Lektion 4: Die Sinusitis maxillaris – Differenzierung zwischen odontogener und rhinogener Ursache

A. Klinische Relevanz

 

Eine Entzündung der Kieferhöhle (Sinusitis maxillaris) ist eine sehr häufige Erkrankung. Aufgrund der engen anatomischen Nachbarschaft können ihre Symptome – Druckschmerz im Oberkiefer, Aufbissempfindlichkeit – einen Zahnschmerz perfekt imitieren. Die entscheidende diagnostische Aufgabe des Zahnarztes ist es, eine odontogene (vom Zahn ausgehende) von einer rhinogenen (von der Nase ausgehenden) Sinusitis zu unterscheiden. Diese Differenzierung ist absolut kritisch: Eine odontogene Sinusitis wird niemals ohne zahnärztliche Behandlung ausheilen, und eine rhinogene Sinusitis wird sich niemals durch eine Wurzelkanalbehandlung bessern. Eine Fehldiagnose führt unweigerlich zu ineffektiver Therapie und unnötigen Eingriffen.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Die Pathophysiologie: Die Blockade des Ostiums Die Sinusitis entsteht fast immer, wenn der natürliche Abflussweg der Kieferhöhle – das Ostium maxillare – durch eine Schleimhautschwellung blockiert wird. Das in der Höhle produzierte Sekret staut sich an, was einen idealen Nährboden für eine bakterielle Superinfektion darstellt. Die entscheidende Frage ist: Was hat die Schwellung verursacht?

2. Die rhinogene Sinusitis (nasalen Ursprungs)

  • Häufigkeit: Die überwiegende Mehrheit aller Kieferhöhlenentzündungen (ca. 80-90%).

  • Ätiologie: Ist in der Regel eine Komplikation einer viralen oder allergischen Rhinitis (Schnupfen). Die Entzündung der Nasenschleimhaut breitet sich auf die Schleimhaut des Ostiums aus und verschließt es.

  • Klinik:

    • Anamnese: Patient berichtet von einer vorausgegangenen oder aktuellen Erkältung.

    • Symptome: Oft beidseitig oder seitenwechselnd. Druckschmerz, der sich beim Vornüberbeugen verstärkt, verstopfte Nase, oft klarer bis gelblicher Nasenausfluss.

    • Zahnschmerz: Dumpfer, drückender Schmerz, der oft auf mehrere Oberkiefer-Seitenzähne projiziert wird. Die Zähne fühlen sich “zu lang” an.

3. Die odontogene Sinusitis (dentalen Ursprungs)

  • Häufigkeit: Macht ca. 10-20% der Fälle aus, ist aber eine häufige Ursache für chronische, therapieresistente, einseitige Sinusitiden.

  • Ätiologie:

    • Hauptursache: Eine apikale Parodontitis an einem Oberkiefer-Prämolar oder -Molar. Die Infektion von der Wurzelspitze durchbricht den dünnen Kieferhöhlenboden.

    • Weitere Ursachen: Parodontale Taschen, die die Kieferhöhle erreichen; eine nicht verheilte Mund-Antrum-Verbindung (MAV); in die Kieferhöhle verlagerte Fremdkörper (Wurzelreste, Implantate).

  • Klinik:

    • Anamnese: Keine Erkältungssymptome. Eventuell eine Vorgeschichte mit Zahnschmerzen oder einer Zahnbehandlung in der Region.

    • Symptome: Fast immer strikt einseitig. Charakteristisch ist oft ein einseitiger, übelriechender Nasenausfluss (Kak-osmie), da die Infektion von anaeroben Mundbakterien verursacht wird.

    • Zahnbefund: Der entscheidende Hinweis. Es lässt sich ein einzelner, kausaler Zahn identifizieren (z.B. nekrotisch, nicht vital, tiefe Tasche, perkussionsempfindlich).

4. Differenzialdiagnostische Übersicht

Merkmal Rhinogene Sinusitis Odontogene Sinusitis
Anamnese Erkältung, Allergie Zahnärztliche Vorgeschichte
Lateralität Oft beidseitig oder wechselnd Fast immer streng einseitig
Nasensekret Meist geruchlos Oft einseitig, faulig riechend
Zahnbefund Alle Zähne vital und unauffällig. Ein kausaler, pathologischer Zahn ist identifizierbar.
Bildgebung (DVT) Diffuse Schleimhautschwellung Lokalisierte, “pilzförmige” Aufwölbung der Schleimhaut direkt über der ursächlichen Wurzelspitze.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Der diagnostische Algorithmus: Bei jedem Patienten mit Verdacht auf eine Sinusitis maxillaris ist die erste und wichtigste Aufgabe des Zahnarztes die vollständige und sorgfältige zahnärztliche Untersuchung der gesamten Oberkiefer-Seitenzahnregion (Vitalitätstest, Perkussion, Sondierung, Röntgen).

  • Findet sich eine plausible odontogene Ursache?

    • JA -> Diagnose: Odontogene Sinusitis. Therapie: Primär zahnärztlich (Wurzelkanalbehandlung oder Extraktion des ursächlichen Zahnes).

    • NEIN (alle Zähne sind gesund) -> Diagnose: Verdacht auf rhinogene Sinusitis. Therapie: Überweisung zum HNO-Arzt.

Fallbeispiel:

  • Szenario: Ein Patient klagt über einen dumpfen Schmerz im rechten Oberkiefer, der seit einer Woche besteht. Einige Zähne fühlen sich beim Zubeißen komisch an. Er hatte keine Erkältung.

  • Zahnärztliche Untersuchung:

    • Vitalitätstest: Alle Zähne von 14-17 reagieren positiv, mit Ausnahme von Zahn 16, der nicht reagiert.

    • Perkussion: Zahn 16 ist deutlich klopfempfindlicher als die Nachbarzähne.

    • Röntgen: Der Zahnfilm von 16 zeigt eine große, insuffiziente Füllung und eine deutliche periapikale Aufhellung, die bis an den Kieferhöhlenboden reicht.

  • Analyse: Alle Befunde deuten auf einen einzelnen, kausalen Zahn hin. Die Pulpanekrose an Zahn 16 mit nachfolgender apikaler Parodontitis ist die eindeutige Ursache für die Kieferhöhlen-Symptomatik.

  • Diagnose: Chronische odontogene Sinusitis maxillaris rechts, ausgehend von Zahn 16.

  • Therapie: Die kausale Therapie ist die Wurzelkanalbehandlung von Zahn 16. Nach erfolgreicher Desinfektion des Kanalsystems wird die Infektionsquelle eliminiert sein, und die sekundäre Entzündung in der Kieferhöhle wird von selbst ausheilen. Eine Überweisung zum HNO-Arzt ist initial nicht notwendig.