Lektion 8: Die Teilkrone – Die substanzschonende Alternative zur Vollkrone
A. Klinische Relevanz
Die Teilkrone ist der Inbegriff der minimalinvasiven Philosophie in der festsitzenden Prothetik. Während die Vollkrone den Zahn zirkulär fasst und dabei oft auch gesunde Zahnwände geopfert werden müssen, verfolgt die Teilkrone einen defektorientierten Ansatz: Sie ersetzt und schützt nur die Anteile des Zahnes, die tatsächlich zerstört oder geschwächt sind. Möglich gemacht wird dies durch die moderne Adhäsivtechnik, die eine mechanische Retention durch Umfassung überflüssig macht. Die Beherrschung der Teilkronentechnik ermöglicht es dem Kliniker, Zähne mit großen Defekten maximal substanzschonend, langlebig und biologisch verträglich zu versorgen.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Definition und Abgrenzung
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Vollkrone: Bedeckt alle fünf Oberflächen der klinischen Krone.
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Teilkrone (Overlay): Eine extrakoronale Restauration, die typischerweise die Okklusalfläche sowie eine oder mehrere Seitenflächen und Höcker bedeckt, aber mindestens eine axiale Wand (z.B. die bukkale Wand) vollständig unberührt lässt. Sie ist die logische Weiterentwicklung eines großen Onlays.
2. Indikationen Die Teilkrone ist die ideale Versorgung für große Defekte an Seitenzähnen, die für eine direkte Füllung zu ausgedehnt sind, aber noch über eine oder mehrere stabile, gesunde Wände verfügen.
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Hauptindikation: Große, mehrflächige Kavitäten (z.B. MOD), bei denen die verbliebenen Höcker frakturgefährdet sind und überkuppelt werden müssen, während z.B. die bukkale Wand noch intakt ist.
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Versorgung von endodontisch behandelten Zähnen, um die Höcker zu schienen und vor Frakturen zu schützen.
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Substanzschonende Bisshebungen im Rahmen einer Abrasionsgebiss-Sanierung.
3. Vorteile der Teilkrone gegenüber der Vollkrone
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Maximaler Erhalt von Zahnhartsubstanz: Dies ist der entscheidende Vorteil. Jede erhaltene gesunde Zahnwand erhöht die biomechanische Stabilität des Gesamtsystems.
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Schonung des Parodonts: Die Präparationsränder können fast immer supragingival gelegt werden. Dies ist deutlich gesünder für die Gingiva, erleichtert die Abformung, die Befestigung und die langfristige Hygienefähigkeit.
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Bessere Ästhetik: Eine unberührte, natürliche Zahnwand sieht oft vitaler und natürlicher aus als jede Keramik.
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Erhalt der Vitalitätstestung: An den unpräparierten Flächen kann der Zahn auch in Zukunft einfach auf Vitalität getestet werden.
4. Präparationsprinzipien für Keramik-Teilkronen Die Präparation ist anspruchsvoller als die für eine Vollkrone.
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Höckerüberkupplung: Die geschwächten, zu schützenden Höcker werden um mindestens 1,5 – 2,0 mm funktionell gekürzt, um Platz für eine stabile Keramikschicht zu schaffen.
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Keine Unterschnitte: Alle Kavitätenwände müssen eine gemeinsame Einschubrichtung aufweisen (leichte Divergenz).
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Abgerundete Innenwinkel: Zur Vermeidung von Spannungsspitzen.
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Definierte Präparationsgrenze: Eine klare Hohlkehle (Chamfer) wird als Abschluss der Präparation gestaltet.
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Adhäsives Design: Die Präparation zielt nicht auf makromechanische Retention, sondern auf die Schaffung von stabilen, gut klebbaren Schmelz- und Dentinflächen.
5. Materialien Die Teilkrone ist eine rein adhäsiv getragene Restauration. Daher sind nur Materialien geeignet, die einen starken und dauerhaften Klebeverbund mit der Zahnsubstanz ermöglichen.
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Lithium-Disilikat-Keramik (z.B. IPS e.max): Das ideale Material für Teilkronen. Es kombiniert exzellente Ästhetik mit hoher Festigkeit und lässt sich hervorragend adhäsiv befestigen.
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Goldlegierungen (historisch): Das klassische Material für Gold-Onlays/Teilkronen mit unübertroffener Langlebigkeit, aber ästhetischen Nachteilen.
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Hybridkeramiken/CAD/CAM-Komposite: Ebenfalls gut geeignet.
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Die entscheidende Rolle der Adhäsivtechnik: Der Erfolg einer Teilkrone steht und fällt mit der Qualität der adhäsiven Befestigung. Sie hält die Restauration nicht nur am Platz, sondern stellt auch den Kraftverbund zwischen Keramik und Zahn wieder her und stabilisiert die verbliebene Zahnsubstanz. Eine absolute Trockenlegung (Kofferdam) bei der Eingliederung ist daher zwingend.
Fallbeispiel:
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Szenario: An Zahn 37 befindet sich eine sehr ausgedehnte, insuffiziente Amalgamfüllung (MOD). Die palatinalen Höcker sind stark unterminiert und zeigen Risslinien (Cracked-Tooth-Syndrom). Die gesamte bukkale Zahnwand ist jedoch absolut gesund, karies- und füllungsfrei.
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Analyse:
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Der Zahn benötigt dringend eine Restauration mit Höckerüberkupplung, um eine Fraktur der geschwächten palatinalen Höcker zu verhindern.
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Option A (Vollkrone): Wäre eine sichere, aber unnötig invasive Option, da die massive, gesunde bukkale Wand geopfert werden müsste.
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Option B (Teilkrone): Ist die deutlich substanzschonendere Alternative, die das Problem gezielt löst, ohne gesundes Gewebe zu entfernen.
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Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Eine Keramik-Teilkrone aus Lithium-Disilikat.
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Präparation: Die alte Füllung wird entfernt. Die geschwächten lingualen Höcker werden um 2 mm gekürzt. Die okklusale und die approximalen Flächen werden präpariert. Die bukkale Wand bleibt unangetastet und dient als Führung.
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Herstellung & Eingliederung: Die Teilkrone wird im Labor/CAD/CAM gefertigt und in einer zweiten Sitzung unter Kofferdam adhäsiv eingesetzt.
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Ergebnis: Der Zahn ist biomechanisch wieder voll belastbar und vor Frakturen geschützt. Gleichzeitig wurde ein Maximum an gesunder Zahnsubstanz erhalten, und die Präparationsränder liegen im bukkalen Bereich weit von der Gingiva entfernt. Dies ist ein Paradebeispiel für moderne, minimalinvasive und biologisch orientierte Prothetik.