkt sichtbar.
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Der Nasen-Blas-Versuch: Der diagnostische Goldstandard.
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Vorgehen: Der Patient wird aufgefordert, bei zugehaltener Nase vorsichtig und mit wenig Druck Luft durch die Nase zu pressen (wie bei einem leichten Druckausgleich).
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Positives Zeichen: Ein hörbares Pfeifen oder das Austreten von Luftbläschen aus der Alveole bestätigt die offene Verbindung.
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Wichtig: Der Versuch sollte nur einmal und mit minimalem Druck durchgeführt werden, um eine Kontamination der Kieferhöhle mit Mundkeimen zu vermeiden.
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3. Das therapeutische Management: Der sofortige plastische Verschluss Eine MAV, die beim Nasen-Blas-Versuch positiv ist, muss sofort und definitiv chirurgisch verschlossen werden. Ein Abwarten führt zur Epithelialisierung des Defekts und zur Entstehung einer chronischen oroantralen Fistel.
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Die Standardtechnik: Der bukkale Verschiebelappen (nach Rehrmann)
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Lappendesign: Bildung eines trapezförmigen Mukoperiostlappens an der bukkalen Seite der Alveole. Die Basis des Lappens muss breit sein, um die Blutversorgung zu sichern.
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Knochenglättung: Scharfe Kanten der Alveole werden vorsichtig geglättet.
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Periostschlitzung (entscheidender Schritt): An der Basis des Lappens wird das Periost (die Knochenhaut) horizontal mit einer Schere oder einem Skalpell durchtrennt. Dies durchtrennt die elastischen Fasern und macht den Lappen dehnbar und frei mobilisierbar.
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Spannungsfreier Wundverschluss: Der mobilisierte Lappen wird nun spannungsfrei über die Alveole gezogen und mit Nähten dicht an der palatinalen Schleimhaut fixiert.
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Postoperative Anweisungen (essentiell für den Erfolg):
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Absolutes Schneuzverbot für 10-14 Tage. Niesen nur mit offenem Mund, um einen Druckaufbau zu vermeiden.
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Antibiotische Abschirmung (z.B. mit Amoxicillin für 7 Tage) zur Prävention einer Sinusitis.
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Abschwellende Nasentropfen/-sprays, um das Ostium der Kieferhöhle offenzuhalten und eine Drainage zu ermöglichen.
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C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Prävention als beste Strategie:
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Sorgfältige Röntgenanalyse vor der Extraktion, um das Risiko abzuschätzen.
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Bei hohem Risiko den Patienten vorab aufklären.
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Atraumatische Extraktionstechnik, ggf. durch chirurgische Zahn-Separierung.
Fallbeispiel: Die MAV während der Extraktion
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Szenario: Während der Extraktion von Zahn 26 bricht die bukkale Alveolenwand und ein Stück des Kieferhöhlenbodens kommt mit dem Zahn heraus.
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Analyse: Dies ist eine eindeutige MAV.
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Klinische Konsequenz & sofortiges Management:
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Diagnostik: Ein sanfter Nasen-Blas-Versuch bestätigt die Perforation.
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Aufklärung: Der Patient wird sofort über die entstandene Komplikation und die Notwendigkeit des sofortigen Verschlusses informiert.
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Chirurgischer Verschluss: Der Behandler führt unmittelbar im Anschluss eine plastische Deckung mittels eines Rehrmann-Lappens durch.
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Medikation & Instruktion: Der Patient wird mit einem Rezept für ein Antibiotikum und abschwellende Nasentropfen sowie mit den essenziellen Verhaltensmaßregeln (Schneuzverbot!) entlassen. Ein Kontrolltermin zur Nahtentfernung nach 7-10 Tagen wird vereinbart.
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Alternative: Fühlt sich der Behandler mit dem chirurgischen Verschluss nicht sicher, ist die Alternative die temporäre Deckung der Alveole (z.B. mit einer Kollagenmembran und einer dichten Naht) und die sofortige Überweisung an einen MKG-Chirurgen, der den Verschluss am selben oder am nächsten Tag durchführt.
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Ergebnis: Durch das sofortige und korrekte Management der Komplikation wird eine komplikationslose Heilung erreicht und die Entwicklung einer chronischen Sinusitis oder Fistelbildung verhindert.